«Freiwillig». Das betont der englische Königspalast. «Freiwillig» habe Prinz Philip seinen Führerschein nach seinem Unfall abgegeben. Vor drei Wochen krachte der 97-Jährige in ein Auto, als er seinen Range Rover aus einer Seitenstrasse steuerte. Sein Jeep überschlug sich, im anderen Unfallwagen brach das Handgelenk der Lenkerin, die Beifahrerin erlitt eine Schnittwunde. Der Duke von Edinburgh blieb unverletzt und drehte zwei Tage später den Zündschlüssel seines neuen Autos um. Ohne sich anzuschnallen, drückte er aufs Gaspedal und trat damit auf der Insel eine Debatte um die Fahrtüchtigkeit von Senioren los. Am Samstag gab dann der Königspalast bekannt: Der Prinz klemmt sich fortan nicht mehr hinters Steuer.

Nicht nur dem gekrönten Haupt fällt es schwer, sich vom Führerschein zu trennen. Anders als im Vereinigten Königreich müssen aber betagte Schweizerinnen und Schweizer regelmässig ihre Fahrtüchtigkeit medizinisch testen lassen. Seit diesem Jahr gelten gelockerte Vorgaben: Die Alterslimite wurde von 70 auf 75 Jahre erhöht.

Wie viele Senioren sich freiwillig von ihrem «Billett» trennen, erhebt der Bund nicht. Für viele ist dies ein schmerzhafter Schritt. Und einer, der Ängste auslöst. Wie besucht man nun den besten Freund im idyllischen, aber abgelegenen Pflegeheim? Wie schafft man die schweren Einkäufe nach Hause? So stolz wie man nach bestandener Fahrprüfung einst ins Auto stieg, so hart ist es, sich einzugestehen, dass diese Fertigkeit wieder verloren geht.

Die Sorgen der Angehörigen

Diese Sorgen kennt auch Peter Burri von Pro Senectute. Dort melden sich immer wieder Senioren, die sich fürchten, ohne Auto ihre Selbstständigkeit zu verlieren. Gleichzeitig verunsichere sie der Verkehr: «Einige fühlen sich beim Autofahren gestresst», sagt Burri. Verkratzen sie ihr Auto beim Parkieren oder werden sie während einer Fahrt mehrfach angehupt, seien sie unsicher, ob sie überhaupt noch fahren sollen, sagt Burri. Oft müssen sie sich vor Angehörigen rechtfertigen. «Stell dir vor, deine Enkel sind mit dir im Auto und es passiert etwas» sei ein Satz, den ältere Lenker oft hören – und der sie aufwühlt.

Einige machen, was im Alter schwerer fällt: Sie gewöhnen sich um. Lernen den öffentlichen Verkehr zu nutzen, Fahrdienste zu reservieren und die Hilfe von Bekannten anzunehmen, die noch Autofahren dürfen. Andere halten so lange am Steuerrad fest, bis es ihnen verboten wird. So wurde 2017 knapp 3400 Ü70-Jährigen der Führerausweis entzogen. Wie sich diese fühlen, weiss Kristina Keller. Sie leitet die Abteilung Verkehrsmedizin an der Universität Zürich und steigt regelmässig in Privatautos von älteren Menschen, an deren Fahreignung die Ärzte zweifeln. Gemeinsam mit einem Experten des Strassenverkehrsamtes überprüft Keller, ob das zutrifft. Die meisten Senioren kämen mit einer positiven Einstellung zur Kontrollfahrt, sagt Keller. «Sie erklären sich die Resultate der medizinischen Tests mit ihrer Aufregung und verweisen auf ihre jahrzehntelange Fahrpraxis ohne Unfälle. Deshalb sehen sie unsere Abklärung oft als Chance.»

Bei der Kontrollfahrt beobacht Verkehrsmedizinerin Keller, wie der Lenker mit den bei ihm festgestellten Gebrechen umgeht. Verlangsamt er rechtzeitig? Nutzt er die Spiegel, da er seinen Oberkörper und Kopf nur noch wenig drehen kann? Auf dem Beifahrersitz achtet ein Experte des Strassenverkehrs darauf, wie der Lenker sein Auto bewegt. Fährt er in der Spur? Beachtet er die Verkehrsregeln? Auch Keller hat schon heikle Situationen erlebt. Etwa, als ein Lenker bei Rot über die Ampel fuhr oder den Rechtsvortritt missachtete. «Dann muss der Experte die Handbremse ziehen», sagt sie.

