Zukunftsforschung

Futurologe Lars Thomsen: «Arbeit und Leben sind keine Gegensätze»

«Die Stempeluhr hat ausgedient», ist der Futurologe Lars Thomsen überzeugt.Bild: Getty Images

«Die Stempeluhr hat ausgedient», ist der Futurologe Lars Thomsen überzeugt.Bild: Getty Images

Der Futurologe Lars Thomsen hält nichts von Work-Life-Balance. Im Interview sagt er, wie die Zukunft der Arbeit aussieht, wann Ängste vor Robotern berechtigt sind – und warum er befürchtet, dass es zu einer Spaltung der Gesellschaft kommen könnte.

Was unterscheidet einen Futurologen von einem Kaffeesatzleser?

Lars Thomsen: Er bemüht sich, die Entwicklungen, die man heute schon sehen kann, zu bewerten und deren Dynamik zu verstehen, um mögliche Umbrüche in der Zukunft vorherzusagen. Anders als Kaffeesatzleser arbeiten wir mit Trends, Daten und Logiken, die Entwicklungen in Technologien und Märkte beschreiben.

Und dann?

Wir setzen uns zum Beispiel mit jemandem zusammen, der bei Toyota autonome Fahrzeuge entwickelt, und fragen nach seiner Meinung, was in den nächsten zehn Jahren aus seiner Sicht möglich ist. Wann die verschiedenen Entwicklungsstufen zum autonomen Fahren kommen. Wir machen pro Jahr bis zu 500 solche Interviews. Diese Erkenntnisse kombinieren wir mit unseren Daten. Trotzdem wird man nie zu 100 Prozent genau die Zukunft vorhersagen können.

Was ist einfach vorherzusagen?

Die Alterung und Lebenserwartung der Bevölkerung beispielsweise ist relativ präzis zu prognostizieren. Aber auch hier können neue medizinische Durchbrüche bei der Behandlung von Krebs oder Alzheimer die Kurve über die kommenden Jahrzehnte stark verändern. Spannend sind für uns aber vor allem disruptive Entwicklungen der kommenden zehn Jahre.

Was verstehen Sie darunter?

Eine neue Technologie, die heute vielleicht erst im Laborstadium existiert und zunächst sehr teuer ist, kommt früher oder später an den Punkt, an der sie massentauglich und sogar günstiger wird als die bisherige Lösung.

Das können Sie prognostizieren?

Zum Teil, ja. Rückblickend hören sich viele Prognosen recht banal an, aber wir haben beispielsweise sehr exakt vorhergesagt, ab wann es günstiger sein wird, Bildschirme für Werbung und Angebotstafeln zu nutzen, als Plakate zu drucken. Diese Prognose kam zu einer Zeit, als kleine Flachbildschirme noch über 6000 Franken kosteten und der Druck eines Plakats viel, viel günstiger war. Dabei ging es nicht nur um die Entwicklung der Preise für Flachbildschirme, sondern wir haben zum Beispiel auch Veränderungen bei den Medien, der Vernetzung und den Konsumentenerwartungen berücksichtigt. Denn solche Umbrüche kommen nicht zufällig, aber sie verändern ganze Branchen binnen weniger Jahre. Heute nutzt praktisch jedes Schnellrestaurant nur noch Bildschirme, und die Firmen, die früher die Plakate oder Tafeln produziert haben, mussten sich verändern.

Und sonst?

Nehmen wir die Elektromobilität. Es gibt recht klare Trends. Seit 2014 verdoppeln sich zum Beispiel die jährlichen Zulassungen von E-Autos in der Schweiz. Wie jeder Trend, fängt er klein an: erst 0,1 Prozent, ein Jahr später 0,2, dann 0,4 Prozent im Folgejahr. Oft aber wird die Dynamik einer exponentiellen Entwicklung unterschätzt. Im sechsten Jahr, also heute, ist man dann bei 3,2 Prozent, 2022 rechnerisch schon bei über 25 Prozent. Derzeit ist die Entwicklung sogar etwas schneller, da immer mehr attraktive Angebote auf den Markt kommen. Diesen Punkt, an dem es plötzlich rasend schnell geht, nennen wir Tipping Point. Derartige Entwicklungen wird es zukünftig gehäuft geben.

Wo zum Beispiel?

Nehmen wir die Frage, wie wir zukünftig Lebensmittel herstellen und konsumieren. Bislang waren pflanzliche Fleischersatzprodukte keine wirklich attraktive Alternative für viele Menschen. Die Frage lautet also: Wann wird es Produkte geben, die besser schmecken und günstiger sein werden als Hackfleisch oder Chicken-Nuggets von Tieren? Und es scheint, als wären wir genau jetzt an diesem Punkt. Firmen wie zum Beispiel Beyond Meat oder Impossible Food aus den USA haben extrem viel in Forschung und Entwicklung investiert, um diesen Punkt zu erreichen.

Was nichts heissen muss.

