Generationen-Serie

Du kriegst alte Knochen krumm, aber nicht dumm

Die 70-Jährigen: Alltagshandlungen werden zur Kränkung, etwa, wenn das Portemonnaie schon wieder zu Boden fällt. (Symbolbild)

Die 70-Jährigen: Alltagshandlungen werden zur Kränkung, etwa, wenn das Portemonnaie schon wieder zu Boden fällt. (Symbolbild)

Leute über siebzig haben Angst – nicht vor dem Tod, aber vor Geistesschwund. Denn im Kopf kommt offenbar das beste Altersgefühl zum Tragen: Das Leben lasse sich erfüllen als Werk.

Es ging wieder mal bis drei Uhr nachmittags. Wir hatten überhockt, Reto und ich – nennen wir ihn Reto. Er ist 74, ich bin zehn Jahre jünger; das macht auf dieser Höhe (oder in diesen Niederungen) keinen Unterschied… wirklich nicht? Davon wird noch zu reden sein. Jedenfalls ein Mittagessen, geschäftig angesetzt, weil alle geschäftig tun heutzutage. In Wahrheit blosse Mimikry. Der reflexhafte Hohn zweier reifer Herren, will sagen: nie wirklich reifender Lausstricke gegen das «zielführende Handeln» der Gegenwart.

Natürlich hatten alle unsere Treffen «genug Raum nach vorn und hinten», wie Reto das formulierte, «wie ein Golfrange, würden wir mal einen Ball voll danebenhauen». Genau das war Sinn und Zweck der Sache: zu reden, wie es halt dachte, kreuz und quer im Oberstübchen, und sich beim Freilauf der Gedanken nicht ständig in die Hosen zu machen. Auch dann nicht, wenn der Freilauf zum Irrlauf wurde.

Reto hatte, als Gründer und Chef einer KMU, seine Überzeugungen und Gesinnung. Von aussen sah das aus wie ein fest umrissenes Weltbild. Innen hatte er, ständig hellwach, ständig auf alles gefasst, eine mordsmässige Lust, sich geistig stimulieren zu lassen. Schnell und anarchisch wie die Synapsen im Gehirn funkte sein Witz.

Reto war in hohem Mass politisch interessiert. Bis zu jenem Grad, der schlagartig in Politikekel kippen kann. Er hatte eine Art Speerspitze-Kreis gegründet mit Gleichgesinnten, um jahrzehntelang, eigentlich lebenslang «den Anfängen zu wehren». Er glaubt mit 74 mehr denn je, er und sein Kreis stünden allein gegen alle, doch «im Ernstfall» melde sich zuverlässig der Streetfighter in ihm zurück, der Beisser.

Vermutlich hockten da auch Menschenverdruss und Stänkerlaune, ähnlich wie bei mir, die üblichen Geier am Rand austrocknender Jahre. Maulen – bereitet nun mal mordsmässig Vergnügen. Aber Reto schien, im Gegensatz zu mir, quicklebendig, geradezu juvenil zu jeder Expedition aufgelegt. Aus tiefem Herzen war er pragmatisch, liberal real. Menschenfreundlich in der Art, die den Einzelnen lange sich selbst überlässt, dann aber mit Taten hilft statt mit Worten. Sicher ist: Wir mochten uns leiden, sehr gut leiden, Reto und ich.

Den Namen der Brasserie, wo wir uns jeweils trafen, müssen wir wohl für Presse-Traumatisierte in Zeiten von Kummer und Relotius, zwecks vorübergehend wieder gesteigerter Verifizierbarkeit der Details verraten: das Mürset in Aarau. Das Lokal war noch zu Retos aktiven Zeiten «an vorderster Front» eine Art Hauptquartier für ihn gewesen. Bis heute hält er daran fest.

