Interview

Psychologin über Eltern-Kind-Beziehung: «Ein Kontaktabbruch kommt bei uns einem Tabubruch gleich»

Psychologin Anette Lippeck erklärt, was es heisst, den Kontakt zu den Eltern völlig abzubrechen. Und wie Menschen mit einem solchen Verlust umgehen können.

Eine Betroffene erzählt von ihrer traurigen und schweren Kindheit aufgrund einer gestörten Eltern-Kind-Beziehung (siehe Artikel am Ende des Interviews). Die inzwischen Erwachsene hat den Kontakt zu den Eltern abgebrochen – aus Selbstschutz. Das wirft viele Fragen auf. Wir sprachen mit der Nidwaldner Psychologin Anette Lippeck.

Diplom-Psychologin Anette Lippeck

Diplom-Psychologin Anette Lippeck

Wenn die Eltern sehr überfordert waren, vielleicht sogar gewalttätig dem Kind gegenüber – ist ein späterer Kontaktabbruch in der Folge eine Erleichterung? Oder ist es generell besser, Kontakt zu halten?

Anette Lippeck: Die Entscheidung «Kontaktabbruch – ja oder nein?» löst beim jungen Erwachsenen stets innere Kämpfe aus, die nicht ein für alle Mal ausgestanden sind. Selbstverständlich kann ein konsequenter Kontaktabbruch vor weiteren seelischen Verletzungen schützen, aber er kommt in unserer Gesellschaft einem Tabubruch gleich, der schwer auszuhalten ist. Und er fordert einen hohen Preis: Man muss die Sehnsucht aufgeben, die Beziehung zu den Eltern doch noch irgendwie «retten» zu können. Und wenn Geschwister da sind, die diesen Schritt nicht nachvollziehen können, bekommt der Konflikt noch einmal eine andere Dimension: Man verliert unter Umständen seine ganze Familie.

Verheilen Wunden besser, bricht man den Kontakt ab? Und: Können Wunden auch heilen, wenn eine Beziehung schwierig bleibt?

Es kommt darauf an, ob der junge Mensch gute, korrigierende Erfahrungen ausserhalb seiner Herkunftsfamilie machen kann. Wer zum Beispiel im Kontakt mit Lehrern, Nachbarinnen oder anderen Verwandten, in Freundschaften und in Liebesbeziehungen ein grosses Mass an Wertschätzung, Lebensfreude, Sicherheit und Verlässlichkeit erlebt, ist eher dafür gerüstet, ein schwieriges Verhältnis zu den Eltern zu ertragen. Nicht wenige der jungen Menschen, die als Kind von den Eltern schlecht behandelt wurden, versuchen sogar später, ihnen umgekehrt das Gute aus den eigenen Lebenserfahrungen zu vermitteln – und manchmal gelingt ihnen das auch. Und dann heilen nicht nur die eigenen Wunden.

Wie viel Sinn macht es, sich andere Bezugspersonen zu suchen? Wie Götti, Lehrer oder Grossmutter?

Selbstredend ist es gut, mit Menschen zu tun zu haben, die ermutigend, konfliktfähig und vertrauenswürdig sind – und die einen auf dem Lebensweg unterstützen. Dies können Verwandte sein oder Aussenstehende. Verheerend wird die Situation für ein Kind, wenn es hilfesuchend an Verwandte gerät, die aus falsch verstandener Loyalität das Unrecht ableugnen, es verharmlosen oder dem Kind sogar Vorwürfe für das Fehlverhalten der Eltern machen.

Wie finden Eltern und Kinder zu einem respektvollen Kontakt?

Es gibt eine Form der Gesprächsführung, die mit grossem Erfolg in der Konfliktmediation eingesetzt wird. Marshall B. Rosenberg hat sie ursprünglich entwickelt und nannte sie «nonviolent communication» (gewaltfreie Kommunikation): Man bezieht sich auf ein bestimmtes Verhalten seines Gegenübers, teilt ihm oder ihr mit, welche Gefühle es bei einem selbst ausgelöst hat und in welchen Bedürfnissen und Werten man sich als verletzt erlebt. Und dann folgt eine Bitte an den anderen um ein konkretes neues Verhalten. In dieser Gesprächsform ist für Rechthaberei, negative Unterstellungen und gegenseitige Entwertungen kein Platz, jedoch dafür, Verhaltensmuster zu entwickeln, zu denen alle Ja sagen können.

Kann eine Familientherapie dabei helfen, den Kontakt trotz Schwierigkeiten erträglich zu gestalten?

Bei einer systemischen Familientherapie hat die Therapeutin zwar alle beteiligten Familienmitglieder im Blick, aber diese müssen nicht physisch anwesend sein. So kann man diese Therapie auch mit grossem persönlichem Gewinn als Einzelperson in Anspruch nehmen. Der Leitgedanke ist auch hier, der Familie als Ganzes neue Perspektiven im Miteinander aufzuzeigen.

Sind Menschen, die als Kind schwere Misshandlungen erlebt haben, für immer gezeichnet?

Die Verarbeitung von frühen traumatischen Erfahrungen geschieht auf mehreren Ebenen: Auf der körperlichen Ebene ist viel erreicht, wenn die misshandelte Person an die negativen Erfahrungen denken kann, ohne mit Stresssymptomen zu reagieren. Auf emotionaler Ebene entscheidet das Opfer, welche Gefühle an die Stelle von Wut, Verachtung oder Rachelust treten. Sehr wertvoll scheint mir die spirituelle Ebene: Welche Antworten geben Menschen, die früh Opfer geworden sind, auf Fragen zum Lebenssinn? Wir sollten diesen Menschen zuhören. Sie haben uns etwas zu sagen.

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