Medizin

Ein ganz besonderer Chirurg: Wie Martin Meuli Ungeborene im Bauch ihrer Mutter operiert

Martin Meuli bei seiner Arbeit im Operationssaal. Für die Familien seiner Patienten (rechts) bleibt er auch nach der Operation da.

Martin Meuli bei seiner Arbeit im Operationssaal. Für die Familien seiner Patienten (rechts) bleibt er auch nach der Operation da.

Martin Meuli hat weltweit als Erster entdeckt, dass Kinder mit einem offenen Rücken noch im Mutterbauch operiert werden können. Darum singt er jetzt nicht in der Oper, sondern trällert manchmal im Operationssaal.

Er hätte gerne als Opernsänger die Menschen gerührt. Deshalb besuchte Martin Meuli in seinem dritten Jahr als Medizinstudent keine Vorlesungen und ging stattdessen abends in die Oper, wo er sich als Opernarzt hatte anstellen lassen, damit er gratis zuhören konnte. Tagsüber schlief er. Das plaudert ein damaliger Mitstudent über Meuli aus in einem Buch, das soeben über den Kinderchirurgen erschienen ist. Ja, Martin Meuli wurde trotz seiner Liebe zum Gesang Chirurg.

Der Mann ist in jedem erdenklichen Sinne kein gewöhnlicher Chirurg. Er trat in einem Film von Fredi Murer in einer Nebenrolle als Hausarzt auf, er zog nach einer Aeschbacher-Sendung ein buntes, gestricktes Fantasie-Chirurgen-Gewand an, und er steckt sich für ein originelles Foto auch mal zwei Kunststoffmöhren in die Nasenlöcher.

Meuli ist kein Kind von Traurigkeit. Dabei hat er ständig mit der Traurigkeit zu tun: Mit am Boden zerstörten Eltern und mit verletzlichen Winzlingen, denen er noch im Mutterbauch mit Nadel und Faden zu helfen versucht.

Pionier der Fetalchirurgie

Da und dort wurde über den Chirurgen berichtet, aber andere Chirurgen mit ähnlich herausragenden Leistungen wie René Prêtre oder Thierry Carrel gehören längst zur Schweizer Promiszene.

Meuli war derjenige, dem in den 90er-Jahren als Erstem die Idee kam, dass man Kinder mit Spina bifida, dem sogenannt offenen Rücken, schon im Mutterbauch operieren könnte. 59 Frauen und ihre Föten haben er und sein Team bis heute am Universitätsspital Zürich operiert. Sonst macht das in der Schweiz niemand.

Dass die Operation im Mutterleib möglich ist, hatte 1983 Michael R. Harrison in San Francisco gezeigt, als er an einem Ungeborenen einen Harnröhrenverschluss operierte. Meuli, eigentlich Chirurg für brandverletzte Kinder, war fasziniert, dass Wunden an einem Ungeborenen ohne Narben verheilen.

In Amerika mit Schafen experimentiert

In Amerika erhielten er und seine Frau Claudia (heute Chefärztin für Plastische Chirurgie am Kantonsspital Aarau) die Möglichkeit, mit Schafen zu experimentieren, um herauszufinden: Ist das Rückenmark, das bei Spina bifida freigelegt ist, ohnehin schwer geschädigt? Oder entsteht die Schädigung vor allem, weil das ungeschützte Rückenmark in der zweiten Hälfte der Schwangerschaft durch Reibung am Uterus leidet und weil das Fruchtwasser je länger, je toxischer wirkt?

In San Francisco waren Schafe als Experimentiermodelle damals etabliert. «Forschen war in den USA deutlich einfacher als in der Schweiz», sagt Meuli am Tag nach der Buchvernissage am Telefon. Gerade fährt er an eine Konferenz nach Chur – seine Heimat.

Seine Studie bestätigte nach drei Jahren die Vermutung: Wurden Lamm-Föten schon im Uterus operiert und der Rücken geschlossen, hatten sie bei Geburt viel weniger Behinderungen und konnten meist sogar herumspringen.

39 Jahre alt war Meuli, als er in die Schweiz zurückreiste. Seine Chefs in Amerika wurden ans Kinderspital Philadelphia berufen, wo eine achtjährige Folge-Studie begann. Die Operation wurde an menschlichen Föten getestet. 2010 war es offensichtlich: Die Spina-bifida-Kinder profitieren meistens von der vorgeburtlichen Operation. Meuli erhielt alle Hilfe und das Wissen seiner Kollegen in Philadelphia und konnte endlich in der Schweiz loslegen.

Er geht heute davon aus, dass rund ein Viertel der operierten Kinder nach der Geburt weder einen Wasserkopf haben noch inkontinent sind und dass sie gehen können (wenn auch oft mit Hilfsschienen). Ein weiterer Viertel hat eine der drei Behinderungen, ein Viertel hat zwei und das letzte Viertel profitiert wenig von der Operation.

«Man darf die Operation nicht in den Himmel loben», sagt Meuli selbstkritisch, «da gehört sie nicht hin. Andererseits ist gesichert, dass sie teilweise verhindern kann, dass Kinder ihr Leben im Rollstuhl verbringen.»

Meuli lässt die Nähe zu

Das sind die Fakten und das ist der Erfolg des verhinderten Opernsängers und Schauspielers. Doch wie ist es für Betroffene? Das Buch erzählt die Geschichten von acht Patienten und ihren Eltern. Alle hat die Diagnose Spina bifida kalt erwischt. Und die Mütter schildern, wie es ihnen in den ersten Tagen nach der Operation schlecht ging, wegen der Medikamente, der Erschöpfung, den Sorgen. Manche mussten bis zum Geburtstermin im Spital bleiben.
Andererseits lachen von den Buchseiten die operierten Kinder – einige besuchten die Buch-Vernissage am vergangenen Dienstag. Meulis allererster Patient war auch da: Inzwischen ist er 18 Jahre alt, geht kürzere Strecken zu Fuss und fährt Liege-Rennrad.

Nach der Geburt müsse vielen Kindern trotz Operation regelmässig ein Katheter gelegt werden, weil sie die Blase selber nicht vollständig leeren können – oder es treten andere Komplikationen auf. Meulis Team ist für alle weiter da. Die Eltern haben seine Natelnummer.
Gegenüber der «Schweizer Familie» hat Meuli einst gesagt: «Gegen diese Nähe will ich mich weder als Arzt noch als Mensch wehren.» Selten weint er mit den Eltern, wenn ein Kind stirbt. Er nimmt sich viel Zeit für Aufklärungsgespräche, verheimlicht nichts – aber am Ende müssen die Eltern entscheiden: Nichts tun? Operieren? Abtreiben? Wie viele sich für die Abtreibung entscheiden, weiss man nicht, denn die meisten Eltern entscheiden sich dafür, bevor sie zu Meuli kommen.

Seit zwei Jahren operiert sein Team immer mehr Kinder. Viele davon kommen aus dem Ausland, doch Meuli vermutet: «Auch in der Schweiz geht die Bewegung langsam weg von der Abtreibung hin zur vorgeburtlichen Operation.» Das Bewusstsein für diese Möglichkeit wachse.
Ob sich Eltern für die Operation entscheiden sollen oder für die Abtreibung, dazu gibt Meuli keine Ratschläge ab. «Das überfordert mich und dazu stehe ich. Gerade auch, weil ich keine eigenen Kinder habe. Es bleibt eine der ganz grossen, schweren Entscheidungen im Leben einer solchen Frau.»

Mit diesen dicken Fingern?

Die Operation ist trotz Routine speziell geblieben. Er sagt zwar: «Nein, wie ein Eindringling fühle ich mich nicht, wenn ich die Gebärmutter öffne, denn ich kann ja etwas Gutes tun für die Kinder. Aber ich operiere zwei Menschen gleichzeitig, das ist besonders schwierig, verantwortungsvoll – und faszinierend.»

Meuli ist ein Meister seines Fachs. Dennoch hat einst ein Vater unverblümt gesagt: «Das Einzige, was mir Sorgen macht, sind Ihre Hände. Wie kann jemand mit solchen Fingern so feine Operationen machen?» Meuli trug es mit Fassung. Er erklärte, eine kleine Hand sei für solch kleine Operationsfelder eher besser und dass sein Bruder – ebenfalls kleine Hand und breite Finger – als Berufsmusiker virtuos Oboe spiele. Mit Musik hat auch Martin Meuli nie aufgehört. Früher brachte er gelegentlich die WG-Kollegen mit seinem Singen zum Wahnsinn, heute trällert er manchmal sogar im Operationssaal.

«Martin Meuli. Operation am Ungeborenen», Peter Rothenbühler, Magdalena Ceak, Sonja L. Bauer, 359 Seiten, Werd-Verlag.

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