Fortnite

Wegen Corona treffen sich Vater und Sohn jetzt online – und retten einander das Leben

© Raffael Schuppisser

Das Virus trennte unseren Autor von seinem Sohn. Im Online-Game «Fortnite» fanden die beiden wieder zusammen – und zu neuen gemeinsamen Erlebnissen. Nun denkt der Vater anders über das Spiel.

Im Strassengefecht in einer kleinen Siedlung am See wurde mir meine Überforderung bewusst. Ich schoss wild um mich, doch statt Granaten verteilte ich Verbandsmaterial auf dem Schlachtfeld. Als ich realisierte, dass ich die falsche Waffe ausgewählt hatte, war es zu spät. «Papa! Was machst du?», höre ich meinen Mitstreiter genervt fragen, dann war es vorbei. Mein erster Ausflug in die virtuelle Welt von «Fortnite» endete, wie er enden musste, mit einem unrühmlichen Dahinscheiden wegen Dummheit.

«Fortnite» ist jenes Computerspiel, das geschätzte 95 Prozent aller Buben zwischen 9 und 13 Jahren spielen. Seit der Zwangsisolation ist der ohnehin hohe Stellenwert des Spiels bei den Primarschülern noch einmal gestiegen. Grob gesagt, funktioniert das Game so: Man sucht nach Waffen und Munition und versucht, die Gegner zu erschiessen, bevor sie einen erschiessen. Eltern finden das selten gut, tolerieren es höchstens.

Dass ich mich in die Welt von «Fortnite» verirrt habe, hat, wie alles dieser Tage, mit dem Virus zu tun. Letzte Woche rief die Mutter meiner Kinder an:

Zwei Wochen nur virtuelle Kontakte. Irgendwann hat man das mit der Videotelefonie gesehen. Also kam ich auf die Idee mit «Fortnite». Schliesslich hat sogar das Bundesamt für Gesundheit empfohlen, dass sich die Kinder besser in Online-Games als auf dem Pausenhof treffen sollen. Warum nicht auch ich mit dem Grösseren?

SUVs zertrümmern? Vielleicht ist das Spiel pädagogisch ganz gut

Ich erstelle mir ein Profil und betrete die virtuelle Welt. Kurz darauf begegne ich einer Banane, die mit der Stimme meines Sohns spricht. Ich bin irritiert.

Dass sein Sohn aussieht wie eine Banane, daran musste sich unser Autor zuerst gewöhnen.

Dass sein Sohn aussieht wie eine Banane, daran musste sich unser Autor zuerst gewöhnen.

Allmählich erkenne ich: Alle Spieler, die etwas auf sich halten, tragen hier ausgefallene Kostüme – nur Anfänger wie ich nicht. Für mich, der in den 90er-Jahren mit Ego-Shootern wie «Doom» oder «Half-Life» sozialisiert wurde, ist das unverständlich. Damals musste ein Shooter düster und brutal sein und möglichst authentisch wirken. Die Welt von «Fortnite» hingegen ist knallbunt wie eine Kindergeburtstagsparty.

Gewöhnliche Ego-Shooter sehen realistischer aus als Fortnite – und brutaler.

Gewöhnliche Ego-Shooter sehen realistischer aus als Fortnite – und brutaler.

Ausgerüstet mit einer Axt, ziehen mein Mitstreiter und ich los auf der Suche nach Waffen. Mit der Axt, so realisiere ich bald, kann ich nicht nur Bäume fällen, sondern auch Mauern ein- und Autos kurz und klein schlagen. Letzteres macht mir besonders Spass, und ich glaube, ein Spiel, bei dem man SUVs zerstören darf, kann pädagogisch nicht so schlecht sein. Als Vater bin ich beruhigt. Ausserdem fliesst bei Schiessereien kein Blut. Wer stirbt, verschwindet einfach. Das hier ist ein Spiel, harmlos und ohne die Absicht, Kampf und Tod realistisch abzubilden.

Was mir aber Sorgen macht: Ich werde viel öfter getroffen als ich mir das hätte vorstellen können. Wohingegen sich meine Schusssalven weit verteilen, nur keine Gegner treffen. Dabei kann ich, wie erwähnt, auf ein bisschen Schiessspiel-Erfahrung aufbauen.

Hinzu kommt, dass «Fortnite» komplexer ist, als ich vermutet habe. So kann man nicht nur Gegner erschiessen, sondern auch Gebäude aufbauen. In der Hitze des Gefechts ist das aber schwierig. Die Treppen, die ich baue, führen ins Nirgendwo; die Deckung steht noch nicht, wenn mich ein Kugelhagel erreicht. Und als mein Mitstreiter ruft, «Achtung! Papa! Der Sturm kommt», schaue ich nur verwirrt drein und bleibe stehen, bis mich ein blauer Nebel verschluckt.

Kurz überlege ich, mich auf die Trainer-Rolle zu konzentrieren und meinen Sohn zum E-Sport-Star zu pushen, wie andere Väter für ihre Kinder eine Tenniskarriere planen. Schliesslich habe ich gelesen, dass letztes Jahr ein 16-Jähriger bei der «Fortnite»-WM ein Preisgeld von drei Millionen Dollar gewonnen hat. Und dass die wichtigsten E-Sport-Matches im Internet von mehr Zuschauern verfolgt werden als der Fussball-WM-Final.

