Vogelsterben

Nahrungsmangel, Katzen, Gebietsverlust – auf das Insektensterben folgt das Vogelsterben

Von wegen «Alle Vögel sind schon da»: Seit einigen Jahren gehen die Vogelbestände auf der ganzen Welt zurück. Bild: Shutterstock

Von wegen «Alle Vögel sind schon da»: Seit einigen Jahren gehen die Vogelbestände auf der ganzen Welt zurück. Bild: Shutterstock

Weltweit gehen die Vogelbestände zurück. Die Vögel hungern, weil sie in der intensiv bewirtschafteten und vergifteten Landschaft keine Nahrung mehr finden. Gartenbesitzer können einiges tun, um die Situation von Amsel, Drossel, Fink und Star zu verbessern.

Keine Vögel weit und breit. Wo sind sie geblieben? Sicher nicht in dem Zürcher Maisfeld. «In einem Maisfeld leben und überleben nur wenige Insekten. Somit gibt es hier auch keine Vögel», sagt Stefan Bachmann von Birdlife Schweiz.

Dann tauchen am Horizont Krähen auf, die intensiv bewirtschaftete Landschaften nicht scheuen. Sie ernähren sich nicht nur von Insekten, sondern auch von Aas und vielem anderem und sind deswegen in der Schweiz weit verbreitet. Ganz im Gegensatz zu den meisten Brutvögeln des Kulturlands, die entweder ausgestorben oder auf dem Weg dazu sind.

Die Situation ist alarmierend. Die insektenfressenden Vögel sind im Kulturland in den letzten 26 Jahren um 60 Prozent zurückgegangen. Nach dem Insektensterben muss man auch vom Vogelsterben sprechen – beides hat eng miteinander zu tun. Deshalb machen wir uns im Raum Zürich zusammen mit dem Vogelexperten von Birdlife Schweiz auf die Suche nach Vögeln.

Auf den ersten Kilometern der Vogelwanderung sind die beiden grössten Probleme der Vogelwelt schon zu erkennen. Die wichtigste Ursache für den Niedergang der Vogelwelt ist die fehlende Nahrung. Am «Tag der Insekten», veranstaltet von Birdlife und Insect Respect in Aarau, wurde diesen Donnerstag erklärt, dass gemäss einer neuen Studie in den nächsten Jahrzehnten weltweit 40 Prozent aller Insektenarten aussterben werden, wenn nichts dagegen unternommen wird. In der Schweiz sind 40 Prozent der Insektenarten gefährdet und 5 Prozent bereits ausgestorben.

98 von 100 Vogelarten sind auf Insekten angewiesen

Das ist fatal für die Vogelwelt, denn von den hundert regelmässig brütenden Singvogelarten in der Schweiz sind nur zwei nicht auf Insekten angewiesen. Somit brauchen viele der 15 Millionen Brutpaare in der Schweiz jeden Tag oder zumindest während der Brutzeit Hunderte von Insekten.

Zwar mögen einige dieser Vögel zwischendurch Körner picken, aber den Nachwuchs können sie nur mit Insekten grossziehen. Der zweitwichtigste Grund ist das Fehlen sicherer Brutplätze, in denen die Eltern die Jungen gefahrlos aufziehen können. Die Nester werden vom Traktor überfahren oder vom Kreiselmäher zerstört. Allen Vögeln fehlen in intensiv bewirtschafteten Landwirtschaftszonen Hecken, Magerwiesen, Feuchtgebiete und alte Bäume.

Auch andere Ursachen sind fatal: In der Schweiz leben zu viele Katzen. Sie töten jedes Jahr mehrere Millionen Vögel. Oder die Wilderer, welche die Vögel auf ihrer Reise in den Süden zu Millionen gewaltsam vom Himmel holen, sowie die Fensterscheiben, an denen hierzulande Hunderttausende Vögel ihren Kopf einschlagen. Diese Ursachen sind aber untergeordnet im Vergleich zu den Problemen der fehlenden Nahrung und des Verlusts von Lebensraum und Biodiversität.

So steht es um bekannte Vogelarten in der Schweiz

Das Vogelsterben ist nicht nur in der Schweiz, sondern weltweit zu beobachten. Eine diese Woche veröffentlichte Studie zeigt, dass in Nordamerika seit 1970 der Bestand um einen Drittel, also um drei Milliarden Vögel zurückgegangen ist. Die Resultate zeigten eine noch nicht überschaubare Biodiversitätskrise, schreiben die Studienautoren: «Menschliche Einflüsse haben zu einer starken Zunahme des weltweiten Vogelsterbens geführt.»

