Leben

Die Mirage-Spionage: Vor 50 Jahren kam es zum Eklat beim Schweizer Rüstungskonzern Sulzer

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Der Sulzer-Mitarbeiter Alfred Frauenknecht hat in den 6oer-Jahren Firmengeheimnisse an Israel verraten. Er sah sich selbst als Retter Israels, wurde wahrscheinlich aber selbst zum Opfer einer Geheimdienstintrige.

Das Jahr 1969 geht zu Ende, ein wohliges Spionage-Gruseln befällt das Land. Bundesanwalt Hans Walder spricht vom grössten Spionagefall, den die Schweiz je erlebt hat. Während der aufgeflogene Spion in Basel in Untersuchungshaft seines Schicksals harrt, feiert in den Kinos «Im Geheimdienst ihrer Majestät» Premiere, das auf dem Piz Gloria gedrehte Schweizer James-Bond-Abenteuer mit Verlegenheits-007 George Lazenby.

Alfred Frauenknecht ist das genaue Gegenteil des Filmagenten. In späteren Porträts und Interviews wird der bei seiner Verhaftung 43-jährige Thurgauer durchgehend als Inbegriff des biederen Angestellten beschrieben. Einer von denen, die es dank Fleiss und Zuverlässigkeit vom Maschinentechniker zum Prokuristen des Vorzeigebetriebs Sulzer AG bringen. Niemand traut dem Eigenheimbesitzer und lebenslang treuen Ehemann seiner Jugendliebe Elisabeth irgendeine Unregelmässigkeit zu.

Ehrgefühl und Gewissenhaftigkeit sind es, die Frauenknecht auch als Spion auszeichnen. Bis zu seinem Tod wird er überzeugt davon bleiben, eigenhändig das Überleben des Staates Israel gesichert zu haben, ohne dabei sein Vaterland zu verraten. Die Spionageaktion selbst, die mehr die Züge eines Speditionsgrossauftrags als von gerissener Agentenfertigkeit trägt, hat er laut eigener Aussage

Aufgeflogen ist er wegen der Stümperei von anderen. Dramatisch beschreibt der spätere «Blick»-Chefredaktor Karl Lüönd, wie Frauenknecht Stunden vor seiner Verhaftung am 23. September 1969 telefonisch mit dem Codewort «Die Blumen sind verwelkt» gewarnt wird. Statt zu türmen, stellt sich der Sulzer-Kadermann den Konsequenzen seines Tuns.

Eine Betriebsbesichtigung für Gäste aus Israel

Dabei ist es die eigene Firma, die Frauenknecht mitten in den Strudel der Zeitgeschichte treibt. Im Sechstagekrieg vom Juni 1967 überrascht Israel in einer brillanten Militäraktion die gesamte ägyptische Luftwaffe am Boden. Doch der perfekt geplante Präventivschlag und der darauffolgende triumphale «Blitzkrieg in der Wüste» zehren an der materiellen Substanz der Israeli Airforce (IAF). Die Mirage III C bildet den Grundstein der wegen seiner Flugzeugtypenwahl spöttisch als «Air France» titulierten Streitmacht. Trotz aller Erfolge in der Luft hat sich der französische Jäger als technisch überkomplizierter Treibstofffresser erwiesen.

Eine Mirage III S: Pläne  für die Triebwerke des Abfangjägers hat Frauenknecht geschmuggelt.

Eine Mirage III S: Pläne für die Triebwerke des Abfangjägers hat Frauenknecht geschmuggelt.

Von den ursprünglich beschafften Maschinen sind um 1970 nur noch 45 einsatzbereit. Seit seiner Einführung 1962 hat Israel 31 Mirage verloren, mehrere davon durch Triebwerkschäden. In dieser Lage richtet die IAF ihre Hoffnungen auf den bereits in Frankreich für 50 Millionen Dollar bestellten Nachfolgetyp Mirage 5J mit seinem effizienteren Atar-9c-Strahltriebwerk.

