Bienenzucht

Üppiges Buffet für die Stadt-Bienen: Mitten in der Stadt halten Hobby-Imker Bienenvölker

«Ich wollte ein Stück Natur in die Stadt holen»: Imkerin Beatrice Meyer in ihrem Bienen-Paradies im Zürcher Quartier Aussersihl. Annika Buetschi

«Ich wollte ein Stück Natur in die Stadt holen»: Imkerin Beatrice Meyer in ihrem Bienen-Paradies im Zürcher Quartier Aussersihl. Annika Buetschi

Mitten in der Stadt Zürich halten Hobby-Imker über ein Dutzend Bienenvölker. Doch das kann zum Problem werden.

Es herrscht ein reges Treiben rund um die Kästen mit den farbigen Eingängen auf der Terrasse des Hotels Marriott.

Hier, mitten im Zentrum von Zürich, hält der pensionierte Architekt Peter Schneider seit einem guten Jahr 18 Bienenvölker. «Das Nahrungsangebot in der Stadt ist riesig», freut sich der Imker, der zudem im Zürcher Quartier Höngg sowie im Bergell Bienen hat.

Gleich auf der anderen Seite der Strasse erstreckt sich der Park des Landesmuseums mit seinen prächtigen Bäumen.

Hier blühen im Frühling Rosskastanien und Akazien. An der nahen Bahnhofstrasse finden die Insekten Linden, auf den Verkehrsinseln und Balkonen Blumen aller Art bis in den August hinein.

Peter Schneider ist längst nicht der einzige Imker in Zürich. Zunehmend entdecken Städter den Reiz der Selbstversorgung.

Sie pflanzen auf ihren Balkonen Gemüse an und sind dabei Teil der Urban-Gardening-Bewegung.

Es ist dann nur ein nächster, konsequenter Schritt, auch Bienen zu halten, um den Honig fürs «Zmorgenbrot» selber herzustellen. Urban Beekeeping nennt sich das Phänomen.

Alte Bienenkästen neu belebt

Lange bevor Imkern in der Stadt hipp geworden ist, hat Beatrice Meyer in Zürich schon Bienen gehalten. Nicht weit vom Luxushotel Mariotte entfernt, im Quartier Aussersihl, befinden sich ihre Bienenstöcke.

Ihr Mann hat bereits vor 30 Jahren auf dem Dach Bienenkästen aufgebaut, erzählt die Hobby-Imkerin. Doch Ende 80er-Jahre starben seine sechs Völker wegen der Varroa-Milbe, die damals aus Asien eingeschleppt wurde. Bis heute konnten die europäischen Bienen keine Abwehrkräfte gegen den Parasiten entwickeln.

Geschulte Imker behandeln ihre Bienen zweimal pro Jahr mit Ameisen- und Oxalsäure. Doch mit Chemie wollten Meyers damals nicht weiter hantieren.

Nach einer längeren Pause beschloss die Homöopathin vor bald 20 Jahren, die verwaisten Bienenkästen wieder zu beleben: «Ich wollte ein Stück Natur in die Stadt holen», sagt Meyer.

Ihre Dachterrasse bepflanzt sie üppig mit Blumen. Die Insekten finden aber auch viel Nahrung in der nahen Umgebung. Dass im Kreis 4 zwei weitere Imker präsent sind, sei kein Problem, sagt Meyer. «Es gibt genug Nektar.»

Imkerschulen hoch im Kurs

Auf dem Land dagegen gibt es wegen der verbreiteten Monokulturen häufig bereits im Juni keine Nahrung mehr. Dann sind der Raps und andere Kulturen verblüht. Zudem machen die Schädlingsbekämpfungsmittel, die in der Landwirtschaft verwendet werden, den Bienen zu schaffen.

Am schlimmsten sind die Antibiotika, die gegen Feuerbrand eingesetzt werden. Ihretwegen müssen jedes Jahr viele Imker ihren Honig vernichten. Abgase schaden den Bienen jedoch nicht. Sie sind im Honig nicht nachzuweisen.