Den Menschen durchschaut

Am fraglichen Tag, wovon ich spreche, kam Reto gerade von einer Kadersitzung und sagte, dass man ihm in der Firma eben zu verstehen gegeben habe, ihn zugunsten der Etappe – «öh» – abzuziehen von seiner – «also hm, tja» – geliebten «vordersten Front». Kaum hatte das Gestammel begonnen im Sitzungsraum, hatte Reto kapiert. «Mit 74», sagte er, «kennst du deine Pappenheimer. Man weiss, dass die Leute alles, was sie heimlich-feist im Stillen zu denken glauben, in Wahrheit in stereotypen lauten Bahnen denken.» – «Als hätte ich es nicht längst vermutet», rief ich aus, «du spielst im Kopf der anderen teuflisch gern Gedankenschach!» – «Auch du, Brutus», antwortete Reto, «meinst also, graue Wölfe dürften keinen Vorteil mehr haben? Drei Vorteile, um genau zu sein: die Antizipation fremder Gedanken mit achtzig Prozent Trefferwahrscheinlichkeit. Zweitens – dank Erfahrung – die Voraussehbarkeit von neunzig Prozent allen menschlichen Handelns. Drittens die hundertprozentig machiavellistische Spiel- oder Jonglierlust des in wundervoller Klarheit und Illusionslosigkeit ergrauten Hauptes.»

Reto lachte und bestellte einen zweiten Roten beim Kellner, nicht ohne sich bei ihm zu erkundigen, selbstverständlich per Du, ob ihn weiterhin der Rücken zwicke … Viertens, dachte ich, hat der Siebzigjährige für Wein die absolute Nase. Und geniesst in vollen Zügen, fünftens, dass ihm alle jedes gezeigte Interesse als Mitgefühl anrechnen. Kernige Alte wollen bei Verstand bleiben, ihre grösste Sorge, und so auch wahrgenommen werden. Es wäre unklug, wenn nicht bescheuert, auch im Alter noch herumzuheucheln.

Daran hielt sich Reto auch am Tag seiner Entmachtung. «Dafür habe ich die Leute doch eingesetzt», erklärte er, «fürs strategische Denken zum Nutzen der Firma. Sie haben mein Vertrauen, selbstverständlich. Nur als Feuerwehrmann müssen sie mich fortan nie mehr aufbieten – das machte ich unmissverständlich klar.» Offenbar konnte Reto «loslassen» – Kunststück: Im Hintergrund behielt er als Eigner die Kontrolle. Und im Vordergrund unterhielt er seit kurzem, genossenschaftlich organisiert, einen Weinberg am Brienzersee.

«Der Tod, dieser Vollidiot»

Wann wurde Reto mal müde, erschöpfend müde? Da selbst Bestatter von einem – glücklichen – Stadium der «Lebenssattheit» sprechen? Erst mit 84, 94, hundert? «Hör mir auf», sagte Reto, «mit Getriebensein, mit dem Schattenmann, diesem Vollidioten.»

Warum ist der Tod ein Idiot? «Der denkt sich null Komma nix zu den Klientinnen und Klienten. Winkt allen gleich zu, ohne Unterschied, mit seiner dämlichen Sense. Von ihm leitet jede Matschbirne ab, gleichgültig durchs Leben surfen zu dürfen; scheint doch einerlei, ob man ein brauchbarer Teil des Ganzen wird oder ein Verbrecher.»

Das ist bei Reto stets der äusserste Rand für Metaphysik. Dass er da meist um sich wedelt, als wolle er Dampf verteilen, überraschte mich nicht. «Papperlapapp, Tod ist kein Tabu», sagte er, «obwohl ihr den Quark auf Papier unentwegt breittretet. Weshalb soll sich der Ü70er ‹speziell emotional damit befassen›, wie Heftlipsychologen raten? Jeder neue Tag begrüsst uns ja mit der Frohlockung: ‹Bürschchen, das könnte schon dein letzter sein›. Das hättet ihr wohl gern: Wenn die Alten endlich freiwillig zum Kindergarten regredieren. Die Spassgesellschaft dehnt ihren Infantilisierungs-Druck unaufhaltsam aus… doch doch doch: vor allem über euch Medien-Entertainment-Fritzen … meinetwegen. Aber genau das ist gut und zäh an alten Knochen: Die kannst du krumm, aber einfach nicht dumm kriegen.»

Reto beugte sich vor, mit prüfenden Blicken nach links und rechts, eine seiner beliebten, mässig gut gespielten Kinoparodien: «Ganz unter uns: Über ein Tabu des Alters können wir allerdings reden, worüber wirklich keine Sau spricht. Nicht weil man sich dessen schämen würde, nein, weil es kaum jemand wahrnimmt.» Noch einmal flogen Blicke nach links und rechts, Reto senkte die Stimme fast bis zum Flüstern: «Achtung: Ich spreche von der Tücke des Objekts.»

