Leben

Mein erstes Mal in St. Gallen – und wie mir die Stadt trotz Hundewetter das Herz erwärmte

© Keystone

St. Gallen kannte die Autorin nur von Kalenderblättern. Dass die Stadt neben vielen Superlativen auch Bescheidenheit und gute Gastronomie zu bieten hat, liess sie den waagerechten Regen ertragen.

Zwei Erkenntnisse, die ich aus St.Gallen zurück mit ins Mittelland nehme: Der Sommer ist vorbei. Und: Die Stadt gewinnt dich für sich, selbst dann noch, wenn dir der Regen waagrecht ins Gesicht klatscht.

Ja, ich weiss, dass ich keinen Senf zur Wurst bestellen darf!

«Versuche als Erstes, ohne Karte vom Bahnhof zum Stiftsbezirk zu kommen. Und iss eine Bratwurst», empfiehlt mir meine Ostschweizer Kollegin vor meiner Reise.

Hier wird eine OLMA-Bratwurst hergestellt: Die Brätmasse wird in Naturdarm gefüllt, die Wurst sollte am Schluss exakt 165 Gramm wiegen.

Hier wird eine OLMA-Bratwurst hergestellt: Die Brätmasse wird in Naturdarm gefüllt, die Wurst sollte am Schluss exakt 165 Gramm wiegen.

Bratwurst essen: Kann ich, schaffe ich, und ich weiss sogar, dass man die Wurst nicht in Senf ­tunken darf (vorweg: Ich werde keine Bratwurst essen). Die barocke Stifts­kirche und die pompöse Bibliothek ­kenne ich bereits, ich erinnere mich an die grossen Monatskalender meines Grossvaters, der sich am liebsten Schweizer Touristenattraktionen in sein Ankleidezimmer hängte.

Finden werde ich den Stiftsbezirk dennoch nicht auf Anhieb. Was ich auch gar nicht unbedingt will, als ich in St.Gallen ankomme. Aber dazu später.

Als erstes muss ich Socken kaufen

Zugegeben, dies ist mein erster Besuch in St.Gallen. Erst der Auftrag dieser Zeitung, einen mir noch unbekannten Ort im Auflagegebiet zu erkunden, schickte mich in die Stadt, mit der ich bis anhin eine Eliteuni und ein bekanntes Fleisch-Erzeugnis verband. Dass ich nicht nur HSG-Studenten antreffen würde, sondern auch den Winter, überraschte mich dann doch. Kaum in St.Gallen angekommen, erstarre ich im Kälteschock auf dem zugigen Bahnhofplatz.

Auf dem Bahnhofplatz in St. Gallen fror ich bei meiner Ankunft nicht nur an den Füssen.

Auf dem Bahnhofplatz in St. Gallen fror ich bei meiner Ankunft nicht nur an den Füssen.

Kalter Wind bläst mir um die Ohren, und ich trage eindeutig falsches Schuhwerk. Zuerst muss ich mir also ein paar warme Socken zulegen. Das typische St. Galler Wetter trug immerhin zum Weltruhm bei Mit einem unfreiwilligen Umweg über den Roten Platz («Ach ja, stimmt, der ist ja in St.Gallen!») erreiche ich die Altstadt – und sehe leer gefegte ­Gassen. Offenbar wollen andere ebenso wenig draussen sein wie ich.

Der «Rote Platz» von Künstlerin Pippilotti Rist im St. Galler Bleicheli.

Der «Rote Platz» von Künstlerin Pippilotti Rist im St. Galler Bleicheli.

«Das Wetter ist typisch für St.Gallen: Hier ist es immer ein paar Grad kälter als in den Städten der Umgebung», erklärt mir der Verkäufer des Ladens, in dem ich dankbar Socken aus Alpaka-Wolle finde. St.Gallen liegt knapp 700 Meter hoch, dazu in einer windigen und feuchten Talsohle.

Das wirkt sich auf das Wetter aus. Und beeinflusste jahrhundertelang die Textilindustrie. Denn nur dank der feuchten Böden konnten im Mittelalter die sogenannten Bleichen angelegt werden, in denen das Leinengewebe über Wochen in stän­diger Nässe aufgehellt wurde – und dadurch eine Qualität erreichte, die St.Gallen in der ganzen Welt bekannt machte.

Die älteste Darstellung der St. Galler Bleichen (aus den 1540er-Jahren) zeigt eine grosse Anzahl Tücher, die westlich der Altstadt zur Bleiche ausgelegt sind.

Die älteste Darstellung der St. Galler Bleichen (aus den 1540er-Jahren) zeigt eine grosse Anzahl Tücher, die westlich der Altstadt zur Bleiche ausgelegt sind.

Die Textilindustrie fristet ­heute ein Nischendasein, geblieben sind Ortsnamen wie Kreuzbleiche oder Bleicheli. Ich ziehe meinen Schal enger um den Hals. Auf zum Stiftsbezirk.

