Das Kreuz erscheint wie in den Nachthimmel gezeichnet jedes Jahr am 1. August. Jedenfalls wenn nicht gerade ein Gewitter niedergeht – oder wegen Trockenheit die Feuergefahr zu hoch ist. Wie in den letzten beiden Jahren. Da blieben Bauer Franz Scheuber und seine Helfer unten im Tal. Und am Hang über Engelberg blieb es dunkel.

Das 1.-August-Kreuz über Engelberg gibt es schon über hundert Jahre und es ist wohl das speziellste Zeichen zur Feier des Nationalfeiertages. Laute und bunte Feuerwerke gibt es überall in der Schweiz. Aber nur wo die Berge hoch genug sind und jemand den Aufwand nicht scheut, erscheinen abends die stillen Zeichen über den Köpfen der Feiernden: Höhenfeuer.

Wer enzündet die Funken eigentlich?

Es heisst, die Feuer sollen an die brennenden Burgen der Habsburger Herrschaft nach der Befreiung der Urschweiz erinnern. Sicher ist, dass mit Höhenfeuern schon immer gewarnt und kommuniziert wurde, besonders in den Bergen, wo das Überwinden von Distanzen oft mühsam ist.

Jedes Jahr erscheinen die hellen Punkte oben auf den Bergen – aber wer zündet sie an? Wer bringt das viele Holz nach oben? Und wie kommen die Leute danach wieder runter?

Erstaunlicherweise werden die Höhenfeuer in der Schweiz nur ausnahmsweise von den Gemeinden organisiert. Die Feuer erscheinen zwar Jahr für Jahr auf den Gipfeln, aber auf den Gemeindekanzleien weiss oft niemand, wer nun genau dafür verantwortlich ist. Die Höhenfeuer haben stille Erbauer. Drei von ihnen haben wir aufgestöbert.

Engelberg: Eine Familiensache

Franz Scheuber in Engelberg hat die Tradition des Feuer-Kreuzes von der Familie seiner Frau übernommen. Dieses Jahr werden die beiden mit samt der neugeborenen Zwillingen und sechs Helfern am 1. August um den Mittag zur Alp hochsteigen und die Büchsen, gefüllt mit Öl und Petrol aufstellen. „Es sind gewöhnliche 1-Kilogramm-Konserven, die wir mit Fackeln entzünden“, sagt Franz Scheuber.

Die Position, die ein Schweizerkreuz ergibt, hat vor langer Zeit der Engelberger Benediktinerpater Bonaventura Thürlemann berechnet: So, dass trotz der Hangneigung ein gleichmässiges Kreuz sichtbar wird, das sich über eine Höhe von 200 Metern erstreckt. Dessen Eckpunkte hat Franz Scheuber mit einem Holzpfahl markiert, so dass nicht jedes Jahr neu abgemessen werden muss. „Wenn es nicht zu regnen beginnt, brennt das Kreuz viereinhalb bis fünf Stunden lang“, sagt er. Für diesen 1. August ist er optimistisch, dass das „Zieblenkreuz“ wieder am Nachthimmel erscheint. Den Namen trägt das Kreuz vom Flurnamen „Ober Zieblen“, der den Hang unterhalb des Hahnen (2606 m ü M) beschreibt. Eine Seilbahn fährt hoch zur Alp und doch sind es noch eineinhalb Stunden Wegzeit den Berg hoch bis zum Kreuz.

Uri: Das Holz kommt mit dem Helikopter

Für die gewöhnlichen Höhenfeuer wird das Holz heute meistens mit dem Helikopter hochgeflogen. So auch am Schwarz Grat ob Schattdorf im Kanton Uri. Es sind alte Pfadifreunde, die das Feuer dort sei 25 Jahren entzünden. Ein Tag davor bringt der Helikopter 700 kg Holz, das ein Bauer zur Verfügung stellt, sowie Wasser und Zelte. Die 25 Feuerwachen gehen die drei Stunden von der Bergstation Haldi zu Fuss hoch. Peter Dittli, einer der Organisatoren, sagt: „Wir richten uns dort oben gemütlich ein und übernachten da auch.“ Manchmal kommt Besuch vom benachbarten Höhenfeuer auf dem Bälmeten und dann fachsimpeln die Feuerwachen darüber, wer den schöneren Stoss geschichtet hat. Im Unterschied zum „Zieblenkreuz“, für das Scheuber eine Entschädigung von der Gemeinde Engelberg erhält, kommen die Pfadifreunde am Schwarz Grat selbst für das Feuer auf.

Glarnerland: Wanderer tragen die Holzscheite den Berg hoch

Um keinen Heli bezahlen zu müssen, gibt es am Vorder Glärnisch (2328 m ü M) im Glarnerland die Tradition, dass Wanderer in den Wochen davor die Holzscheiter von der Schwammhöhe her auf rund 1000 Metern hochtragen. Ein Schild bittet die Passanten, eines oder zwei rauf zum Gipfel zu tragen. So wird das Feuer, welches Ehemalige des Turnvereins Glarus entzünden, mal grösser, mal kleiner.

Klöntal: Einen Tag früher

Reto Rufibachs Feuer brennt exakt auf der Gegenseite des Tals über dem Klötalersee – jedoch einen Tag früher. „Am 1. August ist ja sonst schon überall viel los“, sagt Rufibach, „deshalb machen wir unseres einen Tag davor.“ Das hat den Vorteil, dass der Heli gleichentags fliegen kann (am 1. August ist Flugverbot) und nicht ein Gewitter über Nacht das Holz nässen kann. Mit dem Heli bringt Rufibach auch grosses Feuerwerks-Geschütz hoch und eine riesige Fahne, welche seine Mutter genäht hat: 12 Meter beträgt die Kantenlänge. Diese beleuchten sie in der Nacht. Rufibach macht das seit 20 Jahren und auch er bezahlt die Kosten selbst.