Leben

Gewalt entsteht, wenn das Gehirn die Kontrolle nicht hat

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Unser Gehirn lernt früh, archaische Impulse zu unterdrücken. Schlägt die Faust zu, dann heisst das meist, dass der Botenstoff Serotonin nicht angekommen ist. Er hätte eine beruhigende Wirkung.

Vier Faktoren bestimmen die Persönlichkeit: Erstens die ­genetisch-epigenetische Ausstattung, also die Gene und die Art und Weise, wie sie wirksam werden. Letzteres spielt eine grössere Rolle, als man erwarten würde.

Der zweite Faktor ist die Hirnentwicklung, nicht nur der einzelnen ­Areale und Hirngebiete, es kommt auch auf die Stärke der Verbindungen an ­zwischen den limbischen, die weitgehend im Unbewussten agieren, und den kognitiven Zentren. Diese beiden Faktoren machen laut dem deutschen Neuroforscher Gerhard Roth 40 bis 50 Prozent unserer Persönlichkeit aus.

Rund 30 Prozent kommen von den prägenden Erfahrungen. Sie fangen schon vor der Geburt an, Prozesse im Körper der Mutter wirken sich stark auf die Gehirnentwicklung des Kindes aus. Auch nach der Geburt sind es ­besonders Erlebnisse, die Stresszu­stände ­hervorrufen wie Gewalt, aber auch ­Alkohol-, Nikotin- und Drogenmissbrauch.

Nur rund 20 Prozent unserer Persönlichkeit machen die sozialisierenden Vorgänge aus, die wir ab dem ­dritten oder vierten Lebensjahr «erleben». Alles, was wir «lernen», ob ­bewusst oder unbewusst, im Miteinander mit Freunden, Autoritäten, Insti­tutionen hat eine Wirkung, allerdings vorwiegend im Rahmen, den die ersten drei Einflusskräfte vorgeben. Neuro­forscher Roth sagt: «Unsere Persönlichkeit ergibt sich aus einer Wechsel­wirkung der vier genannten Faktoren. Diese Faktoren durchdringen sich gegenseitig und sind, wenn über- haupt, nur mit einem erheblichen ­methodischen Aufwand voneinan- der zu trennen.»

Eine Art von Gewalt wird stark durch die Umwelt beeinflusst

Menschliche Gewalt hat zwei Aspekte. «Kalte» Aggression (proaktiv-instrumentelle) ist weitgehend angebo- ren. Diese Menschen gehen geplant vor und sind nicht zur Empathie fähig. Sie wirken furchtlos, auch wenn es um Bestrafung geht.

Der zweite Aspekt ist die reaktiv-­impulsive «heisse» Aggression. Sie entwickelt sich vor allem im Zusammenspiel einer genetischen Disposition und Umwelteinflüssen. Eine grosse Rolle dabei spielt das Serotoninsystem. Bei Stress ist ein frühkindliches Gehirn mit einem gestörten Serotoninsystem ­ex­trem vulnerabel. Wenn dazu noch ungünstige Umweltfaktoren (wie Risikoverhalten der Mutter und Miss­handlungserfahrungen während der Kindheit) hinzukommen, werden wichtige Hirnstrukturen, die für die Regulation und Kontrolle der Emotion zuständig sind, nicht richtig entwickelt.

Das Stresssystem wird durch traumatisierende Umwelteinflüsse während der Kindheit hypersensibel und neigt deshalb zum Überreagieren. Der Impuls «Bleib ruhig!» erfolgt nicht, weil die Interaktion zwischen den limbischen und den kognitiven Zentren im Gehirn gestört ist. Reaktiv-impulsive Gewalt ist bei Männern viel stärker ausgeprägt als bei Frauen. Solche Gewalttäter erleben ihre Umwelt, also die ­Mitmenschen, viel bedrohlicher und provozierender, als sie wirklich ist. ­Indem sie darauf gewalttätig reagieren, geraten sie in einen Teufelskreis. Sie wirken bedrohlich auf andere ­Menschen und rufen gerade deshalb diese Zustände hervor, die sie dann nicht kontrollieren können.

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