Peter Schneider und Beatrice Meyer sind Mitglieder des Vereins Zürcher Bienenfreunde und haben das Handwerk in Kursen von Grund auf gelernt. Doch längst nicht alle urbanen Imker gehen so professionell vor.

Imkerverbände hegen Bedenken gegenüber Personen, die das Hobby zu wenig seriös betreiben. Doch diese seien nicht nur in der Stadt ein Problem, sagt Remigius Hunziker vom Bienenzüchterverein Basel. Viele hätten idealistische Vorstellungen. «Die Imkerei braucht viel Zeit, und man ist von März bis Oktober ziemlich angebunden.»

Ein Kurs dauert zwei Jahre. Um die komplexen Verhaltensweisen der faszinierenden Insekten wirklich zu verstehen und damit umgehen zu können, brauche es weitere drei bis vier Jahre Erfahrung, sagt Hunziker.

Für Imkerkurse gibt es zurzeit allerorts Wartelisten. «Wir haben grossen Zulauf», bestätigt Hunziker. Nachwuchssorgen haben die Vereine keine. Auch in Basel sei die Vielfalt an Pflanzen gross, sagt Hunziker. So leben etwa auch auf dem Theater mitten im Zentrum Bienen.

Expertenkritik an «Modeimkern»

Dass Stadtbienen von einem breiten Nahrungsangebot profitieren, bestätigt auch Peter Gallmann, Bienenexperte an der Eidgenössischen Forschungsanstalt Agroscope.

Gesünder und resistenter gegen Krankheiten seien sie deswegen aber wahrscheinlich nicht. Die Sauerbrut zum Beispiel – eine weitere hochansteckende Seuche – trete in der Stadt mindestens so stark auf.

Ein Dorn im Auge sind Gallmann deswegen nicht registrierte Imker, die auf dem Balkon ein, zwei Völker halten. Abgesehen von den Konflikten mit der Nachbarschaft würden sich Krankheiten verbreiten, wenn die Bekämpfung zu wenig konsequent betrieben werde.

«Viele wollen den Bienen nur zuschauen und keinen Honig ernten», bemängelt Gallmann. Wenn die Bienen Honigtauhonig eingelagert haben, der aus den zuckerhaltigen Ausscheidungen von Läusen stammt, könnten die Tiere aber schlecht überwintern. Oft sterben sie dann an Durchfall.

Profit fürs Fünfsterne-Haus

Es war Peter Schneiders Frau, die ihn auf die Idee brachte, einen Stadthonig zu produzieren und ihn unter dem Namen «Zürihonig» zu vermarkten. Auch andere Städte wie etwa Paris, London und New York preisen ihren eigenen Honig an.

Als Schneider beim «Marriott» anfragte, rannte er offene Türen ein. Die Imkerei verleiht dem Fünfsterne-Betrieb ein Image der Naturverbundenheit. Zudem verkauft das Luxushotel den Stadthonig an seine Gäste und verwendet ihn in der Küche.

Nur müsse er stets gut aufpassen, dass keine Bienen ins Innere gelangen, sagt Schneider und schliesst die Terrassentür ab. Von den Bewohnern in der Umgebung hat er noch nie Reklamationen erhalten.

Den ersten Winter haben seine Bienen so weit gut überstanden; nur zehn Prozent sind eingegangen. Um verlorene Völker wieder zu ersetzen, vermehrt der passionierte Imker seine anderen Völker.

Schneider hat schon vor der Pensionierung begonnen, sich mit der Bienenhaltung auseinanderzusetzen. «Ich suchte eine naturnahe Beschäftigung.»

Und es habe ihn fasziniert, wie raffiniert sich die Tiere organisieren.

Viele Neueinsteiger würden sich wohl einen Ausgleich zum hektischen Leben in der Stadt wünschen, mutmasst Schneider, wieso die Imkerei derzeit so angesagt ist.

Denn wer nicht allzu oft gestochen werden will, muss mit grosser Ruhe auf die Tiere zugehen. Peter Schneider scheint diese verinnerlicht zu haben.

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