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Insel Sulawesi: Ein Naturparadies wie der Garten Eden – das bedroht ist

Auf der indonesischen Insel Sulawesi gibt es Tiere und Pflanzen, die nur dort vorkommen. Wer in den Dschungel oder in die Unterwasserwelt eintaucht, will nachher nie mehr in einen Zoo.

Es ist nachts, stockdunkel und wir stehen im Dschungel. Die Taschenlampen ausgeknipst, verschluckt uns der Wald. Holz knackst unter den Sohlen, Äste und Zweige streifen Arme und Schultern. Rund um uns hören wir die Waldbewohner kriechen, fiepsen und rufen. «Seid ihr bereit?», flüstert Renny vor uns. Hoch oben im Blätterdach erwidert ein Vogel ihre lang gezogenen Pfiffe.

Die Indonesierin knipst die Taschenlampe an und lässt den Strahl über die Äste streifen. Im grünen Dickicht leuchtet der weisse Kopf der Sulawesi- Schleiereule. «Endlich», sagt Renny. Auf ihrem Gesicht zeigt sich jenes feine Lächeln und der samtene Blick, den wir an diesem Tag mehrfach gesehen haben. Immer dann, wenn sich uns zwischen den Ästen und Zweigen des Tangkoko-Naturreservats ein Tier zeigte. Das Schutzgebiet liegt auf einem der nördlichsten Zipfel der indonesischen Insel Sulawesi. In der Gestalt eines Kraken zweigen die Landzungen ins Meer ab. Etwa 900 Kilometer vom Zentrum der Insel entfernt, blieb Nordsulawesi vom verheerenden Erdbeben und Tsunami im vergangenen Herbst verschont.

Es ist eine Region, die vom Massentourismus noch kaum entdeckt ist. Das erstaunt. Sie ist gut erschlossen und wer in ihre Natur eintaucht, findet sich in einer einzigartigen Pflanzen- und Tierwelt. Denn die Biodiversität ist hoch. Viele Arten sind endemisch, 29 Säugetier- und 70 Vogelarten gibt es nur hier.

Wer die Tiere im Tangkoko-Naturreservat sehen will, braucht einen Guide. Sonst trifft man bestenfalls auf eine Makaken-Gruppe. Die Einheimischen nennen deren Führer Rambo. Gleich am ersten Tag kommen wir «Rambo II» mit seiner Affenschar in die Quere. Lärmend wie eine Gruppe testosteronschwangere Jugendliche nehmen sie den Eingangsbereich mit dem kleinen Besucherzentrum in Beschlag. Von den Bäumen schnellen die Makaken auf die Dächer, jagen die aufgeregten Hunde über die Wiesen und schwingen sich auf die Mofas der Angestellten.

Der Helmhornvogel ist immer so hübsch herausgeputzt, als ob eine Party anstehen würde.

Der Helmhornvogel ist immer so hübsch herausgeputzt, als ob eine Party anstehen würde.

Gefahr droht, auch aus der Küche

Die übrigen Bewohner des Dschungels sind schüchtern und ziehen sich ins dicht verflochtene Blätterdach zurück. Deshalb folgen wir Guide Renny, die sich durch das grüne Labyrinth bewegt, wie andere durch eine Stadt. Sightseeing im Dschungel geht dann so: Wir verrenken unsere Hälse, um das fette Kuskus – ein Kletterbeutler – mit langem Schwanz zu sehen. Wir kauern vor einem Baumloch, bis die etwa 20 Zentimeter grosse Tarantel ihre schwarz behaarten Beine herausstreckt. Und wir rennen Renny hinterher, als über unseren Köpfen ein kleiner Helikopter zu knattern scheint. «Schnell», ruft sie und zeigt kurz darauf auf den Helmhornvogel, der soeben auf einem Ast gelandet ist. Sein gelber Schnabel ist oberarmdick, ein roter Kamm ziert seinen Kopf und die hellblau umrandeten Augen scheinen geschminkt.

Als Renny klein war, sei der Wald ihr Spielplatz gewesen, sagt sie. Damals lernte sie, die Rufe der Vögel zu imitieren. Heute spitzt sie ihre Lippen und lässt mal kehlige, mal hohe Töne ertönen, um die Tiere für die Touristen anzulocken.