Vor einem Monat hat eine Studie des deutschen Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie gezeigt, dass Amsel, Drossel, Fink und Star im Bodenseeraum viel an Boden verloren haben. Gerade die an sich häufig vorkommenden Arten gehen gemäss des Instituts massiv zurück. Die Bestände des Haussperlings um den Bodensee seien um 50 Prozent eingebrochen.

Pestizide reduzieren Zugvogel-Populationen

Aufsehenerregend ist eine aktuelle Studie aus Kanada. Untersucht wurde die Wirkung des Neonicotinoid-Insektizids Imidacloprid. Es vergiftet Pflanzen, welche danach von den Raupen gefressen werden. Das bekommt den Raupenfressern schlecht. Die untersuchten Singvögel litten unter Gewichts- und Orientierungsverlust. Dies sei der erste Beweis, dass der Pestizideinsatz direkt mit den schwindenden Zugvogel-Populationen zusammenhänge, schreiben die Forscher.

Die Vogelsuche mit dem Vogelexperten von Birdlife geht weiter – weg von der Monokultur in Richtung Naturschutzgebiet Filderen hinter dem Üetliberg bei Wettswil. Und tatsächlich ist bald darauf im Gebüsch der erste Vogel zu hören, eine Mönchsgrasmücke. «Um die Population einer Vogelart zu sichern, braucht ein Brutpaar eine gewisse minimale Anzahl an Nachkommen pro Jahr. Fehlen während der Brutzeit die Insekten, ist der Bruterfolg zu gering, und der Bestand nimmt ab», sagt Stefan Bachmann.

Im Naturschutzgebiet treffen wir auf einen Ornithologen, der, mit einem Fernrohr ausgerüstet, voller Stolz erzählt, er habe gerade eines der beinahe ausgerotteten Braunkehlchen im Feuchtgebiet entdeckt. Im Gebiet Filderen hat der Kanton Zürich im Rahmen der Westumfahrung Zürich das früher intensiv bewirtschaftete Landwirtschaftsland in einen vielfältigen Naturschwerpunkt für die Region umgebaut.

Wo vorher Raps in Monokulturen gewachsen ist, sieht man jetzt trockene, wechselfeuchte und feuchte Magerwiesen, naturnahe Bäche, Tümpel, Steinhaufen für die Eidechsen, Schilffelder, Brachflächen, Büsche, Hecken, Feldgehölz und einen kleinen Wald.

Heuschrecken springen den Beobachtern über die Schuhe. Die Filderen ist ein Paradies für die Insekten und damit auch für die Vögel. Seltene Zugvögel suchen die Feuchtflächen auf, ein Paar des seltenen Neuntöters hat Bachmann entdeckt, Kiebitze und Enten, Steinschmätzer und LimikolenArten.

Stockente, Blässhuhn, Teichhuhn, Wasserralle, Gartengrasmücke, Goldammer und Feldspatz brüten. Hier haben wir sie also gefunden, die Vögel, dort wo auch andere Tiere von der vielfältigen Landschaft profitieren. Möglich ist dies auch, weil viel Arbeit und Wissen in dieses kleine Naturreservat gesteckt wird. Geachtet wird auf das richtige Mähen der Wiesen.

Entscheidend ist wie viel, wann und wie. Denn es darf nicht zu viel gemäht werden und nur in Etappen. Sodass die Insekten in eine ungemähte Wiese fliehen können – und nicht wie in der intensiven Landwirtschaft vom Kreiselmäher oder beim Mulchen zerquetscht werden.

Vogel ist nicht gleich Vogel. Jede Art hat einen anderen Menüplan und andere Brutmethoden. «Am besten geht es den Generalisten unter den Vögeln. Mühe haben vor allem die Spezialisten, die auf einen bestimmten Lebensraum oder eine bestimmte Nahrung wie zum Beispiel grosse Raupen angewiesen sind», sagt Bachmann. Der Blick aus dem kleinen Naturreservat Filderen hinaus schweift Richtung Dorf über kahle Äcker. Einem Symbol für das bereits seit Jahrzehnten statthabende Vogelsterben.

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