Das Problem dabei ist: Besorgt über sein Verhältnis zu den arabischen Staaten, verbietet Staatspräsident Charles de Gaulle am 3. Mai 1967 weitere Waffenverkäufe an Israel. Die bereits bezahlten Mirage 5J bleiben in Frankreich, widerwillig muss die französische Luftwaffe die teuren Maschinen übernehmen. Als Ersatz könnte Israel den Flugzeugrumpf zwar selbst herstellen, das ist technisch verhältnismässig einfach. Mit dem Triebwerk des Herstellers Snecma verhält es sich anders: Wie der Schweizer Bundesrat schreibt, besteht es aus «20000 mit höchster Präzision fabrizierten Teilen» und lässt sich nur anhand detaillierter Bauanleitungen produzieren.

In dieser Lage befiehlt der israelische Geheimdienst Mossad seinen Agenten, auszuschwärmen, um die Triebwerkspläne des Atar-9c für einen Nachbau im eigenen Land zu beschaffen. Das schlagkräftige Resultat davon wird die in Israel gebaute Mirage 5 «Nesher» (Geier) sein, von der ab Oktober 1971 mindestens 50 Maschinen in Dienst gestellt werden. So geht zumindest die bisher gängige Geschichte.

Doch wer besitzt überhaupt die zum Nachbau notwendigen Triebwerkspläne? Einer der wenigen Lizenzhersteller ausserhalb Frankreichs ist die traditionsreiche Sulzer AG in Winterthur, die schon seit Jahren den Atar-9c für die Schweizer Mirage III S liefert. Eine offizielle Anfrage auf technische Mithilfe lehnt der Firmenchef zwar ab, lässt aber mit dem Segen des Militärdepartements Alfred Frauenknecht eine Werksbesichtigung arrangieren, als die Israeli insistieren und wegen der «Besprechung von Triebwerksfragen» in Winterthur vorstellig werden.

Wie viele Schweizer seiner Generation bewundert Frauenknecht den von den arabischen Todfeinden umzingelten, 1948 im Kampf geborenen Judenstaat, der sich immer wieder nur dank seiner aufopferungsbereiten Milizarmee behaupten kann. Ein Besuch im ehemaligen Konzentrationslager Dachau erschüttert und bestärkt ihn zusätzlich in der Ansicht, dass ein Unglück wie die Schoah nie wieder geschehen darf.

Als es nach der Werksbesichtigung am 3. Mai 1968 im Zürcher Hotel-Restaurant Ambassador zum privaten Treffen mit den Israeli kommt, redet Militärattaché Oberst Nechemia Kain auf Frauenknecht ein und drängt ihn zur inoffiziellen Weitergabe der Pläne. Der Schweizer Ingenieur braucht Bedenkzeit und gibt nach zehn Tagen nach. «Auf Knien» hätten die Israeli ihn angefleht, ihnen zu helfen, derart verzweifelt seien sie gewesen, erzählt Frauenknecht Jahre später in einem Interview.

Zusammen mit seinem Cousin schmuggelte Alfred Frauenknecht die Baupläne für die Mirage aus der Schweiz.

Zusammen mit seinem Cousin schmuggelte Alfred Frauenknecht die Baupläne für die Mirage aus der Schweiz.

Als Rückversicherung handelt sich Frauenknecht eine Entschädigung von 200000 Dollar aus. Eine bescheidene Gage dafür, dass er «ein Auschwitz in der Wüste» verhindern kann.

Karl Lüönd beschreibt in seinem 1977 erschienenen Ringier-Buch «Spionage und Landesverrat in der Schweiz», wie es Alfred Frauenknecht schafft, die bis zu drei Tonnen schweren geheimen Konstruktionszeichnungen, Baupläne und Dokumente beiseite zu schaffen. In diese Zeit fällt bei Sulzer die Umstellung des Dokumentenarchivs von Papier auf Mikrofilm. Als verantwortlicher Abteilungsleiter wird ausgerechnet Frauenknecht damit beauftragt, die Papieroriginale nach erfolgtem Abfotografieren in der Kehrichtverbrennungsanlage Winterthur zu entsorgen.

