Die Aktion #MeToo verbreitet sich gerade wie ein Lauffeuer im Netz. Unter dem Hashtag teilen Frauen auf den sozialen Medien, wie sich die Hände des Ex-Chefs auf ihrem Hintern breit gemacht haben, oder ihnen ein Freund des Vaters auf der Strasse hinterherpfiff. Die Reaktionen sind zahlreich, heute füllten schon nach wenigen Stunden bereits 30 000 Tweets den Kommunikationskanal Twitter. Auch auf Facebook geht das Thema viral.

Losgetreten hat die Aktion die Schauspielerin Alyssa Milano, bekannt aus der TV-Serie «Charmed – Zauberhafte Hexen». In einem Tweet forderte die 44-Jährige: «Wenn du sexuell belästigt oder angegriffen wurdest, schreibe ‹me too› als Antwort auf diesen Tweet.» Dies im Zuge der Missbrauchsskandals um den Filmmogul Harvey Weinstein. Mehrere Frauen werfen ihm Belästigung bis hin zur Vergewaltigung vor. Der 65-Jährige bestreitet, Frauen zum Sex gezwungen zu haben.

Milanos Aufruf ist bereits nach kurzer Zeit von den USA in die Schweiz geschwappt. Die geteilten Geschichten sind teilweise haarsträubend: «In einem Aufzug im Spielwarenladen meinte er meiner Freundin und mir sein intimstes Stück zeigen zu müssen. #MeToo.» Andere zeigen auch, wie sich manche Frauen an sexuelle Übergriffe gewöhnt haben. So sehr, dass sie die Taten im gleichen Kurztext herunterspielen: «#MeToo, Zum Glück keine grossen Dinge, aber auf die Pelle rücken, anzügliche Sprüche, an den Po greifen usw. immer wieder», schreibt eine Frau.

Auch Männer beteiligen sich an der Debatte. Einige aus Scham, wie der Tweet eines Mannes zeigt: «#MeToo, Nichts gesagt, als mein Kollege den ganzen Abend über anzügliche Bemerkungen über die Frauen im Club machte.» Andere aus Häme: «Ich werde immer wieder als jung und unfassbar schön bezeichnet. Bitte helft mir. #metoo»

Früher gab es weniger Echo

All das erinnert an die Aktion #SchweizerAufschrei, die vor einem Jahr viral ging. Die Genderforscherin Franziska Schutzbach hatte mit dem Hashtag eine Debatte ins Rollen gebracht. Die unter anderem offenlegte, dass Sexismus auch im Bundeshaus vorkommt. SP-Nationalrätin Mattea Meyer machte auf Twitter Vorfälle aus dem Kantonsrat und dem Parlament öffentlich. Über Nacht wurde sie damals zur politischen Stimme gegen Sexismus. Was hat die Aktion in ihren Augen bewirkt?

«Das Bundeshaus ist der Palast des Sexismus»

«Das Bundeshaus ist der Palast des Sexismus» (17. Oktober 2016)

Die abgewählte Nationalrätin Aline Trede erhebt schwere Vorwürfe gegen ehemalige Kollegen. So soll der Berner Stadtpräsident sie betatscht haben.

«Sie hat Betroffene ermutigt, auf niederschwellige Art zu zeigen, welche Form von sexueller Gewalt und Belästigung diese erlebt haben», sagt Meyer auf Anfrage. «Das gab es so vorher noch nicht.» Wie zum Beispiel nach dem Missbrauchsskandal um Dominik Strauss Kahn aus dem Jahr 2011: Damals fand zwar eine Sexismusdebatte statt, jedoch vor allem in den traditionellen Medien, weniger auf den sozialen Kanälen und nie in dieser Verbreitung.

Offenbar helfen die sozialen Medien in solchen Fällen heute den Frauen, ihre Übergriffsgeschichten publik zu machen. Im Freundes- oder Familienkreis trauten sich früher viele nicht, darüber zu sprechen. Zu peinlich waren ihnen die Erlebnisse. Zu stark fühlten sie sich vielleicht auch mitverantwortlich oder nahmen gleich ganz die Schuld auf sich. Schliesslich trugen sie ja einen Rock, als es passierte. Oder sie mussten sich wohl verhört haben. Oder sie hatten wohl schlicht zu sensibel reagiert auf das «Schätzeli» vom Kunden, Gast oder Nachbarn.

Mittlerweile hat der Wind gedreht: Frauen (und Männer!) schreien auf. Zumindest während solcher Skandalwellen auf den sozialen Medien. Im Schutze der Masse trauen sie sich, sich als Opfer zu outen. «Sie sehen, dass sie nicht alleine sind. Das gibt ihnen Mut, ihre Erlebnisse zu erzählen», sagt die SP-Nationalrätin Mattea Meyer. Das bringt wiederum einen Stein ins Rollen: Der breiten Gesellschaft wird bewusst, dass sexuelle Belästigung verbreiteter ist, als man gemeinhin annimmt. Aktionen wie der #SchweizerAufschrei tragen laut Meyer denn auch dazu bei, dass Sexismus nicht als normaler Alltag akzeptiert wird. Sie hofft nun, dass die #MeToo-Welle ebenfalls einen Effekt hat: «Dass Männer und Frauen nicht zusehen, sondern einschreiten, wenn sie Zeugen werden.»

Mit ihrer Hoffnung steht Meyer nicht alleine, wie die Twittermeldung einer Frau zeigt: «#MeToo, Ich fände es toll, wenn die Männer mitteilen würden, wann sie Zeugen waren und ob und wie sie reagiert haben. #sprichmitihm», schrieb eine Frau.