Mofa-Revival

Sie knattern wieder durchs Quartier: Puch- und Ciao-Töffli sind zurück

Nostalgie für die einen, Kult für die anderen: Ciao-Töffli.

Nostalgie für die einen, Kult für die anderen: Ciao-Töffli.

Mit vibrierendem Sattel und Fahrtwind im Gesicht ist die Jugend von gestern mit ihren Töfflidurch die Gegend gebraust. Dieses Gefühl entdecken nun auch die Teenies von heute.

Es gibt Angenehmeres, als das verbrannte Gemisch aus Öl und Benzin in der Nase zu riechen. Für manche aber ist genau dieser Duft das beste Parfüm – noch dazu eines, das mit vielen Jugenderinnerungen getränkt ist. Ein Duft, der eine ganze Welle von Emotionen auslöst.

Damals, als man mit dem Zweitakter die Welt eroberte. Das ist zwar schon eine Weile her, und die grosse weite Welt endete oft schon ein paar Quartierstrassen weiter. Wie in meinem Fall, als ich meinen nagelneuen Cilo zum ersten Mal ausfuhr. Weiter als bis zur Mauer um die Ecke kam ich nicht. Statt des Bremshebels erwischte ich das Gas – und schon war die Gabel gestaucht. Trotz dieses Fehlstarts wurde aus mir eine passionierte Töffli-Braut.

Irgendwann sind sie dann verschwunden, die Töfflibuebe und -Meitli mit ihren knatternden Untersätzen. Plötzlich waren die Bikes das Nonplusultra. Doch in letzter Zeit liegt dieser markante Benzin-Duft wieder öfter in der Luft. Etwa wenn der Nachbarsjunge sich stolz auf den Sattel seines Mofas schwingt, mit einem beherzten Tritt den Motor anwirft und Gas gibt. Das Knattern klingt wie Musik in den Ohren.

Michel ist nicht der einzige Teenie, den das Töffli-Fieber gepackt hat. Auch viele seiner Kollegen und Kolleginnen haben inzwischen ihr Bike gegen ein Mofa eingetauscht. «Das ist viel cooler als ein Velo», findet der 14-Jährige. Und erst recht als ein E-Bike, «das ist sowieso nur was für ältere Leute». Er geniesst es, ohne schweisstreibende Anstrengung die steile Strasse zu seinem zu Hause hochzufahren oder den Weg ins Fussballtraining unter die Räder zu nehmen, ohne mit dem Bus mehrmals umsteigen zu müssen. Und am Morgen kann er ein paar Minuten länger im Bett bleiben, bevor er auf dem Mofa zur Schule fährt.

Das Gefühl von Freiheit

Auch die 15-jährige Katja hat sich kürzlich ein Mofa angeschafft, «selbst verdient von meinem Babysitter-Geld», wie sie stolz erzählt. Katja wohnt zwar in der Stadt, fühlt sich aber mit dem Zweitakter sicherer im Stadtverkehr. Ihr Vater, selbst ein angefressener Töffli-Freak, hat ihre Ciao-Occasion auf Vordermann gebracht. «Den Tank habe ich aber selber verziert.» Auch den Unterhalt und das Benzin muss sie sich aus ihrem Taschengeld bezahlen. «Deshalb bin ich nur mit dem Mofa unterwegs, wenn ich Geld habe.»

Was fasziniert die junge Generation am Töffli-Fahren? Ist es die beschauliche Fortbewegung als perfekter Ausgleich zum hektischen Alltag? Oder doch einfach das Gefühl von Freiheit? «Ich kaufte mir ein Töffli, weil ich nicht immer zu Fuss unterwegs sein wollte, vor allem abends», sagt Katja. Dazu den Wind in den Haaren zu spüren, sei eben schon cool. «Ich kann die Gedanken treiben lassen und gemütlich durch die Gegend tuckern», meint Michel zufrieden. Nur jetzt, wo es kühler werde, sei es weniger angenehm.

