Der Video-Schiedsrichter mache das Spiel «gerechter», wird oft argumentiert. Menschen machen Fehler und Schiedsrichter sind Menschen. Umgekehrt kann man allerdings auch fragen: Was ist ein Fehler? Nicht in allen Fällen ist so klar, wann der Schiedsrichter falsch liegt.

Die ersten Video-Hilfen für Schiedsrichter hat man denn auch installiert für Fälle, wo es eine eindeutige Entscheidung gibt: Ist der Ball hinter der Linie oder doch nicht? Geschah das Foul ausser- oder innerhalb des Strafraums? Ist ein Spieler wirklich offside? (Es ist physikalisch unmöglich, eine knappe Offside-Situation korrekt zu entscheiden, weil die Zeitunterschiede der relevanten Aktionen – Start des Spielers, Ballabgabe etc. – zu klein sind, als dass menschliche Sinnesorgane sie differenziert wahrnehmen und verarbeiten können. Man soll sich eher wundern, wie oft die Schiedsrichter und ihre Assistenten richtig liegen.)

Rund ein Drittel aller Schiedsrichter-Entscheide im Fussball ist aber in Situationen zu fällen, wo die Kriterien nicht so klar und eindeutig sind: beim Foul-Spiel. Der Video-Schiedsrichter kam in der Bundesliga oft zum Einsatz, wenn ein Elfmeterpfiff fraglich war oder ausblieb. Da hilft vor allem, dass die Situation aus mehreren verschiedenen Perspektiven angeschaut werden kann. Oft ist der Blickwinkel des Schiedsrichters nicht optimal.

Mehr Karten in Zeitlupe?

Der andere Vorteil, den die Technik bietet, ist Slow Motion. Eine Situation in Zeitlupe anzuschauen, hilft beim Entscheid, ob ein Foul vorliegt oder nicht. Psychologen von der Universität Leuven, Belgien, haben einen anderen Fall untersucht. Wie gut sind Schiedsrichter, wenn sie gelbe und rote Karten verteilen? 88 Top-Schiedsrichter haben mitgemacht und sich 60 Video-Clips in Real Time und in Slow Motion angeschaut.

Die Video-Clips enthielten Tackling-Situationen, die besonders schwierig zu beurteilen sind, weil dabei oft beide Spieler zu Boden gehen. Die Video-Perspektive war so gewählt, dass sie einer realen Spielsituation nahe kam: Spielfeldhöhe, vergleichbare Distanz zum Tatort, ähnlicher Blickwinkel. Ziel der Studie war nicht in erster Linie zu überprüfen, ob der Entscheid richtig war, sondern wie streng das Foul bestraft wurde. Der Schiedsrichter hat drei Möglichkeiten: Freistoss, wenn zwar ein Foul vorliegt, dies aber unbeabsichtigt zustande kommt (careless); gelbe Karte für ein rücksichtsloses, absichtliches Foul (reckless) und die rote Karte für ein besonders brutales Foul.

Interessant war, dass die Video-Geschwindigkeit den Foul-Entscheid nicht beeinflusste. Die Probanden entschieden nicht anders oder besser, wenn die Szene langsamer abgespielt wurde. Aber sie bestraften eine Aktion in Slow Motion signifikant strenger. Im Slow-Motion-Modus wurden mehr gelbe und rote Karten gezückt.

Slow Motion kann helfen bei der Frage: Foul oder nicht? Aber sie ist nicht das beste Tool, um menschliches Verhalten zu beurteilen. Liegt bei einem Foulspiel Absicht vor oder nicht? Slow Motion verzerrt die Wahrnehmung bei der Beobachtung menschlichen Verhaltens. Zeitlupe legt eher Absicht nahe.