Mäusebussarde

Mit spitzen Krallen gegen Jogger

Mäussebussarde verteidigen ihr Nest zuweilen rabiat.

Mäussebussarde verteidigen ihr Nest zuweilen rabiat.

Im Frühjahr kommt es immer wieder vor, dass Mäusebussarde Passanten angreifen. Die Vögel wollen so ihren Nachwuchs schützen.

Vergangene Woche ist es wieder passiert. Ein harmloser Jogger, unterwegs im aargauischen Birmenstorf, wurde attackiert. Der Täter: ein Bussard. Jedes Jahr kommt es zu solchen Vorfällen, meist im Mai und Juni. So berichteten Medien in den vergangenen Wochen Ähnliches aus Solothurn, Rapperswil-Jona und Lörrach.

«Zu Attacken kommt es vor allem, wenn die Bussarde Junge im Nest haben», sagt Biologe Livio Rey von der Schweizerischen Vogelwarte. Pro Jahr erfahre man bei ihnen von rund einem Dutzend Vorfällen. Dabei greift der Bussard – ein Greifvogel mit einer Spannweite von ungefähr 1,20 Metern – meist von hinten an. Oft begnügt er sich aber damit, den Jogger, der vermeintlich die Jungvögel bedroht, zu erschrecken. Nur selten kriegt der Mensch tatsächlich die Krallen zu spüren.

Unglücklich verlief allerdings vor zwei Jahren ein Fall im Kanton Aargau: Eine Frau wurde über einen vermeintlich harmlosen Kratzer mit Hasenpest infiziert. Sie musste während mehrerer Wochen mit Antibiotika behandelt werden. Ob der Mäusebussard die Krankheit in sich trug oder ob er die Bakterien nur an den Krallen hatte, weil er ein infiziertes Tier geschlagen hatte, ist unbekannt. Doch eine derartige Übertragung der Hasenpest auf den Menschen scheint äusserst selten zu sein: In der wissenschaftlichen Literatur sind gerade mal zwei Fälle dokumentiert.

Wer von einem Greifvogel attackiert wird, soll gemäss Livio Rey die Augen schützen und sich entfernen. Dabei sollte der Vogel aber im Auge behalten werden – auch weil der Bussard eben in der Regel nicht von vorne angreift. «Auf keinen Fall soll Stärke markiert werden», rät Rey. «Ziel des Vogels ist es, den Menschen aus der Nähe der Jungvögel zu vertreiben. Wenn man sich entfernt, sollten die Attacken aufhören.» Bei Kratzern empfiehlt sich eine Impfung gegen Starrkrampf.

Ist ein Gebiet mit attackierenden Bussarden bekannt, empfiehlt es sich, in der Nähe nicht zu joggen. Denn Spaziergänger werden gemäss Vogelwarte erfahrungsgemäss verschont. Auch Velofahrer werden kaum je behelligt. Im Juli, wenn die Jungvögel ausgeflogen sind, ist die Gefahr vorüber. Livio Rey macht aber darauf aufmerksam, dass die Konflikte ohnehin sehr selten sind im Verhältnis zu den unzähligen Begegnungen zwischen Joggern und Bussarden – der Mäusebussard ist mit 15'000 bis 20'000 brütenden Paaren die häufigste Greifvogelart der Schweiz.

Werden Jogger attackiert, dann fast immer durch einen Mäusebussard, ausnahmsweise auch durch einen Milan. Aus Deutschland wurde zudem vereinzelt schon von Problemen mit Habichten und Rabenkrähen berichtet.

In der Schweiz begegnen Badende an Gewässern immer wieder mal Schwänen, die fauchend und durch Aufstellen der Flügel drohend ihr Revier verteidigen. Das macht Eindruck, denn mit bis 2,40 Metern Spannweite ist ein Schwan doppelt so gross wie ein Mäusebussard. Doch Livio Rey ist nur ein einziger Fall eines verhaltensauffälligen Schwans bekannt, der ernsthaft Menschen angriff.

Ob es zu Konflikten kommt, ist laut ihm keine Frage der Grösse des Vogels. Aggressives Territorialverhalten ist dagegen aus Nordeuropa von einem deutlich kleineren Vogel bekannt: Die Küstenseeschwalbe hat rund 70 Zentimeter Spannweite und wiegt gerade mal so viel wie eine Tafel Schokolade, aber sie greift auch mal einen Eisbären an, wenn sich dieser in die Nähe ihres Nestes wagt. Tatsächlich wird berichtet, dass ihr manchmal gelingt, einen solch übermächtigen Feind – der Eisbär ist das grösste Raubtier ausserhalb der Meere – zu vertreiben. Das freut wiederum andere Vögel, die ihre Nester gerne in der Nähe von Küstenseeschwalben bauen.

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