Stolz präsentiert er seinen Alpa – mit Puch-Motor. «Den kann man nicht mehr kaufen.» Ein neues Töffli wäre für ihn schon aus Budgetgründen nicht infrage gekommen. Man müsse zwar immer etwas reparieren, aber ein altes Modell habe eben viel mehr Charme.

Unsere hatten noch dazu extrabreite Lenker, verchromte Rückspiegel oder selbst gebastelte, hohe Rückenlehnen, wie es damals eben «in» war. Stundenlang hatten wir kleinen Easy Rider an unseren «Schnäppern» herumgebastelt – oder manchmal auch basteln lassen. Irgendein Kollege war immer so begabt, dass er den Auspuff und Kolben so bearbeitete, dass Puch, Ciao oder Cilo noch eine Spur schneller fuhren. Frisieren ist auch bei der aktuellen Töffli-Jugend ein Thema. So hat auch Michel versucht, das Letzte aus seinem Töffli herauszuholen. «Aber eine Rakete ist es trotzdem nicht, nun fährt es immerhin 35 km/h», meint er schmunzelnd.

Die SRF-Dokusoap «Töfflibuebe» hat in den vergangenen Jahren zweifellos dazu beigetragen, dass das Gefährt wieder in den Fokus rückte. «Aber auch Veranstaltungen wie das Alpenbrevet von Red Bull und ähnliche Anlässe», glaubt Dani Ziegler. Der Musiker ist neben Kabarettist Simon Enzler der Töfflibueb, der für die Sendung mit seinem Puch Sport unterwegs war. «Mit einem handgeschalteten Modell natürlich», wie er betont. Das tut er noch immer auch privat, etwa nach der Arbeit. Dann fährt er eine Runde durch seinen Wohnort Herisau. «Man sieht viel mehr, man kann herunterkommen vom Alltag.» Ob die Sendung nach Touren ins Tessin und ans Meer fortgesetzt wird, weiss Ziegler noch nicht. «Ich würde gerne mal in den Norden oder nach Österreich.»

Alte, aufgemöbelte Schnäpper

Einen Boom wie in den 1970er- und 1980er-Jahren werden die Mofas wohl kaum mehr auslösen. Zwar steigt die Zahl der Töffli seit 2012 wieder an, nachdem sie über viele Jahre stetig zurückging. 1980 waren 670 000 Töffli auf Schweizer Strassen unterwegs, heute sind es noch rund 165 000. Allerdings fallen unter die gleiche Kategorie auch die E-Bikes. Denn die Velos mit der Batterie gelten in der Statistik als Mofa. Frechheit. Wo bleibt der knatternde Motor?

Eine Tatsache ist, dass immer mehr alte Mofas wieder aus dem Keller geholt und aufgemöbelt werden. Sie werden nicht nur an die Jungen weitergegeben, sondern von den einstigen, mittlerweile in die Jahre gekommenen Besitzern selber wieder aktiviert. Das freut auch die Betreiber des Velos-Motos-Kellers in Amriswil TG. Als Spezialist für Ersatzteile und Zubehör von Marken wie Puch, Pony oder Piaggio hat er Kunden in der ganzen Schweiz und im nahen Ausland. «Schliesslich kann ein Sachs über 50 Jahre alt werden, und auch die Puch-Töffli halten 30 bis 40 Jahre», weiss Marius Holzer, der für den Verkauf zuständig ist.

Wer selbst wieder einmal Töffli-Luft schnuppern will, muss sich heute nicht gleich eines anschaffen. Mittlerweile kann man sie auch stundenweise mieten. Der Tourveranstalter Berger Events etwa bietet in Murten oder im Emmental Töffli an oder auch Velo Scheidegger in Ebikon. Die perfekte Gelegenheit, auf dem vibrierenden Sattel und mit dem Wind im Gesicht nostalgische Gefühle aufkommen zu lassen.

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