Es muss idyllisch sein da oben, ein idealer Ausgleich zum hektischen Berufsleben. Ein Alltag im Rhythmus der Natur statt in jenem von Outlook Express. Jahrelang mussten meine Partnerin und ich die Erfüllung dieses Traums aufschieben, da die berufliche Situation es nicht zuliess. Letztes Jahr klappte es endlich und heuer gleich nochmals. Die vollen drei Monate oben bleiben konnte aber nur meine Partnerin, ich selber arbeitete jeweils die halbe Woche im Flachland. Die Kinder wiederum lebten zwei Monate auf der Alp und kehrten dann zum Schuljahresbeginn zu mir in die Stadt zurück. Das war das Maximum an Landleben, das drin lag. Was es uns gebracht hat? Hier die sechs wichtigsten Erkenntnisse:

Ruhe und ein wenig Gebimmel

Kühe sind stille Tiere. Solange sie sich wohlfühlen, muhen sie nicht. Und dass sie sich wohlfühlen, ist die wichtigste Aufgabe, für die meine Partnerin und ich mit unseren Söhnen auf dem Hüntenbergli auf 1780 Metern über Meer in St. Stephan zuständig sind. 27 Kühe, Rinder und Kälber, deren Glockengebimmel oft das einzige Geräusch weit und breit ist. Sogar von unseren Buben, neun und sechs Jahre alt und nicht gerade als still bekannt, hören wir nichts mehr, wenn sie im nächsten Wäldchen eine Festung aus Ästen, Erde und Steinen bauen.

Das lässt den Eltern Zeit für ihre täglichen Aufgaben. Melken müssen wir nicht, unsere Tiere sind Mutterkühe. Tagsüber sind sie im Stall, nachts auf der Weide. An beiden Orten müssen sie immer genügend zu Fressen haben. Wir stechen Unkraut aus und fällen Tännchen, damit die Weiden nicht verwalden. Zusammen mit dem Besitzer der Alp Mähen wir, nehmen das Heu zusammen, bringen die Ballen für den kommenden Winter ins Tal. Die Geräte dazu – Kettensäge, Laubbläser, landwirtschaftlicher Transporter – kommen in der Stille der Berge akustisch besonders gut zur Geltung und sprechen auch den olfaktorischen Sinn an.

Sanfte Tiere mit spitzen Hörnern

Unter Wanderern kursieren Horrorgeschichten von Begegnungen mit Mutterkühen. Alles Märchen, denken wir bald. Zu unseren Kühen pflegen wir trotz ihrer beeindruckenden Hörner ein inniges Verhältnis. Das tägliche Anbinden im Stall geht zwangsläufig mit einer Umarmung einher. Vielleicht sind es sogar diese Umarmungen, die für ein friedliches Zusammenleben zwischen Mensch und Kuh sorgen? Der Körper reagiert auf Berührungen mit dem Ausstoss des Hormons Oxytocin, das gegen Aggressivität wirkt.

Der Grund, weshalb wir nicht unsere Kinder die Kühe anbinden lassen, ist die nicht ausreichende Armlänge der Buben. Das abendliche Losbinden macht aber inzwischen sogar der Sechsjährige. Gerne halten die Buben den Tieren, denen sie knapp bis zur Schulter reichen, auch das Becken mit dem Salz zum Lecken hin. Der zappelige Neunjährige verschwindet immer mal wieder im Kälberstall und kommt eine Stunde später vollkommen entspannt zurück.

Unsere Kühe sind also quasi Kuscheltiere mit therapeutischer Wirkung. Doch sie haben ihre Tücken. Habe ich erwähnt, wie es sich anfühlt, wenn einem ein vierhundert Kilo schweres Tier auf den Fuss steht? Oder wenn es einen per Bodycheck an die Stallwand fliegen lässt? Dass Alia an ihrem Strick riss, bis das sechs Zentimeter dicke Holzbrett, an dem sie angebunden war, barst? Dass Schana die geschlossene Stalltür umrannte? In solchen Momenten ist dann eher Adrenalin als Oxytocin im Spiel. Und zu den Schauermärchen, die unter Wanderern kursieren: Märchen haben meist einen wahren Kern.

Grosse Freiheit für die Buben

Lego haben wir keine mitgenommen. Wieso auch? Die Buben dürfen herumtoben, schreien, sich im Dreck wälzen. Sie heben ein Plumpsklo aus und benutzen es sogleich. Sie spielen mit Kuhhörnern, Agraffen, Taschenmessern, Ohrmarken, Holzscheitern, sie hämmern, bohren, sägen, raspeln.

Und sie helfen den Eltern. Der Grosse spaltet mit dem Vater Holz, der Kleine stapelt die Scheiter auf. Der eine begleitet die Mutter beim Zäunen, der andere hält ihr den Pot mit der Salbe hin, wenn sie die wunde Haut einer Kuh behandelt. Und beide Kinder packen beim Misten im Stall an. Zumindest in der ersten Woche. Danach ist die Euphorie bei Arbeiten wie dem Ausmisten verflogen. So sind die Eltern abends alleine im Stall, und die Kinder üben unterdessen etwas anderes: sich selber zu beschäftigen.

Essen und trinken, frisch ab Kuh

Milch kriegen wir bei der Nachbaralp. Wenn wir sie morgens holen, ist sie noch euterwarm (was unseren Kleinen zur Frage veranlasste, von welcher Kuh denn eigentlich die kalte Milch stamme). Und wo es Milch gibt, sind Butter, Käse, Rahm, Quark nicht weit. Frischer geht es nicht. Konfitüre machen wir aus selbstgesammelten Heidelbeeren, Sirup aus Alpenrosen. Auch wilder Schnittlauch wächst unweit unserer Hütte, und Steinpilze gibt es à discrétion, passend zum Ragout von Kuh Zana, die im Jahr zuvor noch in unserem Stall stand.

Platz, so weit das Auge reicht

Stadtwohnung, überfüllte Züge, Grossraumbüro – ein bisschen mehr Platz wäre manchmal angenehm da unten im Mittelland. Auf der Alp ist er da, dieser Platz. Wenn ich nach dem Frühstück mit der Kettensäge losziehe, ist die Chance gross, dass ich niemandem begegne, bis ich ein paar Stunden später zur Hütte zurückkehre. Besuch kriegen wir von Menschen, die gerne arbeiten und auch mal von sich aus mit der Hacke hinter dem Hügel verschwinden, um eine Weide vom Unkraut Germer zu befreien.

Der Blick von der Alphütte geht bis zum Gletscherplateau der Plaine Morte, eine fast unendlich anmutende Weite. Es sei denn bei Regen. Dann sehen wir kaum bis zum nächsten Baum. Wir sitzen drin, mit den Kindern und den Besuchern und den Kindern der Besucher. In den zwei Zimmern unserer Hütte. Ein bisschen mehr Platz wäre manchmal auch da oben auf der Alp angenehm.

Entspannung für den Kopf

Körperliche Aktivität ist einer der wichtigsten Faktoren zum Bekämpfen von Stress. Unsere Bewegung müssen wir weder auf Velofahrten im Stadtverkehr noch im Fitnessstudio suchen, sie kommt ganz von selbst mit den täglichen Arbeiten, dem Zäunen, dem Blacken-Ausstechen, dem Heuen. Abends fallen wir ins Bett, todmüde, aber vollkommen entspannt im Kopf. In den Schultern eher verspannt.

Bereits machen wir uns Gedanken, ob wir uns im kommenden Jahr wieder einen Alpsommer einrichten können. Alp, Beruf und Schule aneinander vorbei zu kriegen, ist zwar zuweilen stressig. Doch das nehmen wir in Kauf für eine – wenigstens teilweise – entspannende Alpzeit.