Entspannung

Meditation hilft – aber nicht gegen alles

Meditation kann das Wohlbefinden nachweislich verbessern. Uneinig ist sich die Wissenschaft bei chronischen Schmerzen.

Meditation kann das Wohlbefinden nachweislich verbessern. Uneinig ist sich die Wissenschaft bei chronischen Schmerzen.

Meditation soll gut sein für Körper und Geist. Doch nicht alle Versprechungen halten einem wissenschaftlichen Blick stand.

Meditation lindert Schmerzen. Meditation stärkt das Immunsystem. Meditation ist gut fürs Gehirn. Meditation macht glücklich. Laut solchen Schlagzeilen ist Meditation ein Universalheilmittel, das hilft, die Herausforderungen des Lebens zu meistern. Und all die positiven Effekte sind nicht nur durch die subjektive Erfahrung von Meditierenden, sondern durch wissenschaftliche Studien auch belegt. Scheinbar.

Denn beim genauen Hinsehen tauchen Fragen auf. Da wurden etwa für eine Studie in Yogastudios Probanden gesucht, die mindestens vier Monate Erfahrung mit Meditieren hatten. Sie mussten zu Beginn der Studie und nach jeder Meditationssession einen Fragebogen zu ihrer Stimmung ausfüllen. Das Resultat: Nach dem Meditieren geht es ihnen besser. Was nichts als logisch ist. Denn falls es Menschen gibt, die durch Meditation nicht glücklicher werden, haben sie wohl nach weniger als vier Monaten damit aufgehört und sind deshalb nie in dieser Studie aufgetaucht.

Alles nur Humbug also? Nein, Meditation kann tatsächlich guttun. Das bestätigt Annette Brühl, Leiterin des Zentrums für Depressionen, Angsterkrankungen und Psychotherapie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich: «Im Prinzip hilft Meditieren gegen Stress», sagt sie. «Allerdings braucht es Zeit, bis die Wirkung eintritt.» Wichtig sei, nicht nur zu Randzeiten zu meditieren, sondern sich auch im Alltag zwischendurch ein paar Minuten Zeit dafür zu nehmen.

Dass Meditation das Wohlbefinden verbessern kann, ist tatsächlich wissenschaftlich nachgewiesen. Ein Team der Johns Hopkins University in Baltimore hat vor vier Jahren 47 Studien zusammengesucht, die strengen wissenschaftlichen Kriterien genügen. Meditationsprogramme können Stress reduzieren, lautete das Fazit. Zudem lassen sich die Symptome bei Angstzuständen und Depressionen verringern, und dies in ähnlichem Mass wie durch Antidepressiva – aber ohne Nebenwirkungen. Meditation wird denn auch in der Psychotherapie eingesetzt, so an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich.

Wenig Effekt bei Schmerzen

Weniger klar ist, ob Meditation auch gegen chronische Schmerzen hilft, wie oft behauptet wird. In einzelnen Studien wurden derartige Wirkungen gesehen, andere Untersuchungen fanden hingegen keinen Effekt. Ein Team der amerikanischen Denkfabrik Rand Corporation berichtete 2016 zusammenfassend von einem schwachen Effekt auf Schmerz, bemängelte gleichzeitig aber die Qualität der bislang vorhandenen statistischen Daten.

Allerdings ist Meditation nicht entwickelt worden, um der Gesundheit zugute zu kommen, sondern als religiöses Ritual. Erst in den 1970ern begann der Medizinprofessor Jon Kabat-Zinn an der Universität Massachusetts, Meditation vom religiösen Hintergrund zu lösen, und entwickelte daraus das Konzept der achtsamkeitsbasierten Stressbewältigung (MBSR). Inzwischen wurde dies zu einer Therapieform für depressive Patienten weiterentwickelt, die sich in Studien speziell als wirksam gegen Rückfälle in Depressionen gezeigt hat.

Nebst den Effekten auf die Psyche hat Meditieren einen positiven Einfluss auf Prozesse des Immunsystems. Doch auch hier ist es kompliziert. Denn ein Anstieg von Antikörpern, etwa gegen Grippe, liess sich bislang nicht nachweisen. Jedoch fanden sich bei Meditierenden weniger hohe Pegel eines bestimmten Proteins, das Entzündungen anzeigt. Zudem war das Enzym Telomerase, das der Zellalterung entgegenwirkt, aktiver. Meditieren könnte deshalb gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Arthritis oder Diabetes Typ II wirken – doch das ist keineswegs sicher nachgewiesen.

Um die Wirkungen der Meditation genauer zu verstehen, richten manche Wissenschafter ihr Augenmerk auf das Gehirn von Meditierenden. Im Kernspintomografen wird sichtbar, welche Bereiche im Kopf während des Meditierens aktiv sind. Zudem zeigt sich, wie sich Hirnstrukturen durch regelmässiges Meditieren verändern: Unter anderem wird die graue Masse im Hippocampus dichter, einer Hirnregion, die für das Gedächtnis eine grosse Rolle spielt. Auch der präfrontale Cortex, zuständig für Logik und Aufmerksamkeit, wächst. Tatsächlich schneiden Meditierende in kognitiven Tests, in denen hohe Konzentration gefordert ist, oft besser ab.

Macht Meditieren also schlau? Nein, so lässt sich das nicht sagen. Zumindest gegen Verblendung schützt Meditation nicht. Das beweisen all jene unzähligen Studien, die auf wissenschaftlich fragwürdige Weise positive Wirkungen des Meditierens nachzuweisen vorgeben.

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