Ich lehnte mich zurück, rang mit empörter Miene nach Beherrschung, nun meinerseits ein Amateurschauspieler (John Goodman als Vietnamveteran Walter beim Bowling in «The Big Lebowski»): «Tücke des Objekts, echt? Das ist einfach nicht zu fassen!» – «Du weisst ja noch gar nicht, was ich meine?» – «Egal», antwortete ich, «das schlägt dem Fass nun wirklich den Boden aus!»

Habe ich Retos – nun plötzlich langfädige – Ausführungen richtig verstanden, erwartet uns, nach seiner Wahrnehmung, ab siebzig die folgende Banalitäts-Hölle: Lange merkt man nichts davon – wie das Haar dünn wird, buschig die Brauen. Man sieht den spriessenden Faden nicht, mitten aus der Stirn; der Geisterfaden hat da weder eine Aufgabe noch einen Sinn. Wächst bloss zum Zeichen, dass im inneren System gewisse Steuerbefehle aus dem Ruder laufen.

Die Gemeinheit der Alltagsdinge

Früher stiess man sich nicht so häufig den Schädel, wenn wir dem Auto entstiegen. Das Portemonnaie platzte auch nicht jedes Mal auf am Boden, zog man es aus der Tasche. Kein Schlüsselbart verhakte sich im Winkel der Hose und riss irreparabel einen Dreiangel auf… Kurz: Ab siebzig wird jede Alltagsgeste zur Kränkung, artet alles aus in einen clownesken Krampf. Eine allgemein mit den Jahren sich einstellende Gemeinheit nimmt Ü70 rasant zu, die Tücke des Objekts.

«Die Gegenstände z’leidwerchen uns», sagte Reto, «als widere selbst sie es an, sie, die ohne Seele sind, dass man trottelig mit ihnen hantiert. Betrete ich dann das Zimmer, worin ich unruhig genächtigt habe, schnuppere ich rum im eigentlich doch ureigenen Zimmer, wird mir jetzt doch etwas bang: Genauso ‹alt› roch damals das Zimmer meines Opas auch».

«Gesundheit!» Zwinkernd hob Reto sein Glas: «Siebzig ist nichts für Feiglinge – Hemingway. Und das, verflucht noch mal, ist wahr.» – «Nicht Hemingway», warf ich ein, Relotius-angezählt wie zurzeit alle «Medienschaffende». – «Blacky Fuchsberger», rief Reto und, da ich weiter zögerte: «Mae West!» «Nicht unwahrscheinlich. Vermutlich stammt das Zitat trotzdem von einem deutschen Familienforscher.»

«Willst du aufs Alter noch Fakten buckeln», fragte Reto, «langweilig werden durch Besserwisserei?» – «Auch Schreiben ist nichts für Feiglinge», brummte ich. «Warte, bis du siebzig wirst», sagte Reto, «nur noch dreimal schlafen. Siebzig ist perfekt. Du fühlst dich wie am Mittelpunkt der Welt. Ankommen im Zentrum des Lebens, in deinem über weite Teile fremdbestimmten, in wesentlichen Teilen aber doch unverwechselbar ureigenen Werk.»

Und so brachen wir munter auf, Reto (74) und ich (in sieben Monaten pensioniert). Seine Bomberjacke mit dem Logo der 101. US-Luftlande-Division am Rücken, einen schreienden Adler, warf sich Reto um die Schulter, im gleichen Schwung, mit dem er aufgestanden war. Ich trabte zur Garderobe und zog meinen mausgrauen Reporter-Burberry vom Bügel. Schlüpfte rein, umso spastischer, je näher ich der Tür kam, die Reto mir offenhielt.

Draussen blinkte schon sein Jeep Renegade, als sich Reto fluchend über die Frontscheibe beugte. Den Busszettel in der Hand, spähte er umher, giftiger Adler nun auch er. Am Rand des Platzes stellte er gerade noch den bleichen Kerl, der ihm das Ticket verpasst hatte. Als der Reto auf sich zugaloppieren sah, schob er eilig seinen tragbaren Printscanner hinter die Hüfte. Ohne Vorgeplänkel hackte Reto auf ihn ein. Nach wenigen Minuten nahm der Wachmann den Wisch zurück. Reto gratulierte ihm zum «Mut der Tüchtigen» und klopfte ihm auf die Schulter wie einem Dienstkamerad. Der Wachmann schien noch eine Spur kleiner zu werden, gleichzeitig aber auch einen Kopf zu wachsen, über sich hinaus.

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