Quinoa ist das Getreide der Stunde. Das nährstoffreiche Korn aus Südamerika hat im Nu die Regale von Naturkostläden erobert, von San Francisco bis Zürich gibt es kaum ein veganes Restaurant, wo nicht irgendein Quinoa-Gericht auf dem Speiseplan steht: vom Quinoa-Burger bis zur Miso-Suppe. Die senfkorngrossen Kügelchen mit der leicht nussigen Note sind reich an Proteinen, Ballaststoffen, Vitaminen, fettarm und glutenfrei.

Von den spanischen Eroberern noch als Arme-Leute-Gericht verschmäht, ist das «Inkakorn» inzwischen eine Trendzutat, die vor allem in der Bio-Szene und bei Hipstern beliebt ist. Die steigende Nachfrage nach Quinoa hat die Preise auf dem Weltmarkt in die Höhe getrieben, zeitweise kostete ein Kilogramm sieben US-Dollar, fast das Zwanzigfache von Reis. Davon profitieren die Bauern in Peru und Bolivien, den Hauptanbaugebieten von Quinoa. Andererseits führte der Boom auch dazu, dass die Lokalbevölkerung unter der Verteuerung des Grundnahrungsmittels leidet.

Einfach kultivierbare Pflanze

Die extrem robuste Pflanze gilt als Wunderwaffe im Kampf gegen Hunger. Aufgrund seiner hohen genetischen Diversität ist Quinoa extrem anpassungsfähig und kann wegen seines geringen Wasserbedarfs auch in Dürregebieten kultiviert werden. Der damalige UN-Generalsekretär Ban Ki Moon rief 2013 das Quinoa-Jahr aus. Doch dann fielen die Preise und wuchsen die Zweifel, ob das zum «Superfood» stilisierte Korn auch wirklich so ökologisch und nachhaltig ist, wie Ernährungswissenschafter weismachen wollten.

Daniel Bertero ist Professor für Agrarwissenschaft an der Universität Buenos Aires und einer der renommiertesten Quinoa-Forscher. Im Rahmen seiner Feldforschung in Lateinamerika hat der Biologe die Pflanze intensiv studiert. Im Gespräch sagt er: «Quinoa wurde traditionell an den Berghängen im Süden Boliviens, nahe der Salar de Uyuni, der grössten Salzpfanne der Welt, angebaut. Mit der steigenden Nachfrage kultivierten Bauern Quinoa auch im Flachland, der Pampa, wie man bei der indigenen Landbevölkerung sagt. Das hatte zur Folge, dass die lokale Vegetation wie Sträucher entfernt wurde und das Risiko für Bodenerosion stieg.»

Um die ökologischen Herausforderungen, die mit der Kultivierung von Quinoa einhergehen, zu verstehen, muss man sich die Entwicklung der Erträge vor Augen führen. Nach Angaben der Welternährungsorganisation (FAO) der Vereinten Nationen beliefen sich die regionalen Exporte 1992 auf 600 Tonnen. Der damit erzielte Umsatz betrug 700 000 Dollar. Doch dann entdeckten die Veganer das Korn und die Exporte stiegen exponentiell auf 37 000 Tonnen im Jahr 2012. Der Umsatz schoss auf 111 Millionen US-Dollar. Quinoa wurde zum lukrativen Anbauprodukt. So eine Entwicklung hat es seit Entdeckung der Kartoffel nicht mehr gegeben.

Ökosystem ist gefährdet

Um die Nachfrage nach Quinoa zu decken, werden riesige Anbauflächen benötigt. Vor allem im Süden Boliviens setzen Bauern durch den Anreiz steigender Weltmarktpreise auf Quinoa und stellen die Produktion ausschliesslich auf den «Inkaweizen» um. Diese Monokultur ist eine Gefahr für das Ökosystem. Das Problem liege vor allem darin, dass das Getreide die Böden auslauge, sagt Agrarwissenschafter Daniel Bertero. «Quinoa ist eine Pflanze, die viel Stickstoff aus dem Boden zieht, aber, da es sich um kein Gemüse handelt, keinen bereithält.» Stickstoff ist ein mineralisches Düngemittel.

Hinzu tritt ein zweites Problem: Durch die Monokultur werden Lamas verdrängt, die auf den Grasflächen weiden und eine wichtige Rolle bei der Nährstoffrückgewinnung spielen. «Lama-Gülle wurde traditionell als Dung verwendet», erklärt Bertero. Weil es weniger Weidefläche gibt, ist der Preis für Lama-Dünger in den letzten Jahren in Südbolivien explodiert. Aufgrund fehlender Sträucher und starker Winde nehmen die Erdverwehungen zu, sodass noch mehr Mineralien verschwinden.

«Wenn die Preise steigen, besteht immer das Risiko, dass Quinoa-Farmer die Rotation verringern, immer mehr anbauen und die Bodenfruchtbarkeit zerstören», sagt auch Alexander Kasterine, Abteilungsleiter bei der Internationalen Handelskommission ICT in Genf.

Agrarwissenschafter Bertero verweist noch auf einen anderen negativen Effekt der Quinoa-Kultivierung: Pflanzenpest. «In Regionen wie Südbolivien bedeutet mehr Quinoa mehr Futter für Schädlinge. Es entsteht ein Teufelskreislauf.» Die Monokulturen seien ein Faktor für die Ausbreitung der Pflanzenpest. «Wenn man Hunderte Hektaren kultiviert, funktionieren Schutzmechanismen wie Lichtfallen oder Kontrollen nicht mehr», konstatiert Bertero.

Einige spezifische Quinoa-Parasiten (Kcona Kcona) würden die Knospen befallen und Ernteausfälle verursachen. So super ist das Superfood also nicht. Auch wenn Quinoa gesund und nährstoffreich ist, stellt die Monokultivierung des Korns eine Bedrohung für das Ökosystem dar und bedroht langfristig auch die Einnahmequellen der Bauern.