Die Beatles und ihr «Sgt. Pepper»-Album in allen Ehren. Und es mag auch noch etwas Glitzer auf Brian Wilson und sein «Pet Sounds»-Albümlein fallen. Aber der Sommer 1967 gehörte einer Band aus dem Nichts mit einem komischen Namen, in komischer Besetzung (Hammond und Piano), aber mit einem Song, der rauf- und runtergedudelt wurde. Man darf nicht vergessen, dass 1967 nicht nur der «Summer of Love» war, sondern auch der Sommer des Transistorradios. Und so war den ganzen Sommer hindurch überall und immer wieder das eingängige OrgelIntro zu hören. Darauf folgte ein getragenes Stück Musik, toll gesungen, aber was der Text bedeutete, durfte man nicht fragen. Das war «A Whiter Shade of Pale» von Procol Harum.

Die Single blieb fünf Wochen auf Nummer 1 der englischen Charts und erreichte die Top 5 in fast allen Ländern der Erde. Wie viele Exemplare verkauft wurden, lässt sich heute schwer sagen. Offiziell hält Elton John mit «Candle in the Wind» (1997) mit 4,9 Millionen verkauften Singles den Rekord in Grossbritannien. Also dürften die 6 Millionen, die 1978 bei der dritten Goldenen Schallplatte für AWSoP genannt wurden, etwas zu hoch sein. Aber weltweit dürften es bis heute über 16 Millionen Platten gewesen sein. Es soll über 1000 Cover-Versionen geben, aber «95 Prozent davon sind totaler Schrott», schreibt Procol-Chronist Henry Scott-Irvine. Höchstens 25 Versionen seien ansprechend.

A Whiter Shade Of Pale - Procol Harum

Musikvideo zum Song "A Whiter Shade Of Pale" von Procol Harum.

Der Sound und die Basslinie

Dass man beim Covern von AWSoP leicht abstürzen kann, dürfte jedem klar sein, der es im Ohr hat. Die absteigende Basslinie ist sakrosankt, harmonisch ist da nicht mehr viel zu machen. Und die Melodie muss sich dann jeweils an den Stufen orientieren, welche die (Text-)Zeilen vorgeben: Also Zeile 1 geht nach VI (a-Moll in C-Dur), Zeile 2 landet bei II (d-Moll), Zeile 3 bei III (e-Moll) und so weiter. Man kann das natürlich harmonisch variieren, aber dann droht der Song seinen Charakter zu verlieren.

Die Musik hat so etwas Zwingendes. Sie geht von einer Grundstruktur aus, die das ausmacht, was man «westliche Musik» nennen könnte. Ein «Blues-Schema» der europäischen Musik.

Die grösste Hürde beim Covern bildet der Sound. Das auf der Hammond B3 gespielte Intro ist derart markant, dass man nur alles falsch machen kann, wenn man etwas ändert. Das war es, das die Köpfe wenden liess, wenn es aus den Radio-Lautsprechern drang.

Diesen Kirchen-Hammond-Sound hatte man bis anhin in der Popmusik noch nie gehört. Die musikalische Struktur an sich war bekannt, man hört sie auch in «For No One», das Paul McCartney für die Beatles komponiert hat. Oder die Basslinie aus «Michelle». Aber dieser barocke Sound – das war neu. Und er passte natürlich nicht nur in die Zeit, sondern auch zur Musik. Hier hört man auch heute noch den Weltmeister der Kirchenmusik, Johann Sebastian Bach (1685–1750). Das Werk, woran sich Gary Brooker, Komponist von AWSoP, orientierte, war zwar ein weltliches: die Air aus der Orchestersuite Nummer 3 in D-Dur. Aber die Musik von Bach trägt den Song, unüberhörbar.

