Welt-Alzheimertag

Ein Heilmittel gegen Demenz: So sollen Gamer den Forschern helfen

144 000 Menschen in der Schweiz sind aktuell an Demenz erkrankt. Ob und wie Alzheimer aufgehalten werden kann, ist nach wie vor unklar.

Psychologen der Universität Basel erhoffen sich mit Daten von Videospielen Ansatzpunkte für Medikamente gegen Demenzerkrankungen.

Vier Seniorinnen sitzen auf ihren Motorrädern. Waagrecht aufgereiht warten sie auf das Startsignal. Vor ihnen liegt eine lange Gerade, links steht eine Ampel. Gelbe Lichter erscheinen, die Damen machen sich startklar. Dann blinkt ein grünes Licht auf und die Omas drücken aufs Gaspedal. Nach 25 Sekunden passiert die Erste von ihnen die Ziellinie und gewinnt das Rennen.

Dieser Wettkampf spielte sich nicht etwa in der Realität ab, sondern ist Teil eines neuen Videospiels. Drei Psychologen der Universität Basel haben insgesamt vier Spiele entwickelt, die unterschiedliche kognitive Fähigkeiten der Gamer messen können. Die Simulation mit den rollerfahrenden Omas erfasst Daten über die Reaktionsfähigkeit der Spieler, indem sie die Leistungen der Gamer aufzeichnet, die zu bestimmten Zeitpunkten des Rennens mehrere Tasten abwechslungsweise drücken müssen.

Die Psychologen erhoffen sich von den Ergebnissen neue Erkenntnisse, um die Funktionsweise unseres Gehirns besser verstehen zu können. Die Daten sollen über einen Zeithorizont von mindestens zehn Jahren gesammelt werden und letztlich auch Ansatzpunkte für Medikamente gegen Demenzerkrankungen liefern. «Ein ambitioniertes, aber mit regelmässigen Spielern ein realistisches Ziel», ist Christian Vogler von der Universität Basel überzeugt.

Rückschläge für Pharmaindustrie

Die vier Videospiele sind am vergangenen Mittwoch online gegangen, rund eine Woche vor dem morgigen Welt-Alzheimertag. Die Alzheimerkrankheit ist die bekannteste und häufigste Form von Demenz. Sie ist für ungefähr 60 Prozent der weltweit etwa 47 Millionen Demenzkranken verantwortlich. In der Schweiz sind gemäss dem Bundesamt für Statistik aktuell 144 000 Menschen an Demenz erkrankt. Sie alle haben keine Chance auf Heilung, da bisher kein Wirkstoff gefunden werden konnte, um Alzheimer aufzuhalten oder wenigsten zu bremsen.

Seit Jahren muss die Pharmaindustrie immer wieder schmerzhafte Rückschläge hinnehmen: Beispielsweise Ende 2016, als ein aussichtsreiches Projekt des US-Pharma-Unternehmens Eli Lilly mit dem Wirkstoff «Solanezumbab» in einer fortgeschrittenen Studie scheiterte. Oder Ende Februar dieses Jahres, als Merck & Co eine klinische Studie zu einer entwickelten Therapiemethodik stoppte, da keine Anzeichen auf einen positiven Effekt festgestellt werden konnten.

Schaffen die Schweizer Pharmariesen den Durchbruch?

Zurzeit ruhen die grössten Hoffnungen auf den zwei Schweizer Pharmariesen Roche und Novartis. Bei Roche werden zwei unterschiedliche Wirkstoffe in der Endphase getestet. Novartis probt bereits ein Mittel gegen Alzheimer an gesunden, aber genetisch vorbelasteten Patienten. Steht der grosse Wurf also trotz den letzten Hiobsbotschaften kurz bevor? Andreas Studer, Vorstandsmitglied von der Schweizerischen Alzheimervereinigung ist skeptisch: «Ich bin seit 30 Jahren in diesem Business. Alle fünf Jahre keimt wieder Hoffnung auf. Fakt ist jedoch, dass bisher kein passender Wirkstoff gefunden wurde.»

Für die bereits betroffenen Alzheimer-Patienten käme ein Medikament sowieso zu spät. Bis ein solches in die Klinik kommt, vergehen mindestens fünf bis zehn Jahre. Deshalb stehen am morgigen Welt-Alzheimertag nicht primär die Forschungsprojekte, sondern vielmehr die Betroffenen und deren Bekannten im Vordergrund. Studer: «Der Tag ist ein Dankeschön an alle Angehörigen von Demenzkranken, die mit ihrer wertvollen Betreuungsarbeiten die finanzielle sowie emotionalen Hauptlast der Krankheit zu tragen haben.»

Insgesamt verursacht Demenz Kosten in der Höhe von knapp sieben Milliarden Franken in der Schweiz. Aufgrund der demografischen Entwicklung werden im Jahr 2040 hierzulande geschätzte 300 000 Menschen davon betroffen sein, sofern keine klaren Fortschritte bei Prävention oder Heilung erzielt werden. «Deshalb werden sich die Kosten wohl noch verdoppeln», sagt Studer.

Das Risiko minimieren

Müssen wir uns als Individuum also dem Schicksal beugen, oder einfach auf einen Durchbruch der Pharmaindustrie hoffen? Nicht ausschliesslich. Man kann das Risiko einer Alzheimererkrankung um bis zu einem Drittel reduzieren, wenn man die bekannten Risikofaktoren konsequent und von Kindheit an bekämpft. Zu diesem Ergebnis kamen internationale Experten in einem aktuellen Artikel des Fachmagazins «The Lancet».

Eine gute schulische Ausbildung sei demnach eine besonders wichtige vorbeugende Massnahme. Sie erhöhe die kognitiven Fähigkeiten und die Belastbarkeit des Gehirns. «Da aber die Genetik eine nicht minder grosse Rolle spielt, profitieren nicht alle gleich viel von einem gesunden Lebensstil», bilanziert Studer.

Ob bis zum Abschluss des Projektes der Universität Basel bereits einen Fortschritt in der Demenzforschung erzielt wurde, ist nicht absehbar. Wer sein Gehirn jedoch regelmässig trainiert, minimiert das eigene Risiko auf eine Alzheimererkrankung – je nach genetischen Voraussetzungen mehr oder weniger. Wenn man beim Projekt der Universität mitmacht, kann man also gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Gamen für die Wissenschaft und für die eigene Gesundheit.

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Autor

Nicola Imfeld

Nicola  Imfeld

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