Stumm

Reden ist Silber, Schweigen ein Schreck: Wenn hinter schweigenden Kindern eine Angststörung steckt

Rahel musste das Sprechen in der Klasse oder vor Fremden in kleinen Schritten üben.

Rahel musste das Sprechen in der Klasse oder vor Fremden in kleinen Schritten üben.

Stumme Kinder sind für Lehrpersonen kein grosses Problem. Deswegen wird die psychische Krankheit dahinter oft spät erkannt.

Sie antworten nicht auf die Fragen der Lehrperson. Sie erstarren auch vor anderen Kindern. Sie getrauen sich nicht zu sagen, dass sie aufs WC müssen. Solche schweigenden Kinder sind keine Einzelfälle mehr: Während die Störung früher als sehr selten bezeichnet wurde, gehen Fachleute heute davon aus, dass 0,5 bis 2 Prozent aller Kinder betroffen sind.

Mutismus, genauer «selektiver Mutismus», heisst der Fachbegriff. Es ist eine Angststörung und bedeutet, dass betroffene Kinder meist nur mit ihren Eltern und Geschwistern reden. Im Hort, im Kindergarten oder der Schule schweigen sie. Auch wenn sie gefragt werden, ob sie Schokolade möchten. Wenn sie nicken, ist das schon ein Erfolg.

Deutlich mehr Fälle von schweigenden Kindern

«Seit einigen Jahren haben wir deutlich mehr mutistische Kinder in der Therapie», stellt Rita Emmenegger Logopädin der Stadt Zürich fest. Sie ist eine der wenigen Logopädinnen, die sich auf selektiven Mutismus spezialisiert haben.

In der Schweiz gab es bis anhin lediglich eine Interessensgemeinschaft von Eltern mit mutistischen Kindern (mutismus.ch). Die Seite listet Logopädinnen und Logopäden, Psychologinnen und Psychologen, Maltherapeutinnen, Psychotherapeutinnen, Heilpädagoginnen und eine Begabungsexpertin auf.

Rahel hatte Glück. Sie wohnt in Winterthur, wo eine Mutismus-Expertin ihre Praxis hat. Die Schulpsychologin schickte sie im 2. Kindergartenjahr zu ihr und schrieb:

Rahel stand damals so unter Stress, dass sie täglich einnässte. Einige Wochen nach Beginn der Psychotherapie sprach Rahel im Kindergarten die ersten Worte. Nach fünf Monaten konnte sie mit der Kindergärtnerin und den Kindern ungehemmt sprechen. Das Einnässen hörte auf.

Für ihre Therapeutin Franziska Florineth war Rahel jedoch ein Muster-Fall: «Alles, was wir anpackten, funktionierte.» Nach weniger als einem Jahr konnte sie die Therapie beenden. «Sie merkte, da wird ihr geholfen, und ging gern hin», erinnert sich ihre Mutter. Heute ist Rahel 13 Jahre alt und immer noch keine Plaudertasche. Aber sie hat keine Mühe mehr, in der Schule zu sprechen.

Zu wenig ausgebildete Therapeutinnen

Die Schweiz hat Aufholbedarf: Franziska Florineth, Rita Emmenegger und weitere zehn Logopädinnen und Psychotherapeutinnen arbeiten an der Plattform www.mutismus-schweiz.ch, wo alle spezialisierten Therapeutinnen aufgeführt und auch Weiterbildungen angeboten werden sollen. Denn Tatsache ist, dass es nur in der Ausbildung zur Logopädin eine Sequenz zum Mutismus gibt plus eine Weiterbildung zu Stottern, Poltern und Mutismus. Psychotherapeuten müssen sich ihr Wissen und die Methoden selber aneignen.

Hinzu kommt, dass viele mutistische Kinder, die in der Krippe oder im Kindergarten nicht oder kaum sprechen, einfach als «schüchtern» gelten und Eltern wie Betreuer davon ausgehen, dass das Kind «schon noch auftaut». Tatsächlich können Kinder nach dem Eintritt in Krippe, Kindergarten oder Schule vorübergehend verstummen. Wenn sie jedoch auch nach zwei Monaten noch nicht sprechen, sollte man handeln. Denn wie bei allen Angststörungen droht sich das Verhalten im Gehirn so zu fixieren, dass eine Therapie immer schwieriger wird.

