Weltausstellung

«Gigantischer Nagel! Ein Skandal!» - vor 125 Jahren wurde der Eiffelturm gebaut

Der Eiffelturm in Paris

Der Eiffelturm in Paris

Die Weltausstellung in Paris eröffnete vor exakt 125 Jahren. Der Bau des Eiffelturms machte den Ästheten damals keine Freude. Es kündigte sich die Gespaltenheit der kommenden globalisierten Epoche an.

Auch das Kleine hat einen Zug ins Universale. Schon ein simpler Tautropfen kann Himmel und Erde spiegeln wie in einer Murmel.

Wie sollte der Mensch, der Einzelne, da nicht den gleichen Wunsch verspüren?

Kaum einer hätte sich irgendwann nicht auch schon mal gesehen als Sammler.

Wenn man aber beginnt mit Sammeln, hört das kaum je wieder auf, ohne auszuufern. Ohne den Rayon stetig zu vergrössern. Keller und Estrich zu fluten. So lange, bis irgendwann die ganze Welt enthalten ist in der Sammlung. Mindestens symbolisch.

Diesen Hang oder diese Haltung nennt man seit der Aufklärung «enzyklopädisch»: global, universal, umfassend. Alles in einem.

Der Eiffelturm - ein historisches Video

Weltausstellungen sind wohl der ehrgeizigste Ausdruck des Umfassenden. Industrie, Gewerbe, Landwirtschaft, Wissenschaft, Kunst und Folklore aus aller Welt sollen gesammelt, versammelt werden, um einem Massenpublikum ihr Panoptikum zu zeigen. Aus dem Geist der Aufklärung, wahrhaft enzyklopädisch.

Die Dampfpumpe dahinter, war die Industrierevolution, durchaus auch im eigenen Interesse: Sie wollte früh nationale Grenzen überwinden, neue Märkte erschliessen, den Warenverkehr vereinfachen, wollte sich - wie man heute sagt - seit Anfang schon «globalisieren».

«Ein Skandal!» «Gigantischer Nagel!» «Tragische Strassenlaterne!» «Skelett eines Glockenturms!» – der Bau des Eiffelturms machte den Ästheten 1888/89 gar keine Freude.

«Ein Skandal!» «Gigantischer Nagel!» «Tragische Strassenlaterne!» «Skelett eines Glockenturms!» – der Bau des Eiffelturms machte den Ästheten 1888/89 gar keine Freude.

Verschmolz das erst noch mit einer politischen Revolution, verdoppelten sich die Kräfte. Wie 1889: Frankreich feierte hundert Jahre Revolution, mitten in einer Wirtschaftskrise. Die Industrie veränderte mit einem bisher unbekannten Tempo den Globus. Nicht zum ersten Mal, auch nicht zum letzten Mal glaubte man, das sozusagen unter ein Dach bringen zu können.

Ein gigantisches Dach: in eine «Maschinenhalle» zum Beispiel. Um daneben, symbolisch, ein schwindelerregendes «Fabrikschlot» aus Eisen zu stellen, den Eiffelturm. Damals der höchste Bau des Planeten.

Die Weltausstellung in Paris, eröffnet heute vor exakt 125 Jahren, war die zehnte (die erste fand 1851 in London statt). Im damals noch mehrheitlich monarchistischen Europa war sie sehr umstritten. Wegen der revolutionären Jubelaura beteiligten sich von den grossen Industriestaaten nur die USA und die republikanische Schweiz.

Doch die «Exposition universelle» wurde zum grossen Erfolg, sowohl finanziell wie bezüglich Zustrom der Besucher. Dank dem Eiffelturm ist sie ohnehin eingebrannt ins kollektive Gedächtnis (mittlerweile besuchen rund sieben Millionen Menschen das Wahrzeichen jährlich).

Der Turm stand für moderne Technik. Dass er «nackt» in den Himmel ragte, ohne jede Fassadenverkleidung, war den Zeitgenossen noch ein glühendes Ärgernis. Besonders die Geschmacksveredler aus Berufung wetterten dagegen, während das Volk schon früh den «gigantischen Nagel» («Le Soir») klasse fand.

Künstler, Architekten und Intellektuelle meldeten sich zu Wort in einem geharnischten Protest (darunter Charles Gounod, Alexandre Dumas, Guy de Maupassant).

Sie wehrten sich «mit aller Kraft gegen die Errichtung des unnötigen und ungeheuerlichen Turms im Herzen unserer Hauptstadt». Sie hofften, «der Albtraum» möge wieder verschwinden, der «unsere Monumente gedemütigt, alle unsere Bauten verkleinert» hatte.

Eine fromme Hoffnung, anders als beim Zürcher Hafenkran.

Der Kulturhistoriker Jacob Burckhardt sah im Bauwerk eine Reklame für die gedankenlosen Tagediebe in ganz Europa und Amerika. Der katholische Sprachphilosoph Léon Bloy fand nichts als eine «wirklich tragische Strassenlaterne», der sublime Lyriker Verlaine «das Skelett von einem Glockenturm».

