Wann haben Sie sich dazu entschlossen, stolzer Helikopter-Papa zu sein?

Jan Abele: Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich mich in der Öffentlichkeit oft als der Vater gebe, der ich gar nicht bin. Ich verhielt mich betont unnahbar, als würde mein Sohn nicht zu mir gehören. «Nur ja nicht helikoptern!», dachte ich.

Was war Ihr Schlüsselmoment?

Mein Sohn stürzte eines Tages von einem Klettergerüst und zog sich eine Platzwunde am Kopf zu. Ich stand daneben und schaute zu, weil ich nicht als Helikopterpapa abgetan werden wollte, der mit offenen Armen als menschliches Sprungtuch unter dem Gerüst steht.

Was verstehen Sie unter Helikoptern?

Man hat sehr viel Nähe, man begegnet dem Kind auf Augenhöhe und gibt nicht nur Liebe gegen Artigsein, wie ich das als Kind noch erfahren habe.

Das tönt vernünftig. Manche Helikoptereltern kontrollieren ihr Kind aber von morgens bis abends.

... und am Elternabend stellen sie nur Fragen, die ihre Tochter und nicht die Klasse betreffen. Zu dieser pathologischen, unsozialen Gruppe zähle ich mich nicht.

Warum schlägt Helikoptereltern Ablehnung entgegen?

Viele Menschen waren selber einmal Eltern. Wenn diese Menschen sehen, dass Eltern heute ganz anders mit ihren Kindern umgehen, müssen sie das eigene Elternsein hinterfragen.

Die Kritiker befürchten, dass Helikoptereltern Egomanen grossziehen.

Natürlich frage ich mich das auch. Aber nur, wenn er nicht gehorcht. «Du musst jetzt ins Bett. – Nö.» Sofort geht dann das Fehlermanagement los: Rächt sich jetzt gerade, dass ich viel zu nett bin? Dann muss man für sich wissen: Jetzt kommt wieder diese Angst, das Kind zu verwöhnen, aber sie hat nichts mit der Situation zu tun. Es ist nur ein Konflikt, der ganz normal ist. Erwachsene sagen auch, wenn sie noch nicht ins Bett wollen. Wenn ich das so akzeptiere, bin ich entspannter.

Auch um 22 Uhr noch?

Der Kinderarzt hat bestätigt, dass unser Sohn ein Abendmensch ist. Aber um 22 Uhr ist auch für mich Schluss. Dann ist der Zeitpunkt erreicht, an dem es für einen Sechsjährigen ungesund wird. Wenn ich dann mal lauter werde, weiss mein Sohn, dass es keine Option mehr gibt. Wir können durchaus konsequent sein. Die heute 20- bis 30-Jährigen, die schon mehrheitlich elterliche Nähe erlebt haben, sind sehr selbstbewusst und dennoch sozialkompetent und gut gerüstet.

Haben Sie noch Freizeit?

Von 22 bis 23 Uhr. Das genügt mir.

Früher haben Eltern gelassener erzogen.

Diese Gelassenheit hatte ihren Preis. In den 1980er-Jahren wurden viel mehr Kinder missbraucht als heute. Das hat auch damit zu tun, dass damals niemand richtig hingeguckt hat. Heute hat man wahrscheinlich viel zu oft zu viel Angst. Auf der anderen Seite ist es positiv: Immer weniger Kinder verunfallen im Haushalt.

Jan Abele: «Ich glaub, ich bin jetzt warm genug angezogen». Eden Books 2019.