Leben

Ricardo: Des einen Plunder, des anderen Schatz – die schönsten Geschichten

Den Estrich oder Keller auszuräumen, kann dank Auktionsplattformen wie Ricardo.ch lukrativ sein.

Den Estrich oder Keller auszuräumen, kann dank Auktionsplattformen wie Ricardo.ch lukrativ sein.

Seit 20 Jahren kann man auf Ricardo.ch den Ramsch anderer Leute ersteigern. Das Beste daran sind die Geschichten dahinter.

Es beginnt meist mit einem kurzen Telefonat nach erfolgreicher Ersteigerung: Ich könne die Angelrute ­direkt bei ihr abholen, sagt eine leise Frauenstimme am anderen Apparat. Erwartungsvoll stehe ich am nächsten Tag in einer kleinen Blockwohnung. Auf dem Gästebett liegt, fein säuberlich ausgelegt, eine komplette, hochwertige Fischerausrüstung. Die habe ihrem Mann gehört, sagt die Frau, er sei vor drei Monaten gestorben. Ich könne gerne mehr mitnehmen, sie wisse damit nichts mehr anzufangen, wisse nicht, wie viel das noch wert sei. Mein Schnäppchen-Kauf bekommt einen schalen Nachgeschmack. «Sie sollten es sehr viel teurer verkaufen», sage ich. Sie lächelt und fragt, ob ich einen Kaffee will.

Alle sechs Sekunden wird heute ein Artikel auf Ricardo.ch ersteigert. Darunter so Alltägliches wie gebrauchte Skiausrüstungen (aktuell 71000 Angebote) oder alte Velos (7700 Angebote). Aber auch Raritäten wie etwa eine 2-Takt-Tanksäule, «voll funktionsfähig», ab 51 Franken. Oder Heu, beste «Alpenqualität», Selbstabholung an irgendeinem Berghang. Auch auffallend viele Traktoren und Bagger werden auf der Plattform versteigert. Skurrilitäten sorgen zwar immer wieder für Gesprächsstoff, doch vor allem ist die Auktionsplattform seit 20 Jahren ein blühendes Geschäftsmodell.

Unscharfe Fotos und Adrenalinschub bei Aktionsende

Als die Brüder Widmer im November 1999 in Baar die Vorläufer-Plattform auktion24.ch gründeten, war das Internet noch jung und etwas online zu ersteigern war ein Abenteuer. Nur schon diese Fotos! Unscharf waren sie früher oft, manchmal war darauf die ganze gute Stube zu sehen, nur das zu ersteigernde CD-Regal nicht richtig.

Legendär waren auch jene Verkäufer, die selbst Model standen, um Hüte, Helme oder Kleider an Mann und Frau zu bringen. Handys hiessen in den Anfangszeiten des Onlinehandels auch noch Natels und hatten keine Kameras. Um sich auf dem digitalen Flohmarkt zu tummeln, brauchte es einen Computer und eine Mailadresse. Dann war man Teil der Schnäppchenjagd 2.0. Ein Adrenalinschub durchfuhr den Körper, wenn die Auktion endete und man sich im Wettstreit um das höhere Gebot bis zur letzten Sekunde den Finger wund tippte.

3,7 Millionen Mitglieder, beliebteste Kaufplattform

Das Online-Aktionshaus hatte 1999 die zwar vorsichtige, aber eben auch sparsame Schweizer Volksseele an der richtigen Stelle getroffen. Die Tradition der Kinderkleiderbörsen und der Brockenhäuser fand ihre Fortsetzung im Netz. Schon 2006 hatte Ricardo eine Million Mitglieder. Heute sind es 3,7 Millionen – täglich sollen 1000 neu hinzukommen, vermeldet Tamedia. Das Schweizer Verlagshaus hatte die Plattform 2015 gekauft. Bereits damals war Ricardo der grösste Schweizer Online-­Marktplatz. Bis heute ist dessen Beliebtheit ungebrochen.

