Leben

Der Islam einte die Araber – ein Siegeszug begann

Islamwissenschaftler Michael Cook. (Quelle: zvg)

Islamwissenschaftler Michael Cook. (Quelle: zvg)

Der Engländer Michael Cook hat einen der renommiertesten Wissenschaftspreise erhalten. Nun steckt er in einem Zwiespalt.

Der Balzan-Preis, den Michael Cook letzte Woche am späten Freitagnachmittag in Bern im Nationalratssaal entgegennehmen konnte, gilt seiner Leistung für die Erforschung des frühen Islam. Aber Cook ist sich durchaus bewusst, dass manches aus dieser Zeit bis heute nachwirkt, und dass sich politische Fragen stellen, um deren Beantwortung ein Islamwissenschaftler wie er nicht herumkommt.

Cook drückt sich nicht, diese Fragen zu beantworten. Im Gespräch letzte Woche beschrieb er zuerst die Situation, aus der heraus sich der Islam ausbreiten konnte: Da sind die zwei grosse Reiche der Byzantiner und der Perser, die im frühen 7. Jahrhundert ruinöse Kriege gegeneinander führten. «Das ist ein guter Moment für einen Aussenseiter.» Dieser Aussenseiter muss neben kriegerischen Fähigkeiten eines mitbringen: innere Geschlossenheit. «Hundert Jahre früher hätten die Araber keine Chance gehabt», sagt Cook. «Aber der Islam hat sie zusammengebracht.»

Ein Siegeszug sondergleichen beginnt, in dem schon früh jene Elemente auftauchen, die nicht nur das Zusammenleben der Muslime bestimmen, sondern auch ihre wechselvollen Beziehungen nach aussen. «Eines dieser Elemente ist der Dschihad», sagt Cook. «Es wurde zum willkommenen Werkzeug für jene Bewegungen, welche die Konfrontation mit dem Westen und ganz generell mit den ‹Ungläubigen› suchen. In anderen Kulturen gibt es eine solche Doktrin nicht.»

Einen weiteren Unterschied erkennt er in der Art, wie religiöse Normen durchgesetzt werden. «Jede Religion will ja unser Leben formen. Aber während dies im Katholizismus Aufgabe der Priester ist – die Gläubigen dürfen Sünder bleiben – wird im Islam die ganze Gemeinschaft für zuständig erklärt.» Wer einen Verstoss erkennt, darf, ja muss eingreifen – ein Prinzip, das dem politischen Missbrauch und der Tyrannei einzelner Gruppen Tür und Tor öffnet.

Gelassenheit im Umgang mit dem Islam lohnt sich

Dennoch plädiert Michael Cook nicht für grösstmögliche Distanz zum Islam, denn wie jeder Historiker ist er Realist. Und die Realität sagt, dass der Westen sich mit den Muslimen auseinandersetzen muss.

Der Westen kann sehr streng verfahren wie Frankreich und etwa verbieten, die Burka zu tragen. Oder er kann den liberaleren Weg der USA gehen. «Mir liegt das näher», sagt Cook, der heute in Princeton forscht. «Und zwar nicht nur, weil das meiner Grundeinstellung besser entspricht. Sondern auch, weil es einen Zusammenhang gibt zwischen der Häufigkeit terroristischer Attacken und der Strenge, mit der ein Land Staat und Religion trennt.» Mehr Gelassenheit im Umgang mit muslimischen Minderheiten lohne sich, «aber westliche Staaten müssen Immigration auch so wirksam begrenzen, dass keine konflikthaften Situationen entstehen können».

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