Ausbildung

Schulzeugnis verliert an Wert: Unis und Betriebe setzten auf Eignungstests – gefährdet das die Chancengerechtigkeit?

Bloss mit einem Bewerbungsgespräch kommen die Jungen heute oft nicht zu einem Job.

Bloss mit einem Bewerbungsgespräch kommen die Jungen heute oft nicht zu einem Job.

Ein gutes Zeugnis ist bei der Studienplatz- oder Lehrstellensuche heute oft weniger Wert als früher. Lehrbetriebe und Hochschulen selektionieren lieber mit Eignungstests. Deren Aussagekraft ist aber umstritten.

In der Schweiz lernen Kinder: Wer in der Schule fleissig ist, kann später werden, was er oder sie will. Schüler mit guten Noten erhalten die besten Lehrstellen oder können an Universitäten studieren. So weit die Theorie.

In der Praxis funktioniert das im Jahr 2020 nicht mehr so einfach. Das Schulzeugnis hat an Wert verloren. Universitäten und Lehrbetriebe wählen Auszubildende immer häufiger mit Eignungstests aus, anstatt nur die Schulnoten anzuschauen.

Vor 20 Jahren mussten nur angehende Medizinstudenten eine Aufnahmeprüfung bestehen. Heute ist das auch Pflicht für Studenten aller Pflegeberufe, Sport- und Dolmetschstudenten sowie Absolventen einiger Studiengänge an Fachhochschulen. Lehrlinge müssen neuerdings ebenfalls einen Eignungstest (Multicheck) schreiben, bevor sie bei grossen Unternehmen wie Coop oder der SBB eine Lehrstelle erhalten.

Solche Eignungstests prüfen in der Regel nicht das Wissen oder die Motivation von Kandidaten, sondern deren Fähigkeit, algorithmisch Probleme zu lösen. Einige sind aufgebaut wie klassische Intelligenztests.

Sozialkompetenz zählt nichts

Dagmar Rösler, Präsidentin des Dachverbandes der Schweizer Lehrer, hält diese Entwicklung für problematisch:

Weil solche Tests zudem meist die Sozialkompetenz nicht berücksichtigen, missachten sie laut Rösler den Menschen als Ganzes.

Die allermeisten Eignungstests prüfen tatsächlich nur die kognitiven Fähigkeiten. Testteilnehmer müssen zum Beispiel Fehler in Bildausschnitten suchen, Satzlücken ausfüllen oder Diagramme interpretieren. Fähigkeiten, bei denen künstliche Intelligenz dem Menschen längst überlegen ist. Trotzdem bilden sie das Hauptkriterium bei der Selektion.

Jene Fertigkeiten, die wir zurzeit noch besser beherrschen als Maschinen – kreative und soziale Kompetenzen – werden dagegen fast nie getestet. Dies, weil bei diesen Kriterien die Auswertung nicht maschinell erfolgen kann und dadurch höhere Kosten entstehen würden.

Bessere Chancen für reiche Schüler

Für die Lehrbetriebe und Universitäten lohnt sich der standardmässige Einsatz von Eignungsprüfungen, sie können damit die Kosten fürs Auswahlverfahren auf Lehrlinge und Studenten abwälzen. Denn diese müssen den Test selbst bezahlen. Die Anmeldung zum Medizinertest kostet mehr als 200 Franken, fürs Mitmachen beim Multicheck müssen Lehrlinge 100 Franken bezahlen.

Dazu kommen Kosten für die Vorbereitung. Weil Eignungstests als schlecht trainierbar gelten, und die Prüfungsmacher die Aufgaben und richtigen Lösungen nicht veröffentlichen, ist es schwierig, selbstständig zu trainieren. Das nutzen Geschäftstüchtige aus, in dem sie teure Seminare anbieten.

Extrem ist das beim Medizinertest. Mehrere Unternehmen werben mit Fünf-Tage-Kursen um die 1400 Franken. Übungsmaterialien allein kosten etwas mehr als 300 Franken. Auch Lehrstellensuchende müssen tief in die Tasche greifen: Für einen Vorbereitungskurs zum Multicheck verlangt ein Zürcher Anbieter knapp 700 Franken. Dagmar Rösler vom Dachverband der Lehrpersonen kritisiert dies:

Die Lehrerpräsidentin sieht die Chancengerechtigkeit durch die Entwertung des Zeugnisses gefährdet.

Viele Eltern und Lehrer halten den Test nicht nur deshalb für unfair. Ein schlechtes Resultat beim Multicheck kann Sekschüler nämlich für ein ganzes Jahr blockieren. Der Test darf zwar mehrmals geschrieben werden. Doch wenn der zweite Versuch innerhalb der gleichen Periode stattfindet, wird in der Bestätigungsurkunde auch das schlechtere Resultat aufgeführt. Das ist Gift für die Lehrstellensuche.

Dazu kommt, dass in den Schulen sowieso schon viel getestet wird. Dagmar Rösler erklärt: «Neben normalen Prüfungen werden zum Beispiel in der Nordwestschweiz standardisierte Checks eingesetzt, um kantonale Unterschiede zu erfassen.»

Test sind auch eine Folge der kantonalen Differenzen

Ob Eignungstests überhaupt eine grössere Aussagekraft haben als Schulnoten, ist unklar. Studien zum Thema widersprechen sich. Und weil die Prüfungen in der Regel nicht veröffentlicht werden, gibt es keine unabhängigen Experten, welche die Wissenschaftlichkeit kontrollieren können.

«Externe Leistungsüberprüfungen können bei der Selektion von Schülern eine sinnvolle Hilfe sein», ist Urs Moser, Leiter des Instituts für Bildungsforschung der Universität Zürich dennoch überzeugt. Der Professor sagt:

Moser ergänzt aber, dass solche Tests niemals das Urteil der Lehrpersonen ersetzten können und nicht alleinstehend betrachtet werden sollten.

Damit ist auch Dagmar Rösler vom Dachverband der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer einverstanden. Die oberste Lehrerin plädiert dafür, dass Matur- und Volksschulzeugnis in Zukunft auch bei der Auswahl von Medizinstudenten, beziehungsweise Lehrstellensuchenden berücksichtigt werden. Eine faire Selektion könne nur geschehen, wenn auch die im Zeugnis festgehaltene Einschätzung der Lehrpersonen miteinbezogen wird. Rösler:

Könnten Sie Mediziner werden? Machen Sie den Test in unserem Quiz mit Fragen aus alten Numerus-Clausus-Prüfungen:

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