Glosse

Kindsköpfe machen Prinzessinnen – oder der Wunsch, mal eine Frau zu sein

François Schmid-Bechtel

In seiner Glosse über den Wunsch, mal eine Frau zu sein, schreibt Autor François Schmid-Bechtel: «Frauen fragen: Wie geht es dir? Männer fragen: Alles okay bei dir? Ja, alles easy. Wir Männer haben es immer gut.»

Ich wär gern Madonnas Dickdarm. Obwohl nur ein Songtitel, so doch eine Jugendsünde. Aber «Die Ärzte» waren halt schon ziemlich abgefahren und ich erst 15. Gut, vielleicht nicht gerade Madonnas Dickdarm. Aber temporär mal eine Frau sein, warum nicht? Gibt Schlimmeres. Und ab und zu gibts nichts Besseres, als eine Frau zu sein.

Ich wär gern mal Ursula gewesen. Nie wurde sie von unserem fürchterlich ungerechten Lehrer Herr Becher getadelt, weil sie eine Frage nicht beantworten konnte. Warum? Weil sie das Talent hatte, non verbal mit Herrn Becher zu kommunizieren. Und wenn er ihre abwehrenden Signale mal nicht beachtete, ihr trotzdem eine Frage stellte, die sie nicht beantworten konnte, tat er so, als hätte er sie gar nicht gefragt und gab die Antwort selbst. Uns Jungs taxierte er indes als «Kindsköpfe», «Torebuebe». Was wir zweifellos waren. Aber irgendwann glaubte es auch Ursula. Worauf unsere Aktien irgendwo im Marianengraben landeten.

Ursula. Nie musste sie im Turnen einen 12-Minuten-Lauf bestreiten, weil unser fürchterlich eingebildeter Turnlehrer Herr Rüegg den 12-Minuten-Lauf erst ansetzte, wenn sich Ursula für die Turnstunde dispensieren liess.

Nie musste Ursula den steilen Heimweg hochradeln, weil immer einer der grossen Töfflibuben da war, an dessen starken Armen sie sich hochziehen liess. Nie musste sich Ursula selbst an eine Party einladen. Nie musste Ursula einen Liebesbrief schreiben. Nie musste sie am Kiosk was mitgehen lassen, weil das Geld knapp und keine Spende in Aussicht war. Nie wurde sie ins Schwimmbecken gestossen. Nie von grösseren Jungs verprügelt. Nie schmetterte ihr einer «Zutritt erst ab 18» entgegen. Nie musste Ursula die Abende in unserem stinklangweiligen Kaff verbringen, wenn in der Stadt der Bär tanzte. Es war immer einer der richtig grossen Jungs da, der sie sogar auf dem Beifahrersitz mit in die Stadt nahm. Selbstverständlich musste Ursula nie Autostopp machen oder die zwölf Kilometer zurück in unser Kaff gehen, weil der letzte Zug (23.20 Uhr) längst abgefahren war. Ich wäre gerne mal Ursula gewesen.

Ich weiss nicht, was aus Ursula geworden ist. Vielleicht sitzt sie jetzt gerade in der Sonne vor einem hippen Berliner Lokal, nippt an einem Mojito und wälzt mit ihren Freundinnen Beziehungssorgen, diskutiert Erziehungsfragen, erzählt von zu Hause und weint sogar leise, weil ihr der pubertierende Sohn Kummer bereitet. Während ihr Mann beim Feierabendbier zu seinen Kumpels sagt: «Bei mir ist alles okay. Und bei dir?» «Bestens.» Ja, wir Männer haben es immer gut: mit der Frau, mit den Kindern, mit der Arbeit, mit dem Auto, mit dem Chef, mit den Mitarbeitern, mit dem Hund. No problem. Alles easy. Zumindest vordergründig. Beneidenswert? Ja, aber irgendwie auch anstrengend.

Frauen fragen: Wie geht es dir? Männer fragen: Alles okay bei dir? Alles okay mit deinem Lohn? Natürlich. Und Ende der Durchsage. Ich wäre gerne mal Ursula gewesen, würde auch heute gerne mal zwischendurch mit einer Frau tauschen. Denn, wenn Mann ehrlich ist, das Leben nicht immer locker-flockig flutscht, wie Mann gerne suggeriert. Und trotzdem bin ich froh, dass ich heute die Kinder hüten kann/soll/muss, statt wie meine Frau für gerechtere Entlöhnung zu streiken. Wobei: Vielleicht würde ich ja Ursula treffen.

Ursula führte ein Leben als Prinzessin. Aber nicht, weil sie besonders führsorglich, brillant, kreativ, intelligent, witzig – oder weiss der Teufel was – war. Nein, sie führte ein Leben als Prinzessin, weil wir Männer sie zu einer Prinzessin gemacht haben. Vielleicht gehen die Frauen auch deswegen heute auf die Strasse.

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