Es war einmal eine Gemeinde im Werdenberger Land, die bestand aus sieben Dörfern und drei Weilern und zog sich vom Fuss des Gonzen bis nach Liechtenstein hin. Die Festung Wart in der Au lieh ihr ihren Namen. Sie hat eine bewegte Geschichte hinter sich, brachte Nationalräte und eine grosse Tennisspielerin hervor. In letzter Zeit war es indes ruhig geworden um Wartau. Die Medien erwähnten die Gemeinde nur noch, wenn Melkchampions, Schöneuterqueens und Miss Wartau, die vielversprechendste Jungkuh, gekürt wurden. Dann flog auf einmal ein Pfau daher, und die Gemeinde wurde landesweit bekannt.

Er war eine Sie. Eine herrenlose Pfauendame, die im Frühjahr 2017 in den Gärten landete. Sie pickte sich durch Gemüsebeete und Beerensträucher, flüchtete auf Bäume, Haus- und Garagendächer und schiss beherzt darauf. Wochenlang miaute-minhaotete-wiaute sie sich lautstark den Kummer von der Seele. Das Geschrei erhitzte die Gemüter. Zu allem Übel schlug die Henne nicht einmal ein Rad, da nur stolze Pfauengüggel eine Schleppe tragen.

Polizei, Tierschutz, Wildhüter, Kleintierrettung – niemandem gelang es, den fremden Vogel einzufangen. Die Menschen wurden immer genervter, eine Lösung musste her. Die einen wollten sie anfüttern, zutraulich machen und behalten, die anderen vertreiben, Wölfen zum Frass vorwerfen, auf den Grill hauen, mit Steinen bewerfen; sogar Rezepte für Pfauenbraten kursierten im Dorf. Auch andere hatten schon versucht, sich eines Problempfaus kulinarisch zu entledigen, und auf www.chefkoch.de findet man tatsächlich Tipps zur Pfauenhaltung. Schon im alten Rom wurden die schönen Exoten als Zier- und Fleischvögel gleichermassen gezüchtet.

An sich ist die Haltung des fasanenartigen Hühnervogels unkompliziert. Nach Züchter Markus Schrepfer aus Obstalden im Kanton Glarus könne «fast ein jeder Pfauen halten», es gelten die Standards für Rassegeflügel. Selbst mit kalten Temperaturen kommen die Tropentiere zurecht. Wenn nur die lieben Nachbarn nicht wären. Heutige Grundstücksgrössen sind eindeutig zu klein, es braucht Raum für das Geschrei. Bauernhöfe in Einzellage, einsame Anwesen mit viel Umschwung oder Landsitze mit Park bieten die besten Voraussetzungen für ein erquickliches Zusammenleben.

Landwirte sind fasziniert

«Weibliche Jungpfauen von Biohof in Schwyz zu verkaufen», «Türkisfarbene, violette Spalding-Pfauen von Thurgauer Hof abzugeben, der Platz wird langsam eng», «Seltenes Pfauenpaar für 850 Franken von privat im Glarnerland»: In der «Tierwelt» und anderen Blättern werden immer wieder Pfauen in verschiedenen Farbschlägen und Mutationen angeboten und gesucht. Besonders Schweizer Landwirte scheinen für das Federvieh eine Passion zu entwickeln. Etwa Charly und Sadia Hug. Die beiden entdeckten ein Inserat für Blaue Pfauen aus dem Emmental, 80 Franken pro Tier, und fanden, das wäre doch schön. So kamen Henry und Emily ins Freiburgische. Die Hugs lebten bis vor kurzem in einer Dependance mit Stallungen auf dem weitläufigen Gelände von Schloss Petit-Vivy, mit Pferden, Eseln, Schafen, Gänsen, Hühnern und Hasen. Hunde und Katzen gab es auch. In den ersten drei Wochen sperrten sie die einjährigen Pfauen in eine Voliere, damit sie sich an das neue Umfeld gewöhnten. Danach liessen sie sie frei. «Sie stolzierten nach Herzenslust umher, ihr Revier umfasste etwa einen Quadratkilometer, sie suchten sich ihr Fressen, Blüten, Früchte, Insekten, Würmer, Samen, selbst, übernachteten auf Bäumen, waren gesund und völlig problemlos zu halten», erzählt Sadia Hug. «Mit den anderen Tieren gabs keinen Krach, höchstens mal kleine Eifersüchteleien mit den klügeren Gänsen. Und die Pferde erschraken anfangs, wenn Henry den Pfau machte.»