Es ist eine heile Welt. Doch sie ist bedroht, wie ein Blick auf Google Maps zeigt. Siedlungen, Palmhaine und Bergwerke fressen sich tief in den Wald rein. Wirkt er von innen riesig, sieht er von oben plötzlich fragil und winzig aus. Seinen Bewohnern droht zudem eine weitere Gefahr: die Wilderer. In Nordsulawesi gilt das sogenannte Buschfleisch als Delikatesse. Besonders beliebt ist es in der Region Minahasa, nur wenige Autostunden vom Tangkoko-Naturreservat entfernt. Dort, zwischen den Hügeln der Vulkanberge, liegt die Stadt Tomohon mit ihrem berühmt-berüchtigten Markt. Wer auch nur den kleinsten Funken Tierliebe in sich trage, sei von der Auslage und der Schlachtung vor Ort überfordert, heisst es im Reiseführer «Lonely Planet». Aufgespiesste Fledermäuse, Pythons in Scheiben und gegrillte Hunde soll es dort geben.

Die Riffwände im Bunaken-Nationalpark fallen fast senkrecht ab.

Die Riffwände im Bunaken-Nationalpark fallen fast senkrecht ab.

Wegen der kulinarischen Vorlieben in dieser Region erscheint die Natur rund um Tomohon wie leergefegt. Was flattert, auf vier Beinen geht, kreucht oder fleucht landet auf dem Markt. Das erzählt uns Christian, der uns den Weg zum aktiven Vulkan Gunung Lokon weist. Über grauen Felsen – längst abgekühlte Lava – geht es bergauf zum Rand des Kraters. Sind die Hänge rundherum saftig grün, liegen hier schwarzer Sand und riesige Felsblöcke. Als ob der Vulkan sein lebendiges Innerstes schützen möchte, liegt am Grund des Kraters ein gelbes Viereck, das an ein Eingangstor erinnert.

Sulawesi

Sulawesi

Aus seinem Schlitz steigt eine schmale Rauchsäule auf. Deren Geruch trägt der Wind über den Krater und reizt die Nase. Hier oben pustet die Erde Schwefel aus ihrem schmalen Schlund. Vom 1580 Meter hohen Vulkan aus sieht man weit über Tomohon und sein von der Agrarwirtschaft geprägtes Umland. Tiefblau leuchtet etwas weiter entfernt das Wasser des Ozeans; die Inseln im vorliegenden Bunaken-Nationalpark ragen als grüne Pünktchen hervor.

Zwischen Nemo und Haien

Den eigentlichen Nationalpark sieht nur, wer den Kopf ins Wasser taucht. Geschützt ist hier die Unterwasserwelt. Von den Stränden der Insel Bunaken oder Siladen lassen sich mit einem Schnorchel viele Riffs innert weniger Schwimmzüge erkunden. Das mutet an, als ob man an der Oberfläche eines Aquariums treiben würde. Schwärme von Fischen ziehen vorbei, Clownfische (Hallo Nemo!) gucken aus Anemonen und weiss getupfte Muränen zeigen ihren mit Zähnen vollgestopften Mund. 3000 Fischarten sollen sich zwischen mehr als 300 verschiedenen Korallen tummeln.

Dämmert es, werden sie aktiv: Die winzigen Koboldmakis.

Dämmert es, werden sie aktiv: Die winzigen Koboldmakis.

Berühmt ist der Bunaken-Nationalpark auch für seine senkrecht abfallenden Riffwände, die sich in der Tiefe zu verlieren scheinen. Wer mit einer Flasche voll Luft am Rücken abtaucht, gleitet an den mit Korallen geschmückten Mauern vorbei und begegnet fast immer Meeresschildkröten. Einige ruhen sich auf Felsvorsprüngen aus. Andere sitzen in Höhlen und sehen dem Unterwassertreiben vor ihnen zu. Thunfische, Barrakudas, dicke Napoleonfische und ab und zu ein Riffhai ziehen an ihnen vorbei. Brauchen die Schildkröten Luft, stossen sie sich von den Wänden ab und gleiten an die Oberfläche. Es sind diese Momente, in denen diese Unterwasserwelt fast unwirklich schön ist. Zu ihrer Realität gehört inzwischen jedoch auch Abfall und Plastik. Becher, Tüten oder PET-Flaschen brechen die Idylle und erinnern schmerzlich daran, dass nicht nur die Artenvielfalt auf dem Land, sondern auch jene unter Wasser akut bedroht ist. So zauberhaft das Reich der Tiere ist, so dringend muss es besser geschützt werden. Sonst droht diese Arche auseinanderzufallen. 

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