Interview

Ein Theologe sagt, warum traditionelle Feiertage wie Pfingsten wichtig sind für die Gemeinschaft

Markt wie Kirche sind gemeinschaftsbildend. Und genau das braucht der Mensch, findet Theologe Thomas Wallimann-Sasaki.

Markt wie Kirche sind gemeinschaftsbildend. Und genau das braucht der Mensch, findet Theologe Thomas Wallimann-Sasaki.

Pfingsten ist das Fest des gegenseitigen Verstehens, und Gott ist eine permanente Provokation. Das sagt ein Theologe, der die Feiertage verteidigt: Weil sie uns im menschlichen Miteinander weiterbringen.

Die am Weltbild des klassischen Liberalismus und der Marktwirtschaft orientierte Denkfabrik Avenir Suisse schlug unlängst vor, religiöse Feiertage aufzuheben und sie Arbeitnehmenden als flexible freie Tage zur Verfügung zu stellen. Wir fragten einen katholischen Theologen, was er von dieser Idee hält.

Religiöse Feiertage abschaffen – was halten Sie davon?

Thomas Wallimann-Sasaki: Das ist eine schlechte Idee. Weil sie wichtige Dinge unseres Menschseins ausblendet.

Und die wären?

Wir müssen uns als Menschen fragen, was uns wichtig ist. Meiner Ansicht nach sind drei Dinge zentral für die menschliche Gesellschaft: die Gestaltung des Zusammenlebens, die Arbeit und die Beschäftigung mit Sinn- und Wertfragen. Feiertage schaffen genau den Raum, um Fragen nach Sinn und Wert nachzugehen und eine gewisse Erfüllung diesbezüglich zu finden. Mehr noch: Traditionelle Feiertage geben Sinn. Und: Die Sinnfrage ist immer eine religiöse.

Nun wird aber ein Atheist sagen: Auch ich suche nach einem Sinn.

Ich meine religiös hier auch in einer soziologischen Bedeutung: Woher kommen wir und wohin gehen wir?

Und neben all der Sinnsuche ...?

... bieten Feiertage eine Rhythmisierung von Lebensabläufen. Wir sind keine Roboter, die nur Strom brauchen. Feiertage bringen einen zusätzlichen Rhythmus in den Jahres- und Arbeitsverlauf und machen beides lebendiger.

Die Denkfabrik würde jetzt wohl argumentieren, dass jeder diesen Rhythmus für sich gestalten kann.

Das ist zu kurz gedacht. Ich bin zutiefst überzeugt, dass der Mensch auf Gemeinschaft ausgerichtet und angewiesen ist.

Menschen brauchen Anerkennung und Unterstützung auch aus der Wirtschaft, um miteinander Zeit für Gemeinschaft und Sinngebung gestalten zu können.

Doch braucht es für Gemeinschaft heute noch Kirche und Religion?

Ich sehe das so: Der Staat regelt das Zusammenleben, die Wirtschaft regelt die Arbeit, und die Religion, so könnte man sagen, regelt den Sinn. Alle drei Akteure müssen sich gegenseitig anerkennen:

Oder der Staat anerkennt, was Religionsgemeinschaften und Kirchen machen. Das kann man wunderschön in der Verfassung des Kantons Zürich finden. In einem Schreiben aus dem Jahr 2017 bestätigt die Regierung des Kantons Zürich, dass religiöse Überzeugungen, Gemeinschaften und auch Kirchen eine wichtige Grundlage für das gesellschaftliche Zusammenleben bilden, indem sie etwa den öffentlichen Frieden wahren. Auch die Kirchen tun dies, wenn ich an die Katholische Arbeiterbewegung denke, die Religion, Arbeitswelt und politisches Engagement verbindet.

Ob die Wirtschaft auch so denkt ...?

Indem sie Feiertage einhält, tut sie dies, ja! Wir können fragen, ob sie dies weiter tun will oder nur noch Produktion und Profit ins Zentrum stellt. Es gibt aber viele Unternehmen, die zu den Menschen Sorge tragen – etwa das Hotel, das junge Angestellte nicht frühmorgens einteilt, weil diese damit nicht glücklich sind.

Sie betonen den Wert von gesellschaftlicher Verbundenheit. Was tragen Feiertage zu diesem Wert bei?

Sie sind wie Blue Notes, die den Jazz zum Jazz machen. Feiertage machen Gesellschaft zur Gemeinschaft mit vielen kleinen Freundes- und Familienkreisen.

Womit wir auch wieder beim Rhythmus wären ...

Ich kann mich erinnern, wie lange mir als Schüler die Zeit zwischen Ostern und den Sommerferien wurde, wenn Ostern auf einen frühen Termin fiel.

Man wusste, es gibt auch noch was anderes als den Alltag. Nimmt die Wirtschaft den Menschen ernst, dann muss sie sich für Feiertage einsetzen. Auch in dem Wissen, dass nur ausgeglichene Menschen Leistung bringen können.

Ausgeglichen und gesund bleiben Arbeitnehmer aber auch, wenn sie sich individuell freinehmen. Und unsere Multikulti-Gesellschaft: Muslime, Buddhisten, Hinduisten – alle haben ja ihre eigenen Feiertage?

Wir sollten uns immer wieder fragen: Was bedeuten uns diese Tage? Wie füllen wir sie? Ich könnte mir beispielsweise vorstellen, einen traditionellen katholischen Feiertag zu streichen und einen Feiertag aus einer anderen Religion einzubringen oder ihn durch einen politisch ausgerichteten zu ersetzen. So könnte man Mariä Empfängnis am 8. Dezember aufgeben und stattdessen am 10. Dezember den Menschenrechtstag feiern. Über solche Fragen kommt eine Gesellschaft auch ins Gespräch, sie bereichern den interreligiösen Dialog.

Verschiedene Länder haben ja auch verschiedene Feiertage.

Ja, das ist spannend. Als ich in Frankreich studiert habe, bekam ich mit, dass die Franzosen das Ende des 1. Weltkriegs und das Ende des 2. Weltkriegs feiern und an diesen Tagen frei haben. In Deutschland wiederum beging man den Nationalfeiertag vor dem Mauerfall 1989 jeweils am 17. Juni, dem sogenannten Tag der deutschen Einheit – geschrieben mit kleinem d, und zum Gedenken an den Volksaufstand 1953 in der DDR. Seit 1990 ist der 3. Oktober deutscher Nationalfeiertag sowie gesetzlicher Feiertag und heisst ebenfalls Tag der Deutschen Einheit – nun aber mit grossem D geschrieben. In den USA erinnert jeweils am dritten Montag im Januar der Martin-Luther-King-Tag als landesweiter Feiertag an die Bürgerrechte und an einen wichtigen Teil der nationalen Identität. Auch hieran kann man ablesen, wie viel Feiertage einer Gemeinschaft bedeuten und mit wie viel Inhalt sie gefüllt sind.

Ja, und das geht weit über Kirche und Religion hinaus.

Ja, feiern muss man nicht unbedingt in einer kirchlichen Gemeinschaft. Man kann es als Familie, Gruppe, Nation tun.

Wir leben in einer säkularen Welt – die sich Menschen verschiedener Weltreligionen auch im Kleinen teilen. Ganz schön kompliziert.

Hier muss man sich gesamtgesellschaftlich überlegen, wie man das aufteilen kann. Und Kompromisse finden zwischen verschiedenen religiösen, staatlichen und möglichen neuen Feiertagen. Man könnte einen muslimischen und einen buddhistischen Feiertag für alle einführen.

Oder einfach nur entspannen. Damit würde die Gesellschaft Gleichheit wie Differenz der Menschen ernst nehmen.

Sie sagten mal, der Mensch sei zu stark belastet, wenn der Einzelne die Gesellschaft gestalten muss.

Heutige Menschen leben in einem ­Spannungsfeld zwischen Privat- und Geschäftsleben. Dies ist belastend gerade bei Menschen, die Schicht oder in der Pflege arbeiten – wo Feiertage viel weniger Bedeutung für den Arbeitsplan haben. Individuelle Lösungen erhöhen den Aufwand, gemeinsame Zeiten zu organisieren. Feiertage sind idealerweise wie ein Geschenk, das wir ohne Leistung erhalten, weil wir alle wertvoll sind. Gerade hören wir die Kirchenglocken läuten – für mich ein schönes Geräusch, weil es mich daran erinnert, nicht alleine zu sein, auch wenn das andere anders sehen.

Dieses Interview erscheint an Pfingsten. Ein Kollege meinte, Pfingsten sei womöglich das modernste christliche Fest. Universal zugänglich, weil es weder Kreuz noch Krippe braucht.

Ich würde es so sagen: Religionen feiern Grundwahrheiten. An Weihnachten wird der neue Mensch gefeiert, an Karfreitag gedenkt man des Leidens. Und Ostern ist ein Grundfest der Hoffnung. Alles universale Feste, wenn man es so betrachtet.

Und Pfingsten ...?

Pfingsten möchte uns vermitteln, getragen zu sein von etwas Grösserem, eben dem Geist, und nicht alleine zu sein. Uns gegenseitig verstehen zu können.

Was machen Sie über Pfingsten?

Ich weiss es noch nicht. Wir müssen dies zu Hause besprechen. Aber ich weiss, dass wir die Zeit um das Kernverständnis des Getragenseins gestalten. Bei uns wird gefirmt, und weil dies wahrscheinlich die letzte Firmung mit Generalvikar Kopp, meinem ehemaligen Lehrer, sein wird, werde ich gerne diesen Gottesdienst mitfeiern. Ehrlich gesagt gehe ich nicht bei allen Feiertagen in die Kirche. Ich bin durch und durch katholisch. Und dies heisst für mich:

Dann sind Sie kein strenger Christ?

Christ zu sein geht für mich durch alle Fasern – den Gottesdienst zu besuchen, ist nur ein Teil meiner Religiosität. Misst man das Christsein nur am Kirchgang, dann schränkt man es ein. Auch Jesus war nicht nur in der Synagoge. Er hat mit den Leuten auf dem Dorfplatz geredet und ging mit ihnen essen. Ans Kreuz ­genagelt wurde er als politischer Aufrührer – es war ein politischer Mord, und kein religiöser.

Fährt man aber über die Feiertage ins Tessin – wo bleibt da das Innehalten?

Ich bin überzeugt, dass viele bewusst in diesen Stau reinfahren, denn sie wissen doch schon vorher, dass es so kommen wird. Vermutlich entstehen im Stau oft spannende Gespräche – wie im Pendlerzug, der stecken bleibt.

Wieso möchten sich viele Menschen nicht mehr in der Kirche besinnen?

Wie ich vorher schon gesagt habe: Man sollte Religiosität nicht auf den Kirchenbesuch reduzieren. Wir müssen grösser denken. Wie bringen wir die Bedeutung der Feiertage mit dem heutigen Menschsein zusammen? Wie gestalten wir sie modern? Auch die Denkfabrik Avenir Suisse hat ein antiquiertes Bild von Religion, wenn sie christliche Feiertage für überflüssig hält und nur mit dem individuellen Gottesdienstbesuch verbindet.

Thomas Wallimann-Sasaki: «Gott ist ein Grundton.»

Thomas Wallimann-Sasaki: «Gott ist ein Grundton.»

Wie denken Sie über Gott?

Ich bin einerseits sehr religiös und andererseits ein Kopfmensch. Und weil ich ein Kopfmensch bin, laufe ich Gefahr, Gott als Konzept zu sehen. Gleichzeitig spüre ich Gott grösser als alles, was ich denken kann. Gott gibt Kraft und Hoffnung, er lässt einen leben und arbeiten. Gott ist ein Grundton, er ist wie der Wohlklang eines Cellos, der das Leben begleitet.

Das sind schöne Bilder …

Ja. Aber Gott ist für mich auch eine permanente Provokation. Er ist nicht zu greifen. Als Grundton ist er in allem. Aber ich höre ihn nicht immer. Dann zweifle ich. Und weiss: Ich will ihn wieder suchen.

Kluge Worte zu Pfingsten, dem Fest des Getragenseins. Braucht es vielleicht sogar noch mehr Feiertage?

Es braucht jedenfalls nicht weniger. Wir können noch mehr Feiertage einführen, aber wir müssen wissen, für was. Auch neue Feiertage bräuchten eine Bedeutung. Darüber müssten wir diskutieren und unsere Multi-Kulti-Gesellschaft näher zusammenbringen.

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