Sind durch Gamen zu Stars geworden:  Fortnite-Spieler Kreo, MrSavage, und Benjyfishy bei einem Match an der Weltmeisterschaft in den USA.

Sind durch Gamen zu Stars geworden: Fortnite-Spieler Kreo, MrSavage, und Benjyfishy bei einem Match an der Weltmeisterschaft in den USA.

Als ich aber auch in Erfahrung gebracht habe, dass E-Sportler zwischen sechs und zwölf Stunden täglich gamen, verwerfe ich den Plan wieder. Das scheint mir selbst für die Quarantäne-Zeit ungesund zu sein.

Die Banane und der Tannenbaum stacheln meinen Ehrgeiz an

Also doch lieber zu zweit und bloss zum Spass spielen. Ich gebe mir Mühe, mich besser in dieser Welt zurechtzufinden. Doch der Frust holt mich ein, als eine Figur im Weihnachtsbaumkostüm auftaucht, ein Freund meines Sohnes, wie sich herausstellt.

«Ist er gut?», will der Weihnachtsbaum wissen. «Nein», antwortet die Banane, «ist so ein Noob». Ich kenne die Gamer-Sprache noch genug gut: «Noob» kommt von «Newbie» und meint also einen Anfänger.

Mein Ehrgeiz ist angestachelt. Die Bemerkung lässt mir keine Ruhe. Am Abend, das Spiel ist längst zu Ende, schalte ich Netflix aus – und fahre die Playstation hoch. Ich beginne zu trainieren. Überhaupt macht mir «Fortnite» gerade mehr Spass als die neuste Staffel von «Haus des Geldes». Bald sind meine Schüsse präziser, ich lerne, welche Waffe ich wie einsetze, wann ich mich zurückziehen und wann angreifen muss. Sogar das Bauen, anfangs eine scheinbar nie zu meisternde Herausforderung, funktioniert allmählich. Durch meine Erfolge steige ich um rund ein Dutzend Leistungsstufen nach oben auf Level 23.

Ein epischer Sieg und Sehnsucht nach einer Umarmung

Als ich mich am nächsten Tag mit meinem Sohn zum Gamen verabrede, begrüsst er mich nicht mehr als Banane, sondern als Punk-Girl. Entdeckt er hier seine weibliche Seite?, fährt es mir durch den Kopf. Doch zum Nachdenken bleibt keine Zeit. Rasch sind wir in ein Gefecht verwickelt.

Zum Glück bemerkt mein Mitstreiter meinen Level-Aufstieg nicht – es wäre nicht einfach, zu argumentieren, warum ich seine Spielzeit begrenze, ich aber weiterspielen darf. Auch meine neu erlernten Schiess- und Baufähigkeiten beeindrucken ihn nicht sonderlich. Stutzig wird er erst, als ich beginne, ihm Tipps zu geben. Dass ich heimlich trainiert habe, darauf kommt er aber nicht. «Ach, du hast über ‹Fortnite› nachgelesen», meint er stattdessen. Ich widerspreche ihm nicht.

Wir entwickeln uns zum eingespielten Team, gehen strategisch vor, helfen uns gegenseitig aus – und erleben allerlei Abenteuer auf der virtuellen Insel. Unvergessen, wie wir im letzten Moment mit dem Helikopter dem Sturm entfliehen. Oder wie wir, getarnt, auf einem Hügel mit Sniper-Gewehren gleich zwei gegnerische Teams ausschalten. Schliesslich stürmen wir unserem ersten epischen Sieg entgegen. Nur noch ein einziges anderes Team ist im Spiel.

Gemeinsam gamen ist gut für die Familie: Ein Fortnite-Battle stärkt die Vater-Sohn-Beziehung.

Gemeinsam gamen ist gut für die Familie: Ein Fortnite-Battle stärkt die Vater-Sohn-Beziehung.

Dann werde ich getroffen, liege bewegungsunfähig am Boden, und der Sturm verschluckt mich. «Geh weiter», rufe ich meinem Mitstreiter zu, «du schaffst das.» Er bleibt stehen. «Ich mache jetzt etwas Verrücktes», ruft er zurück. Er kehrt um, läuft durch den Sturm.

, sagt er, hebt mich hoch und schleppt mich über der Schulter aus der Gefahrenzone.

Um ein Haar wären wir beide draufgegangen. Wir heilen uns und nehmen den Kampf gegen das letzte Team wieder auf. Es kommt wie in einem Hollywood-Film: Ein letztes Gefecht. Und wir sind die heroischen Sieger.

Die Welt ist zwar virtuell, die darin gemeinsam erlebten Abenteuer sind deswegen aber nicht von minderem Wert. Zwar ersetzen sie nicht eine Mountainbike-Tour oder einen Tag im Schnee. Doch wir werden bestimmt auch nach der Quarantäne ab und zu zusammen in «Fortnite» unterwegs sein. Zuerst freuen wir uns aber auf eine dicke Umarmung.

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