Ob es daran liegt, dass ich vergeblich nach einer imposanten Kathedrale Ausschau halte, wie ich sie aus Solothurn kenne, oder daran, dass ich meinen Kopf meist unter den Regenschirm geduckt halte, weiss ich nicht. Einfach so landet man jedenfalls nicht im Unesco-Weltkulturerbe, zu dem der Stiftsbezirk 1983 erkoren wurde.

Nach dem Erststock-Beizli fühle mich wie in Wien – und bin beeindruckt

Dafür streife ich ziellos durch Terrain, wie ich es in Schweizer Städten so noch nie sah: Kunstvoll geschnitzte, sogenannte Prunk-Erker reihen sich an poetische Jugendstilfassaden und bunt renovierte Fachwerkhäuser. Dazwischen locken gemütliche Lokale von den kalten Strassen ins Warme.

Die Beizendichte in St.Gallen kann durchaus mit jener von Solothurn mithalten, von der man sagt, sie sei die grösste der Schweiz. Und so ist es mir nach einem von innen wärmenden Glas Weisswein aus dem Rheintal in einem der traditionellen Erststock-Beizli schon fast egal, dass es draussen waagrecht regnet.

«Zum Goldenen Schäfli» an der Metzgergasse ist eines der bekanntesten Erststock-Beizli der Stadt.

«Zum Goldenen Schäfli» an der Metzgergasse ist eines der bekanntesten Erststock-Beizli der Stadt.

Als sich der Stiftsbezirk endlich vor mir auftut, bin ich beeindruckt: Mitten in der Stadt treffe ich auf eine Weite, wie ich sie aus königlichen Städten wie Wien oder Paris kenne. Eine grosszügige Wiese und luftige Plätze säumen das voluminöse Klostergebilde und die barocke Kathedrale.

5 Dinge, die man in St. Gallen machen muss – die Tipps von Stadtführerin Christa Nüesch im Video:

Christa Nüesch, Stadtführerin bei St. Gallen Bodensee Tourismus erklärt, was man in St. Gallen alles erleben kann

Christa Nüesch, Stadtführerin bei St. Gallen Bodensee Tourismus erklärt, was man in St. Gallen alles erleben kann

Jahrhundertelang war die Benediktinerabtei eine der wichtigsten Kulturstätten Europas, wie mir meine Stadtführerin Christa erzählt. Die Stiftsbibliothek ist nicht nur eine der ältesten, sondern auch eine der schönsten Bibliotheken der Welt, wie ich mich selbst versichere. Diese Fresken! Unter den 2100 Handschriften befinden sich die wertvollsten weltweit, unter anderem der St.Galler Klosterplan von 825, der früheste bekannte Bauplan.

Die Stiftsbibliothek St. Gallen ist die einzige grosse Klosterbibliothek des Frühmittelalters (der Bau barocke Bau stammt allerdings aus dem 18. Jahrhundert), deren Bestand aus Hunderten von Pergament-Handschriften vom 8. Jahrhundert bis heute zusammengehalten werden konnte.

Die Stiftsbibliothek St. Gallen ist die einzige grosse Klosterbibliothek des Frühmittelalters (der Bau barocke Bau stammt allerdings aus dem 18. Jahrhundert), deren Bestand aus Hunderten von Pergament-Handschriften vom 8. Jahrhundert bis heute zusammengehalten werden konnte.

Und wo wir schon bei den Superlativen sind: Den ältesten Fussballclub der Welt wollen die St.Galler auch noch haben, und auch die älteste Brauerei der Schweiz (Schützengarten). Ziemlich viele Rekorde, die St.Gallen da vereint.

Viele Superlative, aber kaum Lokal­patriotismus – aber auch keine Wurst

Doch Lokalpatriotismus? Den spüre ich nicht. Der Stiftsbezirk protzt trotz pompösem Barock nicht mit pathetischen Informationstafeln oder auffallenden ­Installationen. Der Legende nach wurde St.Gallen gar «durch Zufall» gegründet, wie es im Touristenprospekt heisst. Trotz der schlechten Wetterbedingungen, die hier seit eh und je die Landschaft prägen, wie ich erfahre.

Die Lage St. Gallens in einer hoch gelegenen Talsohle begünstigt das kühle und feuchte Wetter. Es kann aber auch die Sonne scheinen, wie mir Einheimische erzählten.

Die Lage St. Gallens in einer hoch gelegenen Talsohle begünstigt das kühle und feuchte Wetter. Es kann aber auch die Sonne scheinen, wie mir Einheimische erzählten.

Man fror hier also schon vor knapp zweieinhalbtausend Jahren.

Umso besser passt da eine heisse, knackige Bratwurst. Es ist Samstagmittag, der Wochenmarkt geht gerade zu Ende, und vor der Metzgerei steht man viele Meter Schlange. Es regnet und ist windig, doch das scheint hier niemanden zu stören. Ich oute mich als Touristin und gehe lieber ins Warme. Nach St.Gallen werde ich bestimmt wieder reisen. Nächsten Sommer.

*Die Autorin lebt im Mittelland und fährt gern mit dem Zug durch die Schweiz. Dass sie es so lange nicht nach St. Gallen schaffte, liegt ein bisschen am dortigen Dialekt. Das wollte sie im Text lieber nicht erwähnen.

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