Mit 63 Jahren verunfallt die Mutter von Anett Gräfe mit dem Auto schwer –  sie ist von nun an querschnittsgelähmt. Nach einem langen Kampf verliert sie die Hoffnung und ist sich sicher: So will sie nicht leben. 

Die Tochter begleitet sie auf diesem Weg und schreibt das Buch «Abschied ohne Tränen». So verarbeitet sie die schwere Zeit von der Diagnose bis zur Sterbehilfe mit dem Tod ihrer Mutter. 

«Den Notausgang hatte sie immer im Hinterkopf», erzählt Anett Gräfe im «TalkTäglich» auf Tele Züri. Ihre Mutter Jana habe sich selbst sehr lange für Querschnittsgelähmte engagiert. Doch habe sie schon damals gewusst, dass für sie ein solches Leben nicht lebenswert ist. «Sie hat sich über ihre Aktivität definiert», erklärt die Tochter. 

Als die Diagnose nach dem Unfall kam, sei für ihre Mutter daher eine Welt zusammen gebrochen. Trotzdem kämpfte Jana mit der Unterstützung ihrer Tochter weiter und begab sich in Therapie.

Diese erzählt: «Wir haben auf jeden Fall gekämpft, zumal es bei Querschnittslähmung nie sicher ist, wie sich das entwickelt – es gibt immer Hoffnung.»

Die Entscheidung hat sie nie bereut

Das Wunder blieb am Ende trotz aller möglichen Therapien aber aus. «Meine Mutter hat mir direkt gesagt, dass sie nicht mehr leben möchte», erzählt Anett Gräfe. Ein schweres Los für die Tochter, die sich so lange um Besserung bemüht und alle Hebel dafür in Bewegung setzte. «Ich war deswegen selbst auch in psycholgischer Behandlung und musste erstmal für mich selbst einen Weg finden damit umzugehen», führt sie aus.

Trotzdem akzeptierte sie den Entschluss ihrer Mutter und begleitete sie auf dem Weg bis zur Sterbehilfe. «Meine Entscheidung, sie zu unterstützen, habe ich nie bereut», macht sie klar. Ihr Mutter sei entschlossen gewesen. 

Das Interview in voller Länge: 

Abschied ohne Tränen

Somit kam der Kontakt mit der Sterbehilfe-Organisation LifeCircle in der Schweiz zustande. Es folgten Überprüfungen der ärztlichen Berichte und viele Gespräche mit Fachkräften. Wie Gräfe erklärt, sei für sie dabei vor allem der offene Umgang mit dem Thema wichtig gewesen, da Sterbehilfe in Deutschland immer noch ein Tabu-Thema ist.

«Wir hatten einen Abschiedsprozess», erzählt sie. Ein offenes Gespräch mit ihrer Mutter über die eigenen Gefühle und die vergangene Zeit, sei dabei der entscheidende Punkt  gewesen, ab dem sie sich bereit dazu fühlte loszulassen.

Trotzdem seien am Schluss viele Tränen geflossen – auch wenn das Buch «Abschied ohne Tränen» heisst. Dieses zu schreiben sei wie eine Heilung für sie gewesen.

Ob das Schicksal ihrer Mutter auch sie selbst verändert hat? «Definitiv», sagt sie. «Ich glaube, wenn man dem Tod so nahe ist, geniesst man das Leben ganz anders.» (cki)