Höhlenforschung

Kühlschrank der Bronzezeit: Die verborgenen Gletscher in den Höhlen des Juras

Nicht nur in den Alpen liegen Gletscher. In der grössten Eishöhle des Juras, der Glacière de Monlési im Kanton Neuenburg, wurde einst gar Eis kommerziell abgebaut. Nun schwindet es aus anderen Gründen.

Frühsommer. Der ganze Jura wurde von der Sonne freigeschmolzen. Der ganze Jura? Nein! Ein unbeugsamer Flecken Schnee hört nicht auf, der wärmenden Sonne Widerstand zu leisten. In einem tiefen Loch, umrandet von schattenspendenden Bäumen liegt er am Boden, behütet durch die kühle Luft aus der Höhle, an deren Eingang er liegt.

Die Glacière de Monlési im Val-de-Travers – wenige Kilometer vom Dorf, wo der Legende nach der Absinth erfunden wurde – ist die grösste Eishöhle im schweizerischen Jura. Doch angeschrieben ist der Zugang nur bescheiden auf einem gelben Wanderwegschild.

Mit Stahlseilen und einer Leiter können auch Spaziergänger ins Loch hinunter zum Schnee steigen. Doch neuerdings warnt ein Schild, die weitere Begehung sei nur mit entsprechender Ausrüstung möglich. Wir haben deshalb für die Besichtigung zwei erfahrene Führer gesucht: Eve Chédel und Armin Behrend vom Höhlenforschungsclub Val-de-Travers.

Sie haben das nötige Material dabei – Helm auf dem Kopf, die Stirnlampe funktioniert, die Reservebatterien sind im Sack. Auch die Abseilausrüstung ist bereit, doch die braucht es auf den ersten Metern noch nicht. Die Steigeisen müssen dagegen jetzt schon an die Wanderschuhe geschnallt werden, denn weicher Schnee liegt nur beim Eingang der Höhle, drinnen gibt es blankes Eis.

Auf den ersten Metern ist die Expedition noch ganz komfortabel; die Höhle hoch genug, um aufrecht zu gehen. «Man erzählt sich, früher habe man hier auf allen vieren kriechen müssen», sagt Eve Chédel, die in ihren über zwanzig Jahren als Präsidentin des lokalen Höhlenforschungsclubs immer wieder drin war.

Den Eishöhlen im Jura geht es wie den Gletschern in den Alpen: Das Eis schwindet im wärmer werdenden Klima. Geowissenschaftler Marc Lütscher sagt: «Viele der Eishöhlen im Jura, die Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts bekannt waren, enthalten heute kein Eis mehr.» Im Rahmen seiner Doktorarbeit hatte er vor ungefähr 15 Jahren im Waadtländer, Neuenburger und Berner Jura 25 Höhlen gezählt, die ganzjährig Eis enthielten.

Eisige Stalagmiten

Doch die Glacière de Monlési, in der Eve Chédel und Armin Behrend mit dem Journalisten und dem Fotografen an diesem Tag unterwegs sind, wird wohl noch eine Weile Bestand haben. Auf 6000 Kubikmeter wird das Eisvolumen geschätzt. Das entspricht dem Inhalt zweier olympischer Schwimmbecken. Allerdings ist das Eis, das im Lichtkegel der Stirnlampe unter den Steigeisen glitzert, nicht so sauber wie ein Schwimmbecken. Es ist mit Steinen durchzogen, gleicht einer riesigen Sülze vom Metzger. Behrend erklärt: «Von der Oberfläche her dringt Wasser durch Ritzen im Gestein. Wenn es die Höhlendecke erreicht, gefriert es und sprengt dabei Felsstücke ab.» Diese Stücke sind zu Beginn noch angefroren, doch im Sommer, wenn die Temperatur an der Höhle knapp über null Grad steigt, fallen sie zu Boden. So kommt Jahr für Jahr eine Geröllschicht dazu.

Das Schmelzwasser, das durch Felsritzen dringt, gefriert in der kalten Höhlenluft zu Eiszapfen.