Industrie und Kunst, hiess es, müssten strikt getrennt bleiben. Dabei hatte Gustave Eiffel speziell noch die Ästhetik verbessern lassen (durch den Architekten Stephen Sauvestre).

Indem er etwa als Verbindung zur ersten Etage einen monumentalen Bogen anbrachte, obwohl dieser für die Tragfähigkeit der Konstruktion gar nicht nötig war. Ausserdem liess Sauvestre die nach oben strebenden Pfeiler weiter unten als geplant zusammenlaufen.

Die meisten Kritiker verstummten nach der Eröffnung des Turms. «Auch ich habe» schrieb ein Feuilletonist, «wie viele andere geglaubt, der Eiffelturm sei ein Wahnsinn. Aber er ist ein grossartiger und stolzer Wahnsinn.» Am Fuss des Turms rief ein braver Bürger, als er den Mund wieder zubrachte: «Europa kann einpacken!»

Das eben gehörte zur Schizophrenie solcher «Weltausstellungen»: Sie stärkten den Nationalismus, den sie wirtschaftlich-technisch auch zu überwinden trachteten. Sie waren in vielen Bereichen ausstaffiert wie ein multikulturelles «Global Village».

Und betonten handkehrum mit Folkloreklischees die Regionen, bis hin zur «Geschichte menschlicher Behausungen» seit den Höhlenbewohnern und exotischen «Völkerschauen».

Auf der einen Seite stand das junge Industriezeitalter, wozu Karl Marx bemerkte: «Die Bourgeoisie hat durch die Ausbeutung des Weltmarkts die Produktion und den Konsum aller Länder kosmopolitisch gestaltet. Sie hat - zum grossen Bedauern der Reaktionäre - der Industrie den nationalen Boden unter den Füssen weggezogen.» Die Weltausstellungen konnten Marx genau das aufs Schönste illustrieren.

Auf der anderen Seite stand das globale Disneyland, lange vor der Geburt der ersten Globalmaus. In Form von enorm erfolgreichen Westernshows, wie die von Buffalo Bill. Oder in Form zahlreicher Länder-Flaniermeilen.

In Paris etwa die «Rue des Nations» oder die «Strasse von Kairo». In solchen Vergnügungsparks nahm der Massentourismus seinen Anfang. Damit heischten Massenmedien erstmals nach Aufmerksamkeit, um sie gezielt zu lenken. In der Folge steigerte sich im 19. Jahrhundert zudem rasant der Weltverkehr.

Es passierte etwas Kurioses: Der Fokus auf die «regionale kulturelle Identität» im Rahmen einer Weltausstellung veränderte regionale Identitäten und stärkte sie dadurch gleichzeitig.

Nämlich insofern, als «Typisches» teilweise von Paris aus in exotische Regionen zurück exportiert wurde. Das tönt verblasen. Spätestens aber mit der Tänzerin Almée Aiousché kann man das beispielhaft und buchstäblich verkörpern: Almée Aiousché tanzte im «Café Egyptien» den orientalischen Bauchtanz. Und «orientalisierte» von Paris aus damit fortan auch den Orient.

Das Beispiel liefert uns der Schweizer Kunsthistoriker Beat Wyss. Er schrieb ein Buch mit dem Titel «Bilder von der Globalisierung. Die Weltausstellung von Paris 1889» (Insel Verlag). Der Titel zeigt die Richtung an seiner Interpretation der Expo.

In seiner Sichtweise war die Weltausstellung 1889 ein Modell, «das die globalen Verflechtungen moderner Industriekultur in Szene setzte.» Und weiter: ein «Laboratorium der Globalisierung, das eine Vorschau auf unsere postmoderne Welt entwirft».

Eine nostalgische Sicht auf «die angebliche Belle Époque» will Wyss tunlichst vermeiden. Es gehe bei seinen alten Bildern von der Expo nicht «um den antiquarischen Zauber eines inzwischen veralteten Fortschritts». Sondern, schreibt Wyss im Vorwort: «Das gönnerhafte Staunen der Nachgeborenen über den technischen Erfindergeist der Gründerzeit unterschätzt die Folgen.»

Vielleicht wird die Expo 89 in Paris tatsächlich allzu sehr als teils rühriges, teils imponierendes Spektakel bürgerlicher Utopie verstanden. Wyss korrigiert das Bild: «Sie ist auch Mahnmal von Katastrophen. Völkerschau und Eiffelturm stehen auch für die Entscheidung zum Kolonialismus und zur Schwerindustrie: den ideologischen und technischen Voraussetzungen» für totalitäre und rassistische Gesellschaftssysteme.

25 Jahre nach der Weltausstellung in Paris (auch ein Jubiläum!) brach der Erste Weltkrieg aus. Der Stahl kühner «Maschinenhallen» entlud sich in «Stahlgewittern». Die Völkerschau schlug um zur «Blutmühle» der Völker.

Und der Eiffelturm? Er stand und überstand die Katastrophe. Das Militär übernahm ihn jedoch und sperrte den Turm für die Öffentlichkeit.

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