Ein Zuckerschlecken war das Leben der Australopithecus-africanus-Vormenschen kaum. Sie lebten vor mehr als zwei Millionen Jahren auf den Karstböden rund 50 Kilometer nördlich der heutigen Metropole Johannesburg in Südafrika. Zwar konnten sich die Erwachsenen in der Regenzeit ein Fettpolster für die nächste Trockenzeit anfuttern. Der Nachwuchs aber steckte die Energie ins Wachsen und hatte kaum Bauchspeck.

Trotzdem kamen die Vormenschenkinder anscheinend ganz gut durch die Trockenzeit: Die Frauen versorgten ihre Kinder bis vierjährig immer wieder mit Muttermilch. Das berichten Renaud Joannes-Boyau von der Southern Cross Universität im australischen Bundesstaat New South Wales und seine Kollegen in der Zeitschrift «Nature». Die Forscher schliessen das aus einer chemischen Analyse der Zähne von zwei Individuen, die in der Zeit vor 2,1 bis vor 2,6 Millionen Jahren auf dem südafrikanischen Hochland gelebt hatten.

Informationen zur Ernährung liefert der Zahnschmelz. Während des Lebens bilden sich immer neue, dünne Schichten. In diese lagert der Organismus verschiedene Elemente ein, die das Kind mit der Nahrung aufgenommen hat. «Diese Wachstumsringe untersuchen wir dann mit der Methode des Elemental Mapping», erklärt Ottmar Kullmer, einer der Autoren der «Nature»-Studie.

Dazu schneiden die Forscher den Zahn durch. Danach feuern sie mit einem Laser Lichtpulse auf verschiedene Schichten des Zahnschmelzes. Jeder dieser Energiepulse verdampft winzige Mengen des Schmelzes. Mit einem Massenspektrometer bestimmen die Forscher , welche Mengen bestimmter Atome und Isotope in diesem Dampf schweben.

Da gibt es die Isotope Strontium-87 und Strontium-86, die Hinweise über den Untergrund geben, auf dem die Menschen Zeit lebten. Das Strontium-Isotopen-Verhältnis im Zahnschmelz ändert sich im Verlauf der Jahreszeiten kaum. Die zwei Austropithecus-Vormenschen lebten offensichtlich das ganze Jahr auf den Karstflächen. Wurde in den Trockenzeiten die Nahrung knapp, wanderten sie nicht wie Gnus, Zebras und weitere Säugetiere in andere Gegenden. Die Australopithecus-Vormenschen hatten gute Gründe für dauerhaftes Leben auf kargen Kalkböden. Das seltene Grün ernährte nur wenige Pflanzenfresser, und so fanden auch Raubtiere wenig Beute und waren selten.

Das Element Barium verrät den Stillzyklus

Die Forscher untersuchten auch das Element Barium. Seine Verbindungen reichern sich in der Muttermilch stark an. Solange sie gestillt werden, nehmen die Kinder daher grössere Barium-Mengen auf und lagern sie in die Schichten des Zahnschmelzes ein.

Nach solchen Bariumanalysen haben Australopithecus-Mütter ihre Kinder mindestens sechs bis neun Monate nach der Geburt gestillt. Danach sinken die Bariumwerte in den jeweiligen Zahnschmelzschichten wieder. Zwölf Monate nach der Geburt scheint der Nachwuchs entwöhnt gewesen zu sein. Doch dann stiegen die Bariumwerte etwa ab dem ersten Geburtstag wieder steil an, erreichten ein halbes Jahr später beinahe das hohe Niveau nach der Geburt, um dann wieder zu sinken. Das Auf und Ab wiederholte sich regelmässig, bis die kleinen Australopithecinen vier oder fünf Jahre alt waren.

«Sehr wahrscheinlich hatten die Kinder eine sehr lange und enge Beziehung zu ihren Müttern», schliesst Senckenberg-Forscher Ottmar Kullmer daraus. Durchs lange Stillen blieb vermutlich auch die Zahl der Geschwister relativ niedrig. Weil sich aber gleichzeitig die Überlebenschancen der bereits geborenen Kinder verbesserten, konnte die Gruppe sich diese niedrige Geburtenzahl auch leisten.