Das Schmelzwasser, das durch Felsritzen dringt, gefriert in der kalten Höhlenluft zu Eiszapfen.

Wo die Ritzen in der Höhlendecke etwas grösser sind, bilden sich Eiszapfen. Der eine ist zu einer mächtigen Säule angewachsen, welche die felsige Decke auf dem eisigen Boden abzustützen scheint. Eve Chédel betrachtet ein paar Meter daneben Eisstalagmiten, die von oben durch Wassertropfen ausgehöhlt wurden und nun wie leere Vasen aussehen. «Ein Wunder», sagt sie.

Von Frühling bis Herbst bleibt die Temperatur hier drin bei null Grad. Im Winter sinkt die eisige Aussenluft in die Tiefe und sorgt dafür, dass es in der Höhle fast so kalt wird wie draussen – und die Glacière de Monlési liegt immerhin auf 1100 Meter über Meer ganz nahe an La Brévine, der kältesten Ortschaft der Schweiz. Die kalte Luft bleibt in der Höhle gefangen und sorgt dafür, dass Schmelzwasser, das durch einen der drei Schächte oder direkt durch den durchlässigen Fels hineingelangt, auf dem Eis festfriert. Am Höhlenboden schmilzt dagegen Eis, und so ist das ganze Gebilde nicht starr, sondern verändert sich laufend.

Armin Behrend hat sich dem Höhlenrand genähert und begutachtet den Spalt zwischen dem Eis unter seinen Füssen und der Felswand. Vor einigen Jahren konnte man sich an dieser Stelle abseilen, er hat es fotografisch dokumentiert. Inzwischen hat sich der Gletscher verschoben. «Hier kommt man nicht mehr durch», stellt er fest.

Artefakte aus alten Zeiten

Doch die beiden Höhlenforscher kennen noch einen Weg in die Tiefe. Eve Chédel ist bereits dorthin gekrochen, wo sich die Spalte zwischen Eis und Höhlenwand öffnet. Sie befestigt das Seil an einem Haken, den die Höhlenforscher bei einer früheren Erkundungstour in den Fels gebohrt haben. Dann hängt sie den Abseilhaken an ihren Klettergurt, schlingt das Seil darum, prüft nochmals alles und lässt sich ins Seil fallen. Zügig gleitet sie in die Tiefe, verschwindet in der Spalte, und zwei, drei Sekunden später tönt es herauf: «Seil frei!» Das Signal, dass der Nächste ihr folgen kann.

Im Eingangsbereich der Glacière de Monlési in Val-de-Travers liegt jahraus, jahrein Schnee.

Im Eingangsbereich der Glacière de Monlési in Val-de-Travers liegt jahraus, jahrein Schnee.

Die Abseilaktion führt in einen dunklen, leeren Teil der Höhle, das Tageslicht von den drei Schächten der Höhle dringt nicht bis hier. Doch immerhin ist hier wieder Platz genug, um aufrecht zu stehen. Hie und da ragen Holzstücke, die offensichtlich von Menschen bearbeitet wurden, aus dem Eis. «Die stammen wohl aus jener Zeit, als hier Eis abgebaut wurde», sagt Behrend.

Ein Gerücht besagt, einst sei Eis aus dieser Höhle an Brauereien in Paris exportiert worden. Beweise dafür fehlen. Aber sicher ist, dass von Mitte 19. bis Anfang 20. Jahrhundert in dieser und anderen Höhlen im Jura jeweils im Sommer Eis kommerziell abgebaut wurde. «Das Eis wurde hauptsächlich in der Region verwendet», sagt David Brulhart, der an der Universität Lausanne eine Arbeit über die Eishöhlen im Kanton Waadt geschrieben hat. «Es kam aber auch vor, dass Eis mit der Eisenbahn über grössere Strecken transportiert wurde.» Verwendet wurde es in erster Linie, um Getränke, Fleisch oder Fisch zu kühlen. Im französischen Jura wurden in einer Eishöhle gar Tierknochen und Töpfe aus der Bronzezeit gefunden – anscheinend haben unsere Ahnen bereits in vorchristlicher Zeit diese natürlichen Kühlschränke genutzt.