Das macht er nicht. Stattdessen tauscht er die zur Verbrennung bestimmten Pakete in einer eigens angemieteten Garage mit anderen Konstruktionsplänen aus, die er sich für teures Geld bei Antiquariaten in der ganzen Schweiz zusammenkauft; nur für den Fall, dass ein Packen vor der Verbrennung aufreissen und jemand blöde Fragen wegen des Inhalts stellen sollte.

Die Originale fährt sein Cousin Josef, von Beruf Buschauffeur, im Fiat-Kastenwagen nach Rheinfelden. Dann übernimmt wieder Alfred und übergibt die Pläne in Kaiseraugst dem 32-jährigen Speditions- und Zollfachmann Hans Strecker. Den in Badisch-Rheinfelden wohnenden DDR-Flüchtling hat der Mossad als Mittelsmann angeheuert. Eine israelische Transportmaschine wartet jeweils auf einem Flugfeld bei Stuttgart auf die von Strecker in Kisten angelieferte Ware. Im Lauf eines Jahres werden so 20 Kisten mit Atar-Plänen und Geheimdokumenten über die Grenze bei Rheinfelden geschafft.

Misstrauische Firmenchefs rufen die Polizei

Als nur noch vier Kisten übrig sind, fliegt die Sache auf. Statt an einem verborgenen Ort belädt Hans Strecker seinen schwarzen Mercedes mitten auf dem Firmengelände seines Arbeitgebers, des Fliessbandherstellers Rotzinger AG in Kaiseraugst. Die beiden Firmeninhaber Karl und Hans Rotzinger beobachten den an einem frühen Samstagmorgen plötzlich so übereifrigen Angestellten. Misstrauisch geworden, öffnen sie die in der Firmengarage der Abwartswohnung deponierten Kisten und entdecken darin Pläne mit dem Stempel «Militärische Geheimsache».

Drei Wochen später wird das rote Büchlein «Zivilverteidigung» an alle Schweizer Haushalte verteilt werden, das zu verstärkter Wachsamkeit gegenüber ausländischen Agenten aufruft. So mustergültig, wie es sich Autor und Nachrichtendienst-Oberst Albert Bachmann nicht besser wünschen kann, liefern die Rotzingers der aargauischen Kantonspolizei den entscheidenden Hinweis, der zur Verhaftung des «Topspions» Alfred Frauenknecht führt. Strecker dagegen kann sich rechtzeitig ins Ausland absetzen.

Vor dem Bundesstrafgericht in Lausanne hat Frauenknechts Anwalt einen schweren Stand, die Richter von den guten Absichten seines Mandanten zu überzeugen. Sie verurteilen Alfred Frauenknecht zu viereinhalb Jahren Zuchthaus, da sie in seinem Geheimnisverrat keine achtenswerten Beweggründe erkennen, sondern «militärischen Nachrichtendienst» und Wirtschaftsspionage. Ebenso wenig strafmildernd fällt ins Gewicht, dass der Schweiz keinerlei militärischer Schaden entstanden ist.

Alfred Frauenknecht (links) als Angeklagter vor  dem Bundesgericht in Lausanne.

Alfred Frauenknecht (links) als Angeklagter vor dem Bundesgericht in Lausanne.

Von den 847846 Franken, die der Mossad direkt auf sein Konto bei der Bank Leu überwiesen hat, werden 682000 Franken beschlagnahmt. Zusätzlich werden Frauenknecht 7500 Franken Gerichtskosten aufgebrummt.

, zitiert die NZZ im Juni 1971 aus der schriftlichen Urteilsbegründung. Cousin Josef wird ohne Entschädigung für die 578 Tage Untersuchungshaft freigesprochen; das Verschulden des Fahrers ist zu gering.

Seine Haftzeit sitzt Alfred Frauenknecht als Musterhäftling und Gefängnisbibliothekar in der Zürcher Anstalt Regensdorf ab. Nach seiner Entlassung im September 1972 wird es mit den Jahren still um ihn, nur noch selten erscheinen in Zeitungen und Illustrierten Berichte, die an Frauenknechts Spionagefall erinnern. Sowieso sorgt ab 1976 der Skandal des angeblichen Moskau-Spions und Brigadiers Jean-Louis Jeanmaire für neue Schlagzeilen aus der verruchten Geheimdienstwelt.