Gary Brooker

Komponiert wurde «A Whiter Shade of Pale» vom Sänger und Pianisten Gary Brooker. Brooker war während der ganzen Existenz von Procol Harum der Kopf. Die Rechte aller Songs lagen seit 1967 bei Brooker/Reid zu je 50 Prozent. Matthew Fisher verliess die Band 1969, arbeitete aber später wieder mit den alten Kumpeln und trat mit ihnen auf. 2005 klagte er vor Gericht und verlangte, als Co-Autor von AWSoP genannt zu werden. «Es ging mir nie ums Geld», sagte er. In erster Instanz sprach ihm das Gericht 40 Prozent des musikalischen Copyrights zu. Die nächste Instanz kam zum Schluss, Co-Autor sei okay, aber um Geld zu verlangen, sei es nach 37 Jahren etwas spät. Die letzte Instanz hob dies wieder auf. Keith Reid war nicht nur Texter, sondern in den turbulenten 1960er-Jahren zeitweise auch Manager der Band. (CBO)

Orchester Suite Nummer 3, Bach in D-Dur

 Bach verwendet in der Air allerdings nur die obere Hälfte der Abwärts-Basslinie. In diesen ersten Takten ist der Bach-Anklang auch überdeutlich. Auch er lässt das Solo-Instrument am Anfang einen langen Ton spielen, auf der Terz, während der Bass bis in die Dominante absteigt. Dann «bewegt sich» die Melodie, die Sexte (d–h) ist auch bei AWSoP zu hören, und Bach lässt den Bass chromatisch aufsteigen, bei Brooker marschiert er streng bis zum Grundton hinunter.

AWSoP wurde geschrieben für eine Band, die es gar nicht gab. Gary Brooker war Pianist und Sänger bei einer R&B-Formation, The Paramounts, wie es damals viele gab in England. Sie waren nicht völlig unbekannt, aber das Repertoire, das sie spielten – die alten Blues-Nummern aus den USA, die auch die Beatles und Stones berühmt gemacht hatten – war 1966 in England in allen Plattenläden angelangt.

Was bedeutet der Text?

Brooker beschloss deshalb, die Paramounts aufzugeben und Songwriter zu werden. Er hatte sich zuvor mit Keith Reid getroffen, der Songtexte schrieb. Er tat dies zwar in Anlehnung an den Übervater Bob Dylan, aber auf durchaus eigenständige Weise. Im Bündel Papier, das Reid Brooker zusteckte, war auch AWSoP. Die Worte berührten ihn. «Es scheint um zwei Leute zu gehen, eine Beziehung und Erinnerung. Es gibt ein Verlassen und Traurigkeit.»

Keith Reid kann nicht verstehen, warum man immer sagt, man verstehe nicht, was die Worte bedeuten würden. Der Text sei nicht von Drogen inspiriert, sondern von Büchern. Dylan hatte der jugendlichen Fangemeinde auch schon Bildfolgen vorgesetzt, die – sagen wir mal – sich etwas unvermittelt gruppierten. Das «Bitte hab mich lieb»-Schema, das die Pop-Texte bisher prägte, war davon weit entfernt. Aber es waren auch nicht mehr die klagenden Lieder betrunkener Baumwollpflücker, die von ihren Frauen verlassen worden waren, was den Blues prägte. Man muss die Bilder auf sich wirken lassen.

Weil der Song mit mehr als 4 Minuten schon weit länger war als üblich, liess man zwei Strophen weg. Lesen Sie hier, was es mit den zwei fehlenden Strophen auf sich hat. 

Die Band aus dem Nichts

Brooker hatte einen Song, aber keine Band. Immerhin einen Namen für sie. «Procol Harum» (bedeuten soll es nichts) stammte auch von Guy Stevens, einem DJ-Impresario, wie die berühmte Titelzeile: «Jetzt siehst aber ein bisschen blass aus, Liebling», soll er nach einer Party zu seiner Frau gesagt haben. Keith Reid hörte das.

Diverse Zeitungsannoncen, Vorspieltermine später hatte Brooker einen Bassisten und einen Gitarristen, aber keinen Schlagzeuger. Und die entscheidende Figur, Organist Matthew Fisher, hatte selber eine Annonce aufgegeben. Gitarrist und Schlagzeuger wurden wieder entfernt (während der Song noch auf Nummer 1 stand), mit Robin Trower (Gitarre) und BJ Wilson (Schlagzeug) komplettierten dann zwei Ur-Paramounts Procol Harum. Procol Harum waren kein One-Hit-Wonder. Aber die Geister von AWSoP liessen sie nicht los.