Mode

Leuchtende Kleider sind der neue, unübersehbare Trend

Auf der Strasse und in der Dunkelheit ist sichtbare Kleidung überlebenswichtig. Aber selten modisch. Ein Genfer Designerkollektiv ändert das – mit auffälligen Ideen.

Magie, ausgelöst durchs Handy. Schon ein kleiner Blitz genügt, und aus dem dunklen Gilet mit Hosen wird ein Anzug mit spacigen Nadelstreifen. Fällt hingegen Licht auf den beigen Blazer mit metallisch-grauem Kragen, beginnt er wie eine dreidimensionale Halskrause zu reflektieren. Derweil strahlt ein leuchtorangefarbener Hoodie aus sich selbst heraus.

In einer umgebauten Hinterhofgarage in Genf entsteht gerade Mode, die nicht nur sichtbar macht, sondern auch cool aussieht: nachts, bei Regen, im Verkehr. Dafür ist der Touring Club Schweiz (TCS) als Kompetenz für Verkehrsicherheit mit der Mode Suisse, der Kompetenz für Schweizer Modedesign, eine Kooperation eingegangen. Das Ziel: über eine Kollektion das ästhetische Potenzial von reflektierenden und hochsichtbaren Materialien zum Ausdruck zu bringen.

Als sogenannte Made-Visible-Designer wählte man das junge Designerkollektiv Archives TM. Victor Prieux und Tiffanie Bellenot schlossen die Hochschule für Kunst und Design (HEAD) in Genf ab. Justin Person kam als Graphic Designer aus Frankreich dazu. Der Stil des Labels: Worldstreetwear, knallig, voluminös, architektonisch. Industrielle Technik in Kombination mit handwerklichem Wissen über Kleidungsstücke, wie die drei sagen. Ihr Lieblings-Outfit, das an der Mode Suisse in einer Woche (siehe Kasten) präsentiert wird? Bellenot und Prieux zeigen auf den kimonoartigen Mantel mit den versatilen Taschen. Diese sind gross, abnehmbar, reflektierend im Scheinwerferlicht. Multifunktional ist auch das halbe Gilet, das sich über beliebige Oberteile binden lässt.

Der TCS erklärt Sichtbarkeit zum Trend

Im Genfer Hinterhofatelier steht heute auch Barbara Sutter. Die Kampagnenmanagerin beim TCS verfolgt interessiert, wie sich die Kollektion entwickelt. Gemäss der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) haben Fussgänger und Velofahrer in der Nacht ein dreimal höheres Unfallrisiko. Kämen Regen, Schnee und Gegenlicht dazu, steige es aufs Zehnfache. Bei dunkler Kleidung beträgt die Sichtbarkeit 25 Meter, bei heller Kleidung 40 Meter, bei Kleidung mit Reflektoren sogar 140 Meter.

Um neue Wege zu gehen, erklärte der TCS Sichtbarkeit kurzum zum Trend. Er startete eine mehrjährige Kampagne, finanziert vom Fonds für Verkehrssicherheit und unterstützt von der BFU. 2017 wurde Made Visible als Europas beste Verkehrspräventionskampagne ausgezeichnet. An Bord: Bulldogge Otto, der auf einem Skateboard mit LED-Rädern durch die Nacht flitzte.

Auf reflektierende Stoffe setzen zurzeit aber auch andere, berühmte Modehäuser, inspiriert von Feuerwehrmännern, Polizisten und Bauarbeitern. Sie verkörpern Sicherheit. Schönstes Beispiel dafür: die Gelbwesten in Frankreich. Ein dünnes Textil hielt die Bürgerbewegung optisch zusammen, bis sie inhaltlich auseinanderdriftete.

Burberry etwa schickte 2018 neonorange Jacken unter Trenchcoats über den Laufsteg. Und Calvin Klein, noch unter Raf Simons, propagierte einfache Reflektorstreifen auf teuren Hosen, Jacken und Overalls. Das junge Kultlabel Off-White wiederum hält mit Gürteln, Taschen oder Schuhen in leuchtenden Farben den Trend zur funktionalen Visibilität am Laufen.

Bei der Made-Visible-Kollektion arbeitet Archives TM mit Stoffen aus der Schweiz. Rotofil aus Stabio TI, eine Spezialistin für Arbeitstextilien, lieferte leuchtorangenen Stoff. Normalerweise kommt dieser bei der Polizei, den SBB oder im Tiefbau zum Einsatz. Das Designerkollektiv fertigt daraus ein überdimensionales Hemd. Aus dem «Cat Eye»-Gewebe ist der reflektierende Nadelstreifenanzug geworden: winzige, in Linien angebrachte Glaskügelchen leuchten wie Katzenaugen.

Auch Schoeller aus Sevelen, auf Hightech-Textilien spezialisiert, stellte den Genfern Magie am Laufmeter zur Verfügung: Der feine «Reflect»-Stoff wird bei Gelegenheit zum Blender. Eine zusätzliche Welt eröffnet das Flaschstrickunternehmen Herr Urs in Turgi AG. Es strickte Pullover mit Mustern aus reflektierendem Garn.

Wenig Leuchtelemente, dafür an den richtigen Stellen

Das Projekt Made Visible hat etwas Spielerisches und Inspirierendes. Rund 300 reflektierende und hochsichtbare Artikel sind inzwischen auf der Onlineplattform www.madevisible.swiss gelistet. Dazu gibt es Videos für Flower-Power-Bikes, Anleitungen für Optimierungen auf Kleidern, Schuhen, Fortbewegungsmitteln.

«Am besten wenig Leuchtelemente, dafür an den richtigen Stellen applizieren», rät TCS-Frau Barbara Sutter. «Vorne, hinten, seitlich, also 360 Grad und möglichst an beweglichen Körperteilen.» Man spricht von Biomotion, wenn der menschliche Gang und damit die Person besser erkennbar wird. Die Made-Visible-Kollektion für Laufsteg und Strasse zeigt den Trend zu mehr Sichtbarkeit in einem neuen Licht.

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