Über die frühesten Lebensformen auf unserer Erde ist wenig bis nichts bekannt. Aus einem einfachen Grund: Fast alle Gesteine wurden in der turbulenten geologischen Vergangenheit der Erde umgewandelt und die darin enthaltenen Überreste unwiederbringlich zerstört.

Wüssten wir, wann und wie die ersten Organismen gelebt haben, könnten wir vielleicht etwas viel Interessanteres nachvollziehen: den Weg von toter Materie zum Phänomen Leben.

Deshalb liess eine kürzlich veröffentlichte Studie aufhorchen, welche die Entstehung des Lebens viel früher ansetzt als bisher angenommen, nämlich mitten in eine Phase, in der die Erde im Kreuzfeuer gewaltiger Einschläge stand.

Einige wenige Gesteine aus den ersten 500 Millionen Jahren der Erde sind erhalten geblieben. Doch falls man darin Fossilien finden könnte, wären es keine Abdrücke von einst zufrieden weidenden Dinosauriern. Vor 500 Millionen Jahren gab es höchstens mikroskopisch kleine Organismen, die über die enormen Zeiträume hinweg kaum verwertbare Spuren hinterliessen.

Entsprechend beginnt bei jedem angeblichen Fund uralter Mikroben das gleiche Spiel: Die Entdeckung wird gefeiert, danach von den Fachkollegen angezweifelt und anschliessend demontiert. Anerkannte Beweise für Leben sind allesamt jünger als etwa 3,6 Milliarden Jahre.

Auch endete erst vor 3,8 Milliarden Jahren die Phase des sogenannten «Late Heavy Bombardements», jene Zeit also, in der die Erde häufig von gewaltigen Brocken aus dem All getroffen worden ist.

Dabei ging es richtig ruppig zu. Einige Boliden hatten die Masse ganzer Bergmassive. Hätte es damals schon Leben gegeben, so wurde argumentiert, so müsste es durch die bei den Treffern freigesetzte Energie mehrfach wegsterilisiert worden sein.

Stammbaum ist auch in Genen

Zum Glück gibt es aber noch eine andere Methode, um den Werdegang der Lebewesen nachzuvollziehen. Er spiegelt sich nicht nur in totem Fossilienmaterial, sondern auch als lebendige Spur im Erbmaterial von Tieren oder eben Mikroben. Es ist beinahe wie bei der Entwicklung eines Computerprogramms, wenn Programmzeilen ergänzt und umgeschrieben werden.

Ähnlich verfährt die Evolution mit dem Code unserer Gene. Da diese Umbildungen aber zufällig geschehen, häufen sie sich über lange Zeiträume mehr oder weniger gleichmässig an. Wenn die Genetiker also zwei Arten von Tieren vergleichen, deren gemeinsamer Vorfahre vor sehr langer Zeit gelebt hat, so finden sie zwischen ihnen sehr viel mehr Unterschiede im genetischen Code als zwischen zwei Arten, die erst kürzlich entstanden sind.

Ähnlich dem Tick-Tack einer Uhr gibt die Zahl der Veränderungen einen Hinweis auf die vergangene Zeit. Gewiss, diese «molekulare Uhr» ist keine Schweizer Präzisionsuhr. Sie funktioniert aber ganz ordentlich und leistet den Biologen schon seit über 40 Jahren wertvolle Dienste.

Eine Arbeitsgruppe um Holly Betts von der University of Bristol hat nun den genetischen Code von 102 Arten an 29 Genen verglichen und daraus einen «Stammbaum» des Lebens berechnet. Um die wichtigsten Verzweigungspunkte im Stammbaum zeitlich zuordnen zu können, musste sie ihre molekulare Uhr eichen. Dies gelang anhand der Fossilien aus den letzten 3 Milliarden Jahren, dank derer die jüngeren Verzweigungen zeitlich recht genau bekannt sind.

Die Resultate der neuen Studie sind erstaunlich. Sie verschieben die Geburt des Lebens auf weit über 3,9 Milliarden Jahre, mitten ins «Grosse Bombardement» und bestätigen einige unsichere Lebensspuren vor 4,1 Milliarden Jahren. Offenbar haben die Ur-Mikroben den kosmischen Feuersturm nicht nur überlebt, sie sind möglicherweise sogar während dieser Phase entstanden.

Holly Betts liefert nicht einfach eine neue Zahl. Der neue Wert bedeutet, dass sich Leben sehr schnell entwickelte und sich trotz widrigsten Umständen halten konnte. Der frühe Beginn des Lebens zeigt aber auch, dass für sein Werden weniger Zeit nötig war als bisher angenommen, die Evolution zu denkenden Wesen hingegen entsprechend länger dauerte.

Übertragen auf das Leben im All bedeuten die Ergebnisse: Wenn wir uns mit Mikroben zufriedengeben, dann hat sich die Chance, fremdes Leben zu finden, erhöht, sie ist aber gesunken, wenn wir mit ET chatten wollen.