Der Durchschlupf führt zum Boden der Höhle, der 38 Meter unter der Oberfläche liegt.

Der Durchschlupf führt zum Boden der Höhle, der 38 Meter unter der Oberfläche liegt.

Eine französische Kollegin von Brulhart hat gar die Theorie aufgestellt, dass die Jäger ihre Fallen gezielt so anlegten, dass Tiere direkt in die Höhle fielen. Derartige Löcher in der Landschaft sind aber auch ohne menschliches Zutun gefährliche Fallen – Marc Lütscher hat in der Glacière de Monlési auch schon ein totes Reh gefunden.

Für die meisten Tiere bedeutet der Sturz in die Tiefe den sicheren Tod. Auch die beiden zappelnden Regenwürmer, die Eve Chédel und Armin Behrend bei ihrem Abstieg entdecken, haben keine Chance zu überleben. Einzig eine dürre Spinne in einer Felsnische scheint sich freiwillig diesen kargen Lebensraum gesucht zu haben.

Die Inschrift des Grossonkels

Noch weiter in die Tiefe steigt niemand freiwillig – mit Ausnahme der Spezies der Höhlenforscher. Eve Chédel ist in der Glacière de Monlési bereits wieder einige Schritte vorausgegangen. Den Rucksack zieht sie aus und legt ihn auf den Boden. «Taupe model», hat sie mit wasserfestem Stift darauf geschrieben – ein Wortspiel aus dem französischen Wort «taupe» für Maulwurf und «top model». Und nun zeigt sich, woher sie diesen Übernamen hat. Als sie sich bäuchlings aufs Eis legt und rückwärts am Seil in einen Gang robbt, der kaum gross genug für einen Menschen scheint, nimmt Armin Behrend den Fotoapparat zur Hand und lichtet sie ab.

Zum Aufstieg auf dem spiegelglatten Eis ist das Seil unverzichtbar.

Zum Aufstieg auf dem spiegelglatten Eis ist das Seil unverzichtbar.

Von oben betrachtet sieht es schlimmer aus, als es ist – der Gang weitet sich sogleich, diesmal zu einem Saal von mehreren Metern Höhe. «Wir stehen nun am Grund der Höhle», sagt Eve Chédel. Neben ihr steigt die Eiswand empor, zwölf Meter dick ist das Eis hier, und zuunterst laut Lütschers Berechnungen 120 bis 150 Jahre alt.

Chédel zeigt auf eine Stelle an der Wand: «Guyot 53 Guyot» steht mit Bleistift geschrieben. «Das war mein Grossonkel», erklärt sie. «Er sagt, er sei der Erste hier unten gewesen. Woran ich aber Zweifel habe.» Die Inschrift verzeiht sie ihm aber, obwohl für sie heutzutage klar ist, dass keine Spuren hinterlassen werden dürfen. Willkommen ist dagegen eine andere Hinterlassenschaft einer früheren Expedition: Auf einem Brett stehen eine dreiviertel volle Flasche Absinth und ein Plastikbecher – und dies 38 Meter unter der Oberfläche. Chédel füllt zwei fingerbreit in den Becher, Behrend giesst etwas Wasser dazu aus einer Flasche, die er aus seinem Rucksack holt. Dann wird das Getränk herumgereicht. Eine angenehme Stärkung. Denn nun kommt der anstrengendste Teil – auf blankem Eis abzuseilen ist das eine, danach wieder hochzusteigen, etwas anderes.

Die Höhlenforscher Eve Chédel (rechts) und Armin Behrend (Mitte) und der Journalist betrachten eine Eisformation, die durch Schmelzwasser entstanden ist.

Die Höhlenforscher Eve Chédel (rechts) und Armin Behrend (Mitte) und der Journalist betrachten eine Eisformation, die durch Schmelzwasser entstanden ist.

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