In den letzten Jahren vor seinem Tod 1991 soll Frauenknecht als selbstständiger Erfinder, von seinen Nachbarn wohlgelitten, über die Runden gekommen sein. In seiner Todesanzeige bedankt sich Gattin Elisabeth dafür, dass sie ein Leben lang mit ihm «Freud und Leid» teilen durfte, und seine «positive Lebenshaltung» hoffentlich in ihr weiterleben werde.

Der Verrat war von Israel so geplant

Was bleibt unter dem Strich von Alfred Frauenknechts Geheimnisverrat? Ist es am gewissenhaften Sulzer-Ingenieur gelegen, dass der Staat Israel im Yom-Kippur-Krieg von 1973 knapp der Vernichtung entgeht; auch dank des nachweislich erfolgreichen Einsatzes seiner neuen Nesher-Mirages? Daran müssen heute allergrösste Zweifel bestehen.

Der polnische Militärhistoriker Janusz Piekalkiewicz zeigt schon Anfang der 1990er-Jahre am Fall Frauenknecht auf, wie verwinkelt die Schachzüge der Geheimdienste in Tat und Wahrheit sind. Laut seiner «Weltgeschichte der Spionage» liegen die Triebwerkspläne schon lange vor Frauenknecht in Israels Tresoren; vermutlich direkt vom französischen Hersteller Snecma geliefert, der keine Lust hat, wegen eines altersstarren Staatspräsidenten einen seiner besten Auslandkunden zu vergraulen.

Teil des Mossad-Plans muss also von Anfang an sein, dass Frauenknecht auffliegt, sobald er die Konstruktionspläne abgeliefert hat. Wie sonst liessen sich die stümperhaften Geheimdienstfehler in seinem Fall erklären, argumentiert Buchautor Piekalkiewicz.

Wieso wurde das Bestechungsgeld direkt auf Frauenknechts Konto einbezahlt, was, John-le-Carré-Leser wissen es, eine der geheimdienstlichen Todsünden ist? Wieso wurde bei einer derart vitalen Operation der obskure DDR-Flüchtling Strecker involviert, obschon er offensichtlich kein besonders grosses Licht gewesen sein kann? Und überhaupt: Wieso wurde der risikoreiche Grenzschmuggel bei Rheinfelden in Kauf genommen, wenn der Flughafen Zürich-Kloten vor Frauenknechts Haustür lag und die Pläne viel direkter und einfacher mittels Diplomatengepäck nach Israel hätten ausgeflogen werden können?

Bereits skeptische Zeitzeugen finden das alles ziemlich seltsam, nur kommen sie zum falschen Schluss: Die Mossad-Auftraggeber würden sich derart sorglos geben, weil sie von der dilettantischen Schweizer Spionageabwehr nichts zu befürchten hätten, lautet eine damals gängige These.

Ob Alfred Frauenknecht je erfahren hat, dass er doppelt verraten wurde und bloss Spielball einer Geheimdienst-Intrige war? Wir wissen es nicht. Eine allerletzte bittere Pointe seines Falls muss er hingegen realisiert haben: 1979 verkauft Israel seine drei Jahre zuvor als überflüssig ausgemusterten Nesher-Mirages an die international geächtete Militärdiktatur in Argentinien.

Sie setzt die Jagdbomber mit beachtlichem Erfolg 1981 im Falkland-Krieg gegen die britische Marine ein. Vielleicht mag sich Frauenknecht angesichts der TV-Bilder der von Nesher-Mirages in Brand geschossenen Fregatte HMS Ardent gefragt haben, wieso ausgerechnet er eine Betriebsbesichtigung für Gäste aus Israel organisieren musste. Vor 50 Jahren wurde der «Mirage-Spion» Alfred Frauenknecht verhaftet. Er selbst sah sich als Retter Israels. Wahrscheinlicher ist, dass er zum Narren gehalten wurde.

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