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Gesucht: Die Alzheimer-Pille

Kampfzone Gehirn. Die Forschung war bis jetzt gegen die Alzheimer-Krankheit nicht sehr erfolgreich.

Kampfzone Gehirn. Die Forschung war bis jetzt gegen die Alzheimer-Krankheit nicht sehr erfolgreich.

Medikamente gegen Alzheimer und andere neurodegenerative Krankheiten wären ein Renner. Aber die Forschung steht vor schwierigen Barrieren. Und der kommerzielle Erfolg ist gar nicht sicher.

Wir werden immer älter. Und entsprechend nehmen die altersbedingten Degenerationskrankheiten zu. Ein Medikament gegen die Alzheimerkrankheit (und allenfalls gegen Parkinson und andere neurodegenerative Krankheiten) würde sich gut verkaufen. Aber die Forschung hat mit mehreren Problemen zu tun.

Oder nicht einfach eine Alterserscheinung, deren Auswirkungen man abmildern, aber nicht rückgängig machen kann?

Was die Alzheimerkrankheit genau ist, ist schwierig zu sagen. Im Endstadium finden sich im Gehirn von Erkrankten verklumptes Proteingewebe, das aus sogenanntem Amyloid-Beta besteht, und zerstörte Fibrillen in den Nervenfasern (Tau-Protein). Amyloid-Beta ist eine falsch gefaltete Variante von normalem Amyloid Gewebe. Das kommt überall im Nervensystem vor, seine Funktion ist nicht genau bekannt. Und warum es sich manchmal falsch herum faltet, weiss man auch nicht. Das Tau-Protein scheint eine Folge von Amyloid-Verklumpungen zu sein. Offenbar überträgt es sich im Gehirn von Nervenfaser zu Nervenfaser. Die Amyloid-Beta- und Tau-Ablagerungen lagern sich im Gehirn an, ohne aufzufallen. Erst im Endstadium erreichen sie den Neocortex. Dort lösen sie dann die bekannten Demenzsymptome aus: Orientierungslosigkeit, Erinnerungsunfähigkeit, Vergessen.

Die Zeit und die schlechte Zugänglichkeit des Gehirns

Wenn man die Symptome diagnostiziert, ist es allerdings schon lange zu spät. Denn die Amyloid-Plaques haben die Hirnsubstanz irreparabel zerstört. Ein grosses Problem der Alzheimerforschung ist die Zeit. Man weiss heute, dass zwischen dem Auftreten der Symptome und dem ersten Auftreten von Amyloid-Ablagerungen bis zu 20 Jahre liegen können. Und zehn Jahre nach dem Auftreten ist das Gehirn bereits beschädigt, ohne dass Verhaltenssymptome diagnostiziert werden können.

Das andere grosse Problem der Alzheimerforschung ist der Umstand, dass das Gehirn für Untersuchungen nicht gut zugänglich ist. Tumorgewebe beim Krebs kann herausoperiert und dann untersucht werden. Das ist beim Gehirn nicht möglich. Mit bildgebenden Verfahren wie PET (Positronenemissionstomographie) und MRT (Magnetresonanztomographie) können Amyloid-Ablagerungen im Gehirn zwar nachgewiesen werden. Die Verfahren sind aber sehr teuer.

Kostengünstiger wäre eine Untersuchung der Augennetzhaut mittels OCT-Angiographie. Hier geht man davon aus, dass sich im Augengewebe, im sogenannten Gelben Fleck der Netzhaut, Veränderungen nachweisen lassen müssten. Schliesslich ist das Auge eine Art Ausstülpung des Gehirns nach vorne. Bei Mäusen funktioniert es besser als bei Menschen.

Dann gibt es einen Bluttest, mit dem bereits 10 bis 15 Jahre vor den Symptomen abgestorbene Nervenzellen nachgewiesen werden können. Der Test soll Reste des Neurofilaments im Blut nachweisen, Reste der skelettartigen Struktur der Nervenzellen, die gegen Auflösung relativ widerstandsfähig sind. Neurofilament tritt aber auch bei anderen Erkrankungen auf, sodass der Test noch nicht sehr zuverlässig ist.

Ist Entstehung das Problem oder die Entsorgung?

Wie kann man diese verheerenden Ablagerungen im Gehirn verhindern? Verschiedene Wirkstoffe, die sich bei Mäusen zum Teil bewährt haben, haben bei Menschen nicht funktioniert. Kürzlich fand man in einer Studie, dass eine gewisse genetische Veränderung, welche ungefähr 75 Prozent der Population besitzen, erklären könnte, warum gewisse Wirkstoffe bei Mäusen wirken, aber bei Menschen nicht.

Man müsste wissen, wie sie entstehen – dass das im Gehirn passiert, ist nicht einmal sicher. Aber dort entfalten sie die verheerende Wirkung. Studien an Mäusen haben kürzlich Hinweise geliefert, dass falsch gefaltete Proteine, wie sie auch für Parkinson typisch sind, im Darm entstehen und dann den Nervenbahnen entlang «kletternd» das Gehirn erreichen.

Gealtertes Nervengewebe tut sich schwer damit, den Abfall aus den Zellen zu entsorgen. Dazu würden auch falsch gefaltete Proteine gehören. Die Zelle produziert für die Entsorgung sogenannte Autophagosome, Substanzen, welche die Müllproteine umhüllen und Enzyme herbeirufen, welche sie zerschneiden. Neuronenzellen erneuern sich nicht. Sind sie einmal kaputt oder funktionieren sie nicht mehr richtig, gibt es keinen Ersatz. Das Protein WIBI2B kann eine alternde Nervenzelle anregen, wieder Autophagosome zu bilden –bei Mäusen.

Ein Medikament, das eher einer Impfung gleicht

Allfällige Therapien müssten also angreifen, bevor Symptome da sind. Dazu müsste man Alzheimer aber diagnostizieren können. Die Überlegung der Pharmamanager ist: Solange man kein Medikament hat, das Alzheimer verhindert, ist auch die Forschung nach Früherkennung sinnlos. Und ohne Früherkennung lässt sich auch kein zuverlässiges Medikament designen. Und vor allem nicht klinisch testen.

Das deutet darauf hin, dass sich die molekulargenetische Forschung, die ja den Strukturverlauf der Krankheit verstehen will, welche Gene welche Veränderungen auslösen und wie die Signalwege verlaufen, in Richtung einer Art Impfschutz bewegen wird. Das kann teuer werden und deshalb ein Problem. Zahlen Krankenkassen für eine Therapie ohne Symptome?

Es gibt ein Fenster für die Forschung: Das ist eine genetische Disposition, die dazu führt, dass Personen, welche sie aufweisen, fast hundertprozentig mit etwa 40 bis 50 Jahren erkranken. Sie ist sehr selten, weltweit werden diese Patienten in einer Gruppe mit dem Namen Dian (Dominantly Inherited Alzheimer Network) zusammengefasst. Wenn überhaupt, lassen sich bei ihnen Biomarker entdecken, die auf eine spätere Alzheimererkrankung hindeuten.

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