Mode

Federn waren schon in der Urzeit in – jetzt haben auch Modedesigner sie für sich entdeckt

Ein Traum aus Federn: Lady Gaga vergangenes Jahr an den Filmfestspielen Venedig.

Ein Traum aus Federn: Lady Gaga vergangenes Jahr an den Filmfestspielen Venedig.

Sie wärmen, sie schmücken und sie verführen – Federn sind wahre Kunstwerke der Natur.

Einmal im Leben Lady Gaga sein. Nur an einem ganz bestimmten Tag: Man schreitet an Silvester wie die Sängerin und Schauspielerin an den Filmfestspielen in Venedig in einem rosa Federkleid von Valentino über den Teppich – einfach bezaubernd! Sorgen müsste man sich keine machen, falls man ob dem voluminösen Kleid hinfallen würde. Die Landung wäre himmlisch – man sinkt in ein Federbett.

Aber bleiben wir auf dem Boden und erfreuen uns an den vielen Engeln mit ihren Federflügeln, die uns jetzt überall begegnen. Federn, diese Kunstwerke der Natur! Kaum jemand, der sich ihrem Zauber entziehen könnte. Doch was ist es, was an diesen Gebilden aus Keratin so berührt? Die Leichtigkeit? Die Feinheit? Die Fähigkeit zu fliegen? Wohl alles ein bisschen. Sicher hängen an Federn Träume und Fantasien – und so manche Geschichte. Ihnen geht derzeit eine Ausstellung im Gewerbemuseum Winterthur nach und beleuchtet ihre Vielfalt und Bedeutung in Design, Kunst und Popkultur. Und sie wirft einen kritischen Blick auf das Verhältnis von Mensch und Tier.

Erotisches Feder-Spielzeug: «Cock Feather Tickler» von Betony Vernon.

Erotisches Feder-Spielzeug: «Cock Feather Tickler» von Betony Vernon.

Noch heute gelten sie als natürliches Luxusmaterial

Federn sind Hightech-Bauteile, die verschiedensten Anforderungen genügen. Sie dienen den Vögeln nicht nur zur Partnerwerbung und Tarnung, sondern auch zum Fliegen und zum Schutz gegen Kälte, Hitze und Wasser. Sage und schreibe 3156 Federn besitzt etwa ein weiblicher Grünspecht – von den Konturfedern, Daunen, Borstenfedern bis zu den Schwanz- und Flügelfedern. Und natürlich den Schwungfedern, diesen aerodynamischen Meisterwerken, die den Vögeln ermöglichen, wovon die Menschen seit je träumen: zu fliegen.

Die Geschichte der Federn geht bis zu den Dinosauriern zurück. In den 1990er-Jahren fand man in China Fossilien gefiederter Dinosaurier. Die Federn dienten ihnen damals indes nur zur Dämmung. Das wissen alle, die sich mit einer Daunendecke ins Bett legen.

Auch in diesem Sport geht’s nicht ohne: Federbälle.

Auch in diesem Sport geht’s nicht ohne: Federbälle.

Kein Wunder, sind Federn auch ein Rohstoff, der schier unerschöpflich genutzt werden kann. Sie tauchen in unserem Alltag überall auf: als Federbälle, Pfeile, Pinsel oder Staubwedel. Oder als Traumfänger, der uns im Schlaf vor bösen Träumen schützen soll. Und Daunen wurden bereits bei den Römern als Füllmaterial für Kissen und Bettdecken verwendet. Federbettdecken galten im Mittelalter als wertvoller Besitz und gehörten bis ins 20. Jahrhundert zur Aussteuer einer Braut.

In der Mode haben sie seit jeher für die Gestaltung von Schmuck, Hüten oder Kleidern eine grosse Bedeutung. «So lange Frauen auf Erden wandeln, so lange werden auch Federn gekauft», wird ein Pariser Federhändler im Buch «Federn – ein Wunderwerk der Natur» zitiert.

Damit hat er nicht ganz unrecht. Federn gelten noch heute als natür­liches Luxusmaterial und haben vor ­allem bei festlichen Anlässen wie Weihnachten oder Silvester ihren grossen Auftritt. Entsprechend lassen sich viele Designer davon inspirieren. Michael Kors bestickt Taschen mit Federn, Liu Jo schmückt High Heels und Parosh Hosensäume damit. Einen Schritt weiter geht die Pariser ­Gestalterin Janaina Milheiro. Sie entwirft Stoffe, die filigran und federleicht sind. Milheiro zerlegt die Federn und setzt sie wie Mobiles wieder zusammen. Betony Vernon wiederum besetzt erotisches Spielzeug mit Straussen- und Hahnenfedern.

Die Gestalterin Janaïna Milheiro zerlegt Federn und setzt sie wie Mobiles wieder zusammen.

Die Gestalterin Janaïna Milheiro zerlegt Federn und setzt sie wie Mobiles wieder zusammen.

In Frankreich gibt es noch immer das Handwerk des Plumassiers. Designer Maxime Leroy bezeichnet sich als solchen und peppt Turnschuhe mit Pfauenfedern oder einen Helm mit Gänsefedern auf.

Der «Bike Helmet» mit Gänsefedern von Plumassier Maxime Leroy.

Der «Bike Helmet» mit Gänsefedern von Plumassier Maxime Leroy.

Ein Zeichen von Ansehen und sozialer Position

Auch in der Kunstwelt haben Federn ihren festen Platz. Zum Beispiel bei der Schweizerin Manon, die gerade im Kunsthaus Zofingen ausstellt und in ­deren Arbeiten Federn immer wieder einfliessen. Auch die Winterthurer Ausstel­lung zeigt künstlerische Arbeiten, die sich mit der Materialität und vielfältigen Bedeutungsebenen von ­Federn auseinandersetzen. Während bei Ulrich Eller Bassmusik die Daunenfedern in Bewegung setzt, erklärt Lucy Glendinnings mit ihrer Skulptur «Fea­ther Child» Federn zur menschlichen Haut.

Federn können auch ein Identitätssymbol sein. Für indigene Völker ist Federschmuck ein Zeichen von Ansehen und sozialer Position der Träger, aber auch ein Symbol für Widerstand. In unseren Breitengraden sind Federboas im Kampf für die Rechte von LGBT-Personen zum politischen Statement geworden. Heutzutage stellt sich indes die Frage, ob es noch opportun ist, Daunen für Duvet oder Jacke zu verwenden oder sich mit Prachtsfedern zu schmücken.

Es gibt zwar mittlerweile Labels, die darauf bedacht sind, ethische und ökologische Richtlinien zu befolgen. Vielleicht lassen wir das mit Lady Gagas Kleid aber doch und erfreuen uns an diesen Kunstwerken, wenn sie uns unverhofft zufliegen. Ganz im Sinne eines Besuchers der Winterthurer Ausstellung, der auf einem Zettel notierte: «Flieg, Feder, flieg… Und schenk uns etwas von deiner Leichtigkeit.»

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