Ich war kürzlich in den USA und habe bei Burger King einen «Impossible-Whopper» gegessen, der zu 100 Prozent pflanzlich ist. Selbst im Blindtest fand ich den Impossible-Burger besser als das Original mit Fleisch eines toten Tieres und obwohl ich kein Vegetarier bin, ist das meine erste Wahl. Es schmeckt besser, ist gesünder, leichter zu verdauen und man spart unserem Planeten zudem jede Menge Wasser, CO2 und Methan. Das sind für mich die Tipping Points.

Ungemütlich wird’s, wenn der eigene Job bedroht ist. Wie lange braucht es noch Futurologen?

Eine gute Frage. Auf jeden Fall wird unser Job in den nächsten Jahren nicht einfacher. Wir beginnen jetzt schon, mit künstlicher Intelligenz zu arbeiten, um all die Trends im Auge behalten zu können. Sollte KI dereinst meinen Job machen, muss man einfach schauen, dass ich genügend bedingungsloses Grundeinkommen habe.

Wer muss sich fürchten vor Robotern und künstlicher Intelligenz?

Angst haben müssen Leute, die Wandel grundsätzlich kritisch gegenüberstehen und ihn ablehnen oder sich verweigern. Und das macht sie empfänglich für Politiker, die versprechen, sie würden dafür sorgen, dass alles wieder wird, wie es mal war.

Welche Jobs sind gefährdet?

Vor allem die Routinejobs, an denen Sie von morgen bis abends das gleiche machen. In zehn Jahren kann das KI viel schneller, macht weniger Fehler und lernt dabei noch in der Cloud. Das macht Angst.

Nichts als verständlich.

Ja, aber wir hatten auch in der Vergangenheit solche Umbrüche. Bestimmt waren die Hufschmiede in der Schweiz nicht glücklich, als das Automobil kam, weil immer weniger Pferde beschlagen werden mussten. Trotzdem war es ein Fortschritt, unsere Situation hat sich dadurch verbessert. Damals galt – wie heute auch –, dass man sich weiterbilden und verändern musste, um sich der Zeit anzupassen.

Es gibt immer weniger Arbeit. Gleichzeitig wächst die Menschheit rasant. Wie kann das gut gehen?

Die Frage ist, wie man den Begriff Arbeit definiert. Ist es einfach stumpfes Abarbeiten einer stupiden Aufgabe? Oder ist sie eine sinnvolle Nutzung seiner Lebenszeit? Ich bin überzeugt, dass wir Arbeit künftig nicht mehr quantitativ messen werden. Die Stempeluhr hat ausgedient. Es wird darauf ankommen, was ich kann, wer ich bin, welche Mehrwerte ich in eine Gruppe bringen kann.

Und sonst?

Arbeit und Freizeit werden sich stärker durchmischen. Ein Phänomen, das viele kennen. Nehmen wir Whatsapp. Da kommen private und geschäftliche Nachrichten rein. Ich kann oft nicht mehr genau unterscheiden, was privat und was geschäftlich ist. Wenn beispielsweise ein privater Freund mir einen interessanten Link zu einem Artikel schickt, der unsere Arbeit betrifft – was ist das nun?

Und die Work-Life-Balance?

Ich habe dieses Konzept nie verstanden. Arbeit und Leben sind keine Gegensätze mehr. Wenn man wirklich sagt, Leben fände nur ausserhalb der Arbeit statt, obwohl die einen grossen Teil unserer wachen Zeit einnimmt, dann ist das eigentlich Zwangsarbeit. Ein schreckliches Bild. Wir müssen natürlich schauen, dass wir Räume finden, um abschalten zu können.

Viele sind mit diesen Entwicklungen überfordert. Wie schafft man es, alle an Bord zu halten?

Die Frage habe ich befürchtet. Ich habe keine eindeutige Antwort darauf. Es wäre fatal, wenn es zur Spaltung der Gesellschaft käme. Wenn sich zehn Prozent der Bevölkerung aussuchen können, wie sie arbeiten wollen und wie viel sie dafür bekommen, und die restlichen 90 Prozent sich als Opfer der Umstände fühlen und bloss hoffen können, dass sie in fünf Jahren noch etwas zu beissen haben – das wäre fatal.

Das macht sie manipulierbar.

Absolut. Darum ist es jetzt wichtig, dass wir anfangen, Arbeit mit anderen Augen zu betrachten. Ich bin vollkommen sicher, dass sich unsere Kinder kaputtlachen werden, wenn wir in zehn Jahren mit ihnen darüber reden, wie wir im Jahr 2019 gearbeitet haben. Ähnlich wie wenn ich meiner Tochter jetzt erzähle, dass wir als Kinder nur zu Hause telefonieren konnten.

Wie kann man seine Kinder fit machen für die Zukunft?

Ganz einfach. Ab zehn Jahren können Kinder mit einem Lego-Baukasten spielerisch damit anfangen, ihre ersten Roboter zu bauen. Das kann man für Blödsinn halten. Aber meine Güte, kindliche Neugier: Man bastelt so lange, bis der Roboter irgendetwas Kleines machen kann. So schwindet die Angst vor Robotik, weil man erkennt, das kann ich auch.

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