Das zeigt eine kürzlich veröffentlichte Umfrage der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften und der Hochschule für Wirtschaft in Zürich. 80 Prozent der Online-Kunden gaben an, auf Ricardo.ch einzukaufen. Vergleichsweise weit abgeschlagen sind tutti.ch (52 Prozent) und Ebay (49 Prozent).

Kurze Einblicke in fremde Leben

Dinge, die noch gut erhalten sind, und die im Keller nur Jahre und Staub sammeln, zu verkaufen: Das ist zeitgeistig, Secondhand schont die Ressourcen. Zwar ist Ricardo ein Online-Aktionshaus, doch die Begegnungen zwischen Käufer und Verkäufer sind intimer als jeder Flohmarkt, jedes Brockenhaus es je sein könnten. Man tritt ein in Stuben, Keller und Estriche, reicht fremden Menschen die Hand.

Unvergessen, wie ich in einer Winternacht mit einem leeren Kinderwagen auf dem Perron wartete. Eine schwangere Frau stieg aus dem IC aus, drückte mir 150 Franken in die Hand. Ich wartete mit ihr, bis der nächste Zug zurückfuhr. Sie erzählte mir, dass es ein Junge werden würde. Es war der gleiche Kinderwagen, den ich ein paar Jahre zuvor via Ricardo einem Paar abgekauft hatte, ihr Bub hatte gerade laufen gelernt, meiner steckte bei der Über­gabe noch im Bauch. Was wir heute unbedingt brauchen, steht schon wenig später in irgendeiner Ecke. Unnütz geworden, weil das Leben weiterdreht, Kinder grösser, Wünsche anders, Gelenke steifer werden.

Das glänzend polierte Rennvelo und der alte Mann

Wie bei dem Herrn, dem ich sein altes Rennvelo abkaufte. Ein wunderschönes Teil, Marke Bonanza mit Jahrgang 1970, giftgrün mit verchromter Radnabe und geschwungenem Lenker. Es war Liebe auf den ersten Klick. Dafür bin ich durch die halbe Schweiz gefahren. Als ich in die Quartierstrasse einbog, wartete der Mann schon vor der Garage, das Velo lehnte frisch geputzt an der Wand. Früher sei er Rennen gefahren, sagte er. Die Trophäen und Trikots an der Garagenwand zeugten noch immer davon. Ich soll mal ein Runde drehen, er würde den Sattel auf meine Grösse einstellen. Wir standen dann noch lange vor seiner Garage. Das Geld wollte er fast nicht annehmen.

Doch nicht alle Geschichten haben ein Happy End. Eben erst hat das Magazin «Beobachter» über Betrüger auf ­Onlineportalen berichtet. Einer der ­geschilderten Fälle spielte sich auf dem Ricardo-Marktplatz ab. Ein Kunde bezahlte dabei ein Smartphone im Voraus – bekommen hat er es nie. Ricardo sperrte zwar das Konto der Verkäuferin, den Schaden hatte jedoch der Kunde.

Weniger als die Häfteder Produkte ist aus zweiter Hand

Auch sind viele Verkäufer auf der Plattform heute professionell oder zumindest halbprofessionell unterwegs, verkaufen 1000 Produkte und mehr pro Jahr. Nur mit dem eigenen Kellerplunder ist das nicht zu bewerkstelligen. Lediglich vierzig Prozent der Angebote auf Ricardo stammen 2019 noch aus zweiter Hand, das meiste ist Neuware. Persönliche Begegnungen werden seltener.

Doch wer sucht, der findet sie noch, die Raritäten und Skurrilitäten: Etwa eine Hebebühne für 8000 Franken, maximale Traglast vier Tonnen. Direkt neben einer Babytrage, «wenig gebraucht, aber mit kleinem Fleck». Oder ein Playmobil-Zirkuszelt mit Tierstall, Mindestgebot 149 Franken. Das Ganze sei Teil einer grossen Gartenbahnan­lage, die jetzt aufgelöst werde, steht in der Beschreibung. Und schon tut sich eine neue Geschichte auf...

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Autor

Katja Fischer De Santi

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