Ig-Nobelpreis

Nicht skurril, sondern untersuchenswert: Diese Lügen-Studie ist nichts als die Wahrheit

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Die Harvard University in Cambridge (USA) verleiht jedes Jahr Preise für skurrile Forschung. Den Chemie-Preis erhielt VW. Interessanter ist eine Lügen-Studie.

«Ig» bedeutet «ignoble» – unehrenhaft, unwürdig. Gedacht ist der IG-Nobelpreis aber nicht als Preis, der nicht verdient ist. Der Preis soll durchaus ehren, Neugier und Forschergeist belohnen. Skurril soll die Forschung sein, ein bisschen Klamauk dabei: In Biologie wurden Forscher belohnt, die vor keinem Aufwand zurückschrecken, wenn es darum geht, dem Beobachtungstier in sein Habitat zu folgen. Charles Foster folgte Dachsen, Ottern, Füchsen, Rehen und Mauerseglern, Thomas Thwaites verkleidete sich für seine Forschungen als Ziege. Fosters Buch «Being a Beast» – im August erschienen – ist zwar skurril, aber dennoch höchlichst zu empfehlen. Denn es ist nicht «Wissenschaft» an sich, wertfrei, objektiv, nachvollziehbar, sondern Erfahrung pur. Foster will erfahren, wie es ist, ein Fuchs, ein Otter, ein Dachs zu sein. Zu leben wie ein solches Tier, in gleicher Umgebung, die gleichen Dinge zu essen, das lässt erahnen, welches «Weltbild» es hat. Oder man erkennt auf jeden Fall, dass unmittelbare Erfahrungen wie zum Beispiel Gerüche, die Erfahrung von «Nasentieren» wie Füchsen oder Dachsen weit mehr «formen», als man sich vorstellt. Das hilft zu verstehen, wie sich unser Weltbild formt.

Der Preis für Foster ist mehr als verdient. Der Chemie-Preis für VW ist der einzige, der wirklich «unehrenhaft» ist. Auch wenn die Begründung schmunzeln lässt: VW habe die Lösung gefunden für das Problem der Autoabgase durch ihre automatische Reduktion, wenn die Fahrzeuge getestet würden.

Auf den Online-Portalen ist der Ig-Nobelpreis beliebt, weil er schrill ist. Das kann Kommentare generieren, die fast bis zur Häme gehen. Oder auch signalisieren, dass man nichts verstanden hat? So erhielt den Ig-Nobelpreis für Psychologie eine Studie der Universität von Gent über das Lügen. Natürlich ist es interessant zu erfahren, wie oft der westliche Durchschnittsmensch lügt (1,65-mal/Tag – im Durchschnitt).

Lüge – ein komplexes Phänomen

Aber die Studie geht darüber hinaus. Und sie würdigt durchaus, dass das Lügen seine komplexe Seite hat. Nehmen wir einmal an, dass die Wahrheit sagen der Normalfall ist. Lügen wäre dann mit Aufwand verbunden. Kognitivem Aufwand vor allem, denn beim Lügen muss man ja auch die Wahrheit dauernd im Arbeitsspeicher halten. Und Aufwand entsteht auch, weil man verhindern muss, dass die Wahrheit einfach heraussprudelt.

Diese und ähnliche Phänomene kann man messen. Und die Studie versuchte dann auch die Frage zu beantworten, wie sich im Laufe des Lebens Neigung und Fähigkeit zur Lüge verändern. Verschiedene Tests zeigen, dass die Fähigkeit, seine Äusserungen zu kontrollieren, eine Kurve beschreibt, die einem umgekehrten «U» gleicht. Ähnliche Ergebnisse zeugen Tests, welche die Fähigkeiten zum Lügen untersuchen; unähnlich verhält es sich auch, wenn man nach der Lügen-Häufigkeit fragt.

Die Psychologen der Universität Gent testeten mehr als 1000 Personen verschiedener Altersklassen. Sie passten ihnen ab beim Eingang des NEMO Science Center in Amsterdam, liessen sie einen Fragebogen ausfüllen und testeten sie darauf, eine Antwort zu blockieren und auf Befehl zu lügen.

Das Ergebnis: Wir lügen dann am meisten, wenn wir es auch am besten können. Und das ist im Teenageralter und als junge Erwachsene. Kinder und Senioren lügen weniger und können es weniger gut. Nicht so trivial ist die Interpretation der Ergebnisse. Man kann – etwas spekulativ – daraus herauslesen, dass Lügen eine wichtige soziale Fähigkeit ist. Teenager brauchen sie zur Emanzipation von den Eltern und junge Erwachsene zur besseren Integration in die Gesellschaft. Gelogen wird offenbar weit weniger oft aus Hinterhältigkeit, sondern in bester Absicht.

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