Verhaltenspsychologie

Ruhig mal ein bisschen kindisch sein hilft auch als Erwachsener

Wer spielt, hat mehr vom Leben - das gilt nicht nur für die Kindheit.

Wer spielt, hat mehr vom Leben - das gilt nicht nur für die Kindheit.

Verspielte Erwachsene sind albern? Keineswegs. Sie sind kreativer im Job, zufriedener im Leben und haben sogar Vorteile bei der Partnersuche. Jetzt konnten Psychologen zudem zeigen: Man kann Verspieltheit trainieren und so mehr Wohlbefinden erleben.

Albert Einstein mochte verrückte Tagträume. In seiner Fantasie stellte er sich regelmässig vor, wie es wäre, auf einem Lichtblitz zu reiten, und kam dadurch auf geniale Ideen. Der Nobelpreisträger Alexander Fleming, Entdecker des Penizillins, empfand seinen Job immer als Spass. «Ich spiele mit Mikroben», sagte er einmal. Auch US-Milliardär Elon Musk wurde wegen seiner verrückten Einfälle schon oft als kindisch bezeichnet, gleichzeitig aber als einer der grössten Visionäre unserer Zeit.

«Verspielten Menschen gelingt es, nahezu jede Situation, die sie in ihrem Alltag erleben, so zu gestalten, dass sie sie als unterhaltsam, intellektuell stimulierend oder interessant wahrnehmen können», sagt René Proyer, Professor für Psychologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU), der seit vielen Jahren Verspieltheit bei Erwachsenen erforscht. Dabei fand er heraus, dass verspielte Menschen nicht nur Vorteile im Beruf haben, sondern auch ganz allgemein zufriedener sind. Jetzt konnte er zudem erstmals zeigen: Verspieltheit lässt sich sogar trainieren.

Auch Introvertierte Typen neigen zur Verspieltheit

«Viele Menschen glauben, dass nur Kinder spielen, doch diese Annahme ist grundfalsch», sagt Proyer. Verspielte Erwachsene können soziale Beziehungen mit anderen besonders angenehm gestalten, unbeschwert sein, das Leben nicht zu verbissen nehmen, offen für groteske Situationen sein. Oft handelt es sich um Menschen, die Herausforderungen mögen, von Routinen rasch gelangweilt sind, gerne improvisieren.

Einer bestimmten Persönlichkeit lassen sie sich allerdings nicht zuordnen. «Eine alte Vorstellung ist, dass vor allem extravertierte Menschen verspielt seien», sagt Proyer. «Gerade Introvertierte schätzen aber häufig die intellektuelle Art der Verspieltheit.» Sie jonglieren gerne mit Ideen und Gedanken, haben ein Auge fürs Detail, denken vernetzt, nehmen leicht neue Perspektiven ein.

Positive Effekte im Experiment nachgewiesen

Verhaltensweisen, die sich durch einfache Übungen trainieren lassen, wie Proyer und sein Team in einer gemeinsamen Studie mit der Universität Zürich und der Pennsylvania State University kürzlich zeigen konnte. Die Psychologen teilten 533 Männer und Frauen in drei Experimentalgruppen und eine Placebogruppe ein. Die erste Gruppe sollte an sieben Tagen kurz vor dem Zubettgehen während 15 Minuten aufschreiben, welche drei verspielten Situationen sie an diesem Tag entweder selbst erlebt oder beobachtet hatten. Dazu sollten sie notieren, welche Gefühle sie dabei hatten. Manche Teilnehmer berichteten, wie ihnen im Bus plötzlich lustige Dinge an Mitfahrern, optische Täuschungen oder andere seltsame Tatsachen auffielen. Sie fühlten sie sich in diesen Situationen erheitert, aktiv und voller Freude.

Die zweite Gruppe sollte sich täglich in einer für sie ungewohnten Situation aktiv verspielt verhalten – etwa indem sie den Partner mit etwas Ungewöhnlichem überraschten, Kollegen etwas Lustiges auf den Tisch legten oder sich einem abgedrehten Tagtraum hingaben. Die dritte Gruppe sollte schlicht alle verspielten Situationen zählen, die ihnen am Tag auffielen – diese Zahl stieg im Verlauf der Studie an.

«Die Probanden haben gar nicht so viel Neues gemacht, sie wurden einfach aufmerksamer für Verspieltheit in ihrer Umgebung», sagt Proyer. Dadurch setzten sie diese auch selber häufiger ein. Die Studie, die im Fachjournal «Applied Psychology: Health and Well-Being» erschienen ist, konnte damit als erste Interventionsstudie an Erwachsenen zeigen, dass sich Verspieltheit anregen lässt und dass dies positive Effekte hat.

Weniger Aggressivität, mehr Vitalität - mehr Erfolg bei der Partnersuche

Der US-Anthropologe Gary Chick von der Pennsylvania State University hat die evolutionspsychologische Theorie aufgestellt, dass Verspieltheit eine Art Signalfunktion bei der Partnersuche haben könnte. Beobachten Frauen bei einem Mann Verspieltheit, sei das für sie ein Hinweis auf geringe Aggressivität – ein guter Prädiktor für eine stabile Langzeitbeziehung. Beobachteten Männer bei Frauen Verspieltheit, deute es für sie auf Vitalität hin. Erste Studien haben bestätigt, dass verspielte Menschen bei der Partnerwahl Vorteile haben.

Zudem erweist sich Verspieltheit als wirksame Strategie, um Stress zu mindern. Sie fördert Kreativität, hilft dabei, Neues auszuprobieren, Routinen zu brechen, ermöglicht Verknüpfungen, die es ohne unbeschwerten Spass nicht geben würde. Geht es etwa bei einem Brainstorming im Büro nicht weiter, kann Verspieltheit ein Weg zur Lösung sein. Einer sagt etwas Absurdes, alle sind überrascht, lachen vielleicht, plötzlich läuft der Ideenfluss wieder.

Natürlich ist es eine Gratwanderung, wie viel man sich am Arbeitsplatz erlauben kann, ohne schief angeguckt zu werden, denn verspielte Erwachsene werden oft als kindisch und albern betrachtet, meint Proyer, der sich wünscht, dass Erwachsene auch in ernsten Situationen mehr Verspieltheit wagen. «Es ist völlig in Ordnung und sogar sinnvoll, als Erwachsener verspielt zu sein. Man bleibt trotzdem ein ernst zu nehmender Mensch.» Und hat dabei einfach mehr Spass im Leben.

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