Interview

«Die Gerichte verstehen zu wenig von Psychotraumatologie, das ist ein riesiges Problem»

Jan Gysi therapiert traumatisierte Opfer von sexueller Gewalt.

Jan Gysi therapiert traumatisierte Opfer von sexueller Gewalt.

Kennt die Justiz die Schockstarre bei Vergewaltigungen? Ein Traumatologe sieht Ausbildungsmängel.

Von sechs angefragten Staatsanwaltschaften und Obergerichten in der Deutschschweiz wollte zum Phänomen der Schockstarre niemand Auskunft erteilen. Den Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Bern, Jan Gysi, überrascht das nicht. Er hat sich auf Traumatherapie spezialisiert und kennt das Phänomen, dass sich Opfer während der Tat manchmal wie von aussen beobachten. Dies sei nicht nur in der Rechtssprechung zu wenig bekannt.

Die Staatsanwaltschaften in den Kantonen Aargau und Zürich sagten immerhin, die Schockstarre, auch «dissoziativer Stupor» oder «Freeze» genannt, sei bekannt.

Jan Gysi: Bekannt ist dies schon, aber sie wissen bei einer Einvernahme nicht, wie nachfragen.

Wie meinen Sie das?

Polizisten oder Richter müssten fragen: Wann begann das Erstarren während einer Vergewaltigung, woran haben Sie das bemerkt, was nahmen Sie danach als erstes wieder wahr?

Wenn die Justiz das Phänomen kennt, wie kann es dann sein, dass eine Staatsanwältin eine Frau fragt, warum sie nicht geflüchtet sei, als der Mann nach Gleitgel griff?

Die Gerichte verstehen zu wenig von Psychotraumatologie, das ist ein riesiges Problem.

Warum werden Richter und Polizisten darin nicht ausgebildet?

Der Schwerpunkt bei der Ausbildung von Polizisten liegt zu einseitig in der Aussagepsychologie, also im Entdecken von Lügen: Zum Beispiel, ob jemand einen Vorfall stringent erzählt. Doch ein Trauma führt oft zu einer sogenannten Zeitgitterstörung. Ein Opfer braucht dann mehrere Nächte mit REM-Schlaf, bis das chronologische Erzählen wieder möglich ist. Eine nicht-kohärente Erzählung kann also auf eine Lüge hindeuten – oder auch auf ein schweres Trauma.

Psychologen müssten es erkennen.

Ja, aber nicht einmal in der Psychotherapie ist die peritraumatische Dissoziation gut bekannt. Was zur Folge hat, dass sie in den Berichten an das Gericht schlecht beschrieben wird.

Das Problem liegt also nicht nur bei den Richtern.

Nein. Und auch Hausärzte und Gynäkologen oder Sozialarbeiter müssten das Phänomen besser kennen. Denn es ist wichtig, Traumatisierte früh und richtig zu behandeln, damit später keine Krankheiten entstehen. Das muss die Gesellschaft interessieren, denn es erhöht die Gesundheitskosten.

Per Gesetz muss der Täter einen Widerstand überwunden haben, um strafbar zu sein, es genügt kein «Nein».

Dabei können die Opfer oft nicht schreien, weil im Schockzustand die Atmung abflacht.

Dann könnte man vielleicht nicht mal «Nein» sagen?

Genau. Für mich kommt daher nur die schwedische Gesetzesregelung in Frage: «Ja, heisst ja». Vor dem Sex muss sich der Mann rückversichern. Unser heutiges Strafrecht übergibt die volle Verantwortung der Frau, sie muss sich wehren.

Viele Männer fürchten, dass es nach einer Gesetzesänderung zu mehr Falsch-Anzeigen käme.

Man geht heute davon aus, dass maximal 10 Prozent aller Anzeigen bei sexuellen Verbrechen Falschanschuldigungen sind. Das ist immer noch viel. Doch eine andere Zahl sollte uns mehr zu denken geben: Nur 1 bis 3 Prozent aller Sexualstraftäter werden verurteilt.

Könnte ein strengeres Gesetz etwas ändern daran?

Vielleicht. Erwiesen ist, dass sich Täter nicht von einem höheren Strafmass abschrecken lassen, sondern vom Risiko, überführt zu werden. Heute muss ein Opfer viele Hürden überwinden, weil vom Umfeld oder bei der Einvernahme unsensible oder vorverurteilende Fragen gestellt werden. Und manche Frauen reden aus Scham gar nie darüber.

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