Im vergangenen Jahr endete jede fünfte Kontrollfahrt, die Keller oder jemand aus ihrem Team begleitete, mit einer Enttäuschung. Die Reaktionen auf den Führerscheinentzug fallen unterschiedlich aus, sagt sie. «Bei einigen fliessen Tränen, andere rekurrieren mit allen juristischen Mitteln gegen den Entscheid. Und dann gibt es jene, die sagen: Ich habe es geahnt.» Ob jemand besteht oder nicht, sei nicht per se altersabhängig. Es gebe 70-Jährige, die durchfielen, aber über 90-Jährige, die sicher unterwegs seien, sagt die Verkehrsmedizinerin.

"Die Leute fühlen sich danach sicherer im Verkehr"

«Die Leute fühlen sich danach sicherer im Verkehr»: Astrid Meier, Fahrlehrerin aus Oberrohrdorf, bietet Auffrischungsfahrten für Senioren an. (Video vom 5. Oktober 2018)

Wer heute aus Altersgründen seinen Führerausweis abgeben muss, gehört zu jener Generation, für die das Auto mehr als ein Fortbewegungsmittel ist. Sie haben samstags noch ihren Opel poliert und sind mit den Kindern auf der Rückbank tags darauf über Passstrassen gekurvt. Bis Ende der 60er-Jahre spiegelte sich im glänzenden Blech der Karosserie auch der persönliche Erfolg seiner Besitzer. «Der eigene Wagen war Ausdruck von Wohlstand, Freiheit und Mobilität. Das ist tief verankert in der Generation der über 70-Jährigen», sagt Verkehrsmediziner Rolf Seeger. Er geht davon aus, dass sich die Debatten um das Fahren im Alter künftig alleine deswegen entschärfen, weil Generationen folgen, die im Auto nicht mehr dasselbe Statussymbol sehen. Allen anderen rät er, sich noch bei guter Gesundheit mit dem öffentlichen Verkehr anzufreunden. Denn: Wer bereits an den Bus oder den Zug gewöhnt ist, erlebt die Abgabe des Führerscheins als weniger einschneidend.

Experten drücken ein Auge zu

Seeger schult Hausärzte, wie die obligatorischen Fahreignungstests für Senioren durchzuführen sind. Diese Tests haben sich bewährt, sagt er. «Die Kontrolle führt dazu, dass die älteren Lenker alle zwei Jahre mit ihrer Fahreignung konfrontiert werden. Das löst einiges aus – und nicht wenige geben deshalb den Ausweis freiwillig ab.» Fehlende Einsicht würden vor allem Patienten zeigen, deren Krankheiten ihre Hirnleistungen einschränkten. Etwa jene, die an einer beginnenden Demenz oder an den Folgen eines Hirnschlags leiden. «Sie neigen dazu, ihre Fähigkeiten falsch einzuschätzen, und können ihre Defizite krankheitsbedingt gar nicht wahrnehmen. Das kann im Strassenverkehr gefährlich werden», sagt Seeger.

Dass mit der Fahrtüchtigkeit der alten Menschen mitunter Politik gemacht wird, hält er für problematisch. «Wir Verkehrsmediziner sind nicht erpicht darauf, Senioren den Ausweis wegzunehmen. Im Gegenteil, wir kommen ihnen in den Beurteilungen weit entgegen.» Wer etwa nicht mehr in der Stadt fährt, muss dies auch bei der Kontrollfahrt nicht. Dasselbe gilt für die Autobahn. Es gelten nicht dieselben Massstäbe wie für Neulenker, sagt Seeger. «Würden wir diese Massstäbe bei einer Kontrollfahrt anwenden, dürfte wohl nur einer von 100 Senioren weiterhin fahren.»

Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem der Motor zum letzten Mal aufheult. Wer zwar langsamer, aber noch selbst fahren will, kann sich ein Elektromobil anschaffen. Fährt es nicht schneller als 20 Kilometer pro Stunde, braucht es keinen Führerschein. Diese Seniorenmobile werden als Alternativen zum Auto immer beliebter, bestätigen Anbieter auf Anfrage. Auch Prinz Philip dürfte damit weiterhin durch die königlichen Ländereien düsen.