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Das Baskenland – die Schweiz des Südens

Sie sehen richtig: Das Baskenland sieht der ländlichen Schweiz zum Verwechseln ähnlich – wäre da nicht das tiefblaue Meer. Bild: Getty Images

Sie sehen richtig: Das Baskenland sieht der ländlichen Schweiz zum Verwechseln ähnlich – wäre da nicht das tiefblaue Meer. Bild: Getty Images

Sie kämpften einst gewaltsam für ihre Autonomie. Heute sind die Basken stolz auf ihre Kultur – und auf die teuerste Spinne der Welt.

Sattgrün leuchtet die Dekadenz aus dem Tal zum Aussichtspunkt Balcón de la Rioja herauf. Weinreben, so weit das Auge reicht, unterbrochen hie und da von luxuriösen Bodegas aus den Kreativwerkstätten von Stararchitekten wie Santiago Calatrava, in denen die teuren Weine der Region La Rioja lagern.

Ein ganzer Landstreifen, einzig dem edlen Genuss verschrieben. Und an seinem nördlichen Rand, weit oben in den baskischen Hügeln, der Balcón, auf dessen Parkplatz patriotische Sprayer ihre Message zum Ausdruck gebracht haben: «You are in Euskal Herria. This is not Spain!» (Ihr seid im Baskenland. Das ist nicht Spanien!), rufen die fetten Lettern auf der Mauer.

Der Kontrast könnte kaum grösser sein. Da unten im spanischen Flachland die teuren Trauben, hier oben, just hinter der unsichtbaren Grenze zum autonomen Baskenland, die bröckelnde Sprayerfassade. Doch der Eindruck täuscht. Den rund zwei Millionen Basken, die in der nordöstlichsten Ecke Spaniens seit jeher für mehr Unabhängigkeit kämpfen, geht es wirtschaftlich besser als dem spanischen Königreich.

Und auch sonst sind die Unterschiede zwischen dem Mutterland und Euskal Herria frappant: Statt Spanisch spricht man hier Baskisch (Euskara), die einzige Sprache Europas, die mit keiner anderen verwandt ist. Die Basken haben sie einst gegen die römischen Bekehrungsversuche verteidigt und ihre Sprache auch durