Infusionen

Eisen als Aufputschmittel: Krankenkassen wollen nicht mehr zahlen

In der Schweiz lassen sich zigtausend Frauen mit Eiseninfusionen behandeln-auf Kosten der Krankenkassen.

In der Schweiz lassen sich zigtausend Frauen mit Eiseninfusionen behandeln-auf Kosten der Krankenkassen.

Der Umsatz mit Eiseninfusionen steigt. Sie sollen gegen Müdigkeit und Erschöpfung helfen. Dabei ist höchst umstritten, ab wann der Eisenwerte zu tief ist und welche Wirkungen die Präparate haben.

Pechschwarz fliesst die Infusion aus dem Tropf in den Körper. Hin und wieder empfindet die Patientin einen leichten Geruch und Geschmack von Metall, doch ansonsten kann sie die ungefähr 90 Minuten der Behandlung nutzen, um ein Buch zu lesen oder einfach nur zu dösen. Immer mehr Menschen - in erster Linie Frauen - frischen auf diese Weise ihre Eisendepots auf. Mit einer Infusionsbehandlung, die je nach Dosierung und Dauer über 1000 Franken kosten kann. Allein zwischen 2014 und 2018 ist der Umsatz mit diesen Präparaten um 27 Prozent gestiegen. In der Schweiz sind offiziell nur zwei Eisen-Infusionen zugelassen, beidem vom Hersteller Vifor. Mit mehr Eisen im Blut, sollen Energie, Konzentration, gute Laune und volles Haar zurückkehren.

«Frauen werden dafür bestraft, dass sie menstruieren»

In der Schweiz lassen sich mittlerweile zigtausend Frauen mit dem «Swiss Iron System» des umstrittenen Arztes Beat Schaub behandeln. Und das meist auf Kosten der Grundversicherung. Doch deren Zahlungsbereitschaft sinkt und auch der Bund will die Wirksamkeit der Eiseninfusionen prüfen lassen, weswegen Schaub im Mai dieses Jahres eine Demonstration auf dem Bundesplatz in Bern organisierte. Seine Kernbotschaft: Die Schweiz solle sich nicht der «globalen Eisenlüge» anderer Länder anschliessen, wo «eine männlich dominierte Regierung die Frauen dafür bestraft, dass sie menstruieren».

Starke Worte, die auch in Deutschland gehört werden, wo sich bereits über 50 Arztpraxen dem Schaubschen Netzwerk angeschlossen haben. Die erste Grundthese dieser Bewegung lautet: Eisen wird nicht nur für die Bildung des Blutfarbstoffes Hämoglobin benötigt, sondern auch für zahlreiche andere Stoffwechselprozesse. Weswegen ein Mangel des Minerals spürbar werden kann, ohne dass gleichzeitig eine Blutarmut vorliegen muss. Diese These gilt mittlerweile unter den Medizinern als unstrittig.

Wieviel Eisen im Körper ist zu wenig Eisen?

Strittiger ist da schon die zweite Kernbehauptung der Infusionsanhänger. Demnach bestünde schon bei einem Ferritin-Wert - er beschreibt das Depoteisen im Körper - von unter 50 Nanogramm pro Milliliter Blut ein Handlungsbedarf für Infusionen. Von Schaub selbst war sogar zu hören, dass erst ein Wert von über 100 «einer wohl gesalzenen Brühe» entspricht. Anderen Internisten graut es in der Regel ob solcher Zahlen.

So hat die Weltgesundheitsorganisation WHO erst kürzlich verkündet, dass ein therapiebedürftiger Eisenmangel erst ab einem Ferritin-Wert unterhalb von 15 besteht. Zudem warnt Peter Maisel, der als Leitlinienautor der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin arbeitet:

So kämen für unspezifische Beschwerden wie Müdigkeit, Erschöpfung, Antriebsarmut und Konzentrationsschwäche zahlreiche andere Erklärungen infrage als ein niedriger Ferritin-Wert. Was man umgekehrt auch daran sieht, dass viele Menschen mit niedrigen Ferritin-Werten sogar völlig symptomfrei sind.

Tiefe Eisenwerte können viele Gründe haben

«Bei den idealen Ferritin-Werten scheint es teilweise grosse Unterschiede zwischen den einzelnen Menschen zu geben», so Maisel. Ganz zu schweigen davon, dass auch ein niedrigerer Ferritin-Wert nicht einfach vom Himmel fällt. Er könnte auch die Folge von bestimmten Medikamenten und Ernährungsstilen sein oder von Blutverlusten und gestörter Eisenaufnahme im Magen-Darm-Trakt. «Und das gilt es abzuklären und - wenn nötig - zu behandeln», so der Allgemeinmediziner, «bevor man an den Eisenwerten arbeitet».

Ebenfalls strittig ist die dritte Kernthese der Infusions-Anhänger, wonach man bei niedrigen Ferritin-Werten generell versuchen sollte, mit Infusionen zu behandeln. Denn, so die Begründung, über die üblichen, oral eingenommenen Eisenpräparate oder gar über die Ernährung liesse sich kein nennenswerter Effekt auf den Eisenwert erzielen. Maisel kann dem zwar insofern zustimmen, dass Eisen bei Infusionen nicht den Umweg über den Verdauungstrakt gehen muss, wo diverse Nebenwirkungen wie Verstopfung und Bauchkrämpfe entstehen können.

Infusionen können zu schweren Unverträglichkeiten führen

«Doch dafür können Eiseninfusionen, gerade weil sie direkt in den Blutkreislauf gelangen, zu schweren Unverträglichkeiten führen, bis zum anaphylaktischen und lebensbedrohlichen Schock», warnt Maisel. In den letzten Jahren geschehe das zwar nur noch sehr selten, weil die Hersteller ihre Rezepturen verändert hätten. «Doch ein Restrisiko bestehe nach wie vor. Die Hersteller selbst schreiben in ihren Beipackzetteln, dass beim Verabreichen ihrer Infusionen unbedingt das Personal und die Ausrüstung zur Behandlung eines anaphylaktischen Schocks parat stehen müssten.

Studie bestätigt starken Placebo-Effekt

Der gerade durchstartende Eisen-Hype dürfte sich durch solche Warnungen allerdings nicht aufhalten lassen, denn er wird mehr von Begeisterung als durch gesicherte Fakten getragen. Vifor Pharma, einer der führenden Hersteller von Eiseninfusionen, hat zwei Studien zu seinem Präparat bei der Behandlung von chronischer Erschöpfung finanziert - und dabei berichtete fast jeder zweite Studienteilnehmer von einer deutlichen Besserung seines Befindens, obwohl er nur am schwarz gefärbten Placebo-Tropf hing. Man hatte ihm also nur erfolgreich suggeriert, dass er Eisen bekäme, doch ihm tatsächlich nicht ein einziges Molekül davon verabreicht. Was wieder einmal bestätigt, dass man gerade den Placebo-Effekt von Infusionen nicht unterschätzen sollte.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1