Unbehandelt entwickeln die Betroffenen als Jugendliche und Erwachsene oft Depressionen und trauen sich in extremen Fällen nicht mehr aus dem Haus. Oft sind sie arbeitsunfähig.

Migrantenkinder sind viel häufiger betroffen

Betroffen sind häufiger Mädchen und deutlich häufiger Migrantenkinder. Die Mutismus-Expertinnen vermuten, dass der höhere Anteil an Ausländerkindern auch zum Anstieg von Mutismus geführt hat. Denn diese fühlen sich in der geforderten Sprache ohnehin unsicher und verstummen in Stresssituationen eher. Es ist aus demselben Grund auch kein Zufall, dass ein Drittel der mutistischen Kinder eine Sprechauffälligkeit hat und sich fürs Sprechen schämen.

Doch auch Kinder ohne Migrationshintergrund oder Sprechstörung können verstummen. Oft haben die Betroffenen eine sehr enge Beziehung zur Mutter und Trennungsängste. Bei einer neuen sozialen Herausforderung geraten sie zu stark unter Druck und frieren sozusagen ein, wenn sie sprechen sollten. Nach und nach entsteht ein Teufelskreis, der von Lehrpersonen und Eltern schwer zu durchbrechen ist. Die verzweifelten Eltern nehmen den Kindern Aufgaben ab oder sprechen für sie – was kontraproduktiv ist. Viele Lehrpersonen wiederum verstehen das Schweigen als Verweigerung und reagieren verärgert.

Rahel wünschte sich nichts sehnlicher als zu sprechen. «Reden ist ein Grundbedürfnis», sagt Therapeutin Florineth. Es ist der Schlüssel zu den sozialen Kontakten, die jeder braucht.

Was können Lehrer und Mitschüler also tun? Rahel sagt: «Sie sollen immer wieder etwas fragen.» Wie oft?

Bryna ist 14 und erst seit kurzem bei Florineth in der Therapie. Mit zwei Jahren klärte der Kinderarzt das extrem zurückhaltende Kind auf Entwicklungsstörungen ab, aber fand keine. Mehrere Jahre besuchte sie eine Logopädie und eine Figurenspieltherapie. Erst als dies nichts half, stimmten die Eltern der Psychotherapie zu.

Kleine Schritte bis zum Erfolg

Obwohl ihr das Sprechen mit Fremden noch schwer fällt, hat sie zugesagt, die Journalistin zu treffen. Sie mache fantastische Fortschritte, sagte die Therapeutin. Jetzt aber steht sie unsicher im Raum. Sie setzt sich und sagt wortkarg, ja, sie habe schon einmal einen Vortrag gehalten, halt nur vor der halben Klasse. Kleine Schritte, das ist das Rezept. Kleine, aber stetig wachsende Herausforderungen.

Ihre Freundinnen, sagt Bryna, würden mehr reden als sie «aber nicht so viel, dass sie nerven.» Wer nervt?

Ja, die Lehrer haben oft genug zu tun mit jenen, die ständig den Unterricht stören. Oft sehen sie bei mutistischen Schülern deshalb keinen Handlungsbedarf.

Bryna hat aber Lehrerinnen, die im engen Austausch mit der Therapeutin jeweils die neuen Mini-Etappenziele festlegen. Und Rahel hat ihr Blatt noch, auf dem es für jeden Erfolg einen Herz-Kleber gab: «7. 11. 12: Ich kann allein, ohne Mami, mit Frau Florineth ins Zimmer laufen!» «13. 11. 12: Ich habe mich zum ersten Mal getraut, eine Freundin anzurufen! Und: Im Kindsgi war ich mutig! Ich habe vor allen einen Purzelbaum gezeigt.»

Purzelbäume mochte sie sehr. Genau wie schöne Steine, die sie von Frau Florineth als Belohnung bekam, wenn sie sich im Unterricht freiwillig gemeldet hatte. Und sie hatte einen Stoff-Pinguin, der Mut machte.

Solches helfe, sagen die Therapeutinnen, aber der Anfang sei hart: «Es können Wochen vergehen, bis ein Kind spricht», sagt Florineth. Ihre Kollegin Psychotherapeutin Babette Bürgi Wirth sagt: «Je mehr Raum man einem Kind gibt, indem es die Schritte mitbestimmt, desto eher findet es seinen Weg.» Sie verhalte sich so, als wäre das Schweigen nicht da. Als könnte das Kind schon im nächsten Moment antworten.

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