Während der Balz zeigt ein Pfauenmann, was er hat. Stellt die bis zu 1,60 Meter langen Oberschwanzdeckfedern auf, vibriert mit dem Hinterteil und präsentiert sich minutenlang in voller Pracht von allen Seiten. Die Federn sind mit zahlreichen tiefblauen, von farbigen Ringen umgebenen Augen besetzt, bilden unten einen breiten, blaugrünen Saum, die längsten Mittelfedern schliessen schwarze Halbmonde oben ab. Durch Lichtbrechung entsteht der irisierende Farbeffekt.

Wenn er kann, lebt der Gockel polygam, beglückt mehrere Hennen, plustert sich auf, imponiert, und das wars. Um den Nachwuchs sorgt er sich nicht, Frauensache. Treu ist er nur seinem Standort. Ansonsten lebt er ein freies Leben. «Ihr Freiheitssinn ist es, was mich nebst der Schönheit an domestizierten Pfauen fasziniert», sagt Sadia Hug. Das Rad dient übrigens nicht nur zur Balz, sondern auch zur Abschreckung. Die vielen Augen sollen dem Feind Respekt einflössen, ebenso das Rasseln mit den Schwanzfedern. Wenn die Show nichts nützt, rettet sich der Pfau in die Höhe. Man staunt, wie hoch hinauf er trotz Schleppe fliegen kann. «Aber im Grunde hat er bei uns keine Feinde», so Sadia, «nicht mal der Fuchs interessiert sich für ihn.»

In der Heimat des Pfaus ist das anders. In den Dschungeln Indiens und Sri Lankas stellen dem bis zu 6½ Kilo schweren Vogel Raubkatzen nach. Wird er nicht gefressen, kann das wachsame, tag- und dämmerungsaktive Tier 30 Jahre alt werden. Mit seinem feinen Gehör und Geruchssinn nimmt er früh Gefahren wahr und warnt mit schrillem Schrei vor Tigern, Leoparden oder Unwettern. Ausserdem macht er sich sehr nützlich, indem er junge Kobras frisst.

Für Hindus und Buddhisten ist er ein heiliges Tier, den Federn sagt man magische Kräfte nach. Der tanzende Pfau symbolisiert Buddha und die Sonne; er steht für Schönheit, Reichtum und Macht und ist rundweg positiv belegt. In Indien wurde er zum Nationalvogel erhoben, Pfauenjagd und Federnausfuhr sind verboten, das Fleisch jedoch nicht tabu. Gelegentlich landet es im Curry, es schmeckt nach Fasan.

Vor etwa 4000 Jahren gelangte der Blaue Pfau (Pavus cristatus) in den Mittelmeerraum und verbreitete sich als Haustier auf der ganzen Welt. Auch bei den Christen genoss er hohes Ansehen. Die Augen sollten den bösen Blick bannen, die Federn Heilkraft besitzen und den Papst schützen. Er stand für Liebe und Wiedergeburt, immerhin erneuert sich seine Schleppe jährlich und wird von Jahr zu Jahr länger. Der Vogel mit dem Krönchen auf dem Kopf hielt Einzug in Wappen, Flaggen und Embleme, in die Kunst, Mode, Design und Literatur und wurde zum Namensgeber von Gast- und Warenhäusern, Bäckereien, Apotheken, Bauernhöfen, Theatern oder Familien, auch quer durch die Schweiz.

Unheil und Aberglaube

Im Laufe der Zeit wandelte sich seine Bedeutung, er wurde zum Inbegriff der Eitelkeit. Der Volksglaube dichtete den Federn Unheil an. Man hört noch heute, dass man sie nicht im Haus oder Auto aufbewahren sollte, denn sie zögen Blitz, Streit und Unfall an.

Sadia Hug besitzt keine Pfauenfedern mehr, nicht weil sie abergläubisch ist, sondern weil diese bei Besuchern so begehrt waren. Zehn Jahre haben die Hugs insgesamt mit ihren Pfauen zusammengelebt, bis sie sich trennten und Petit-Vivy verliessen. «Da die Vögel extrem ortsgebunden sind, haben wir sie unseren Nachfolgern überlassen. Immer wenn ich zurückkomme, begrüsst mich Henry, er kennt seinen Namen», erzählt Sadia. Emily nicht, aber sie rannte stets hinter Henry her. Inzwischen ist sie gestorben, eine neue Partnerin für Henry muss her.

Die Pfauin von Wartau hat ihren Ausflug übrigens überlebt. Dem Tierschutz ist es gelungen, sie einzufangen und ihrem Besitzer zurückzubringen. Er lebt in der Nähe von Werdenberg. Das Städtchen hatte früher einen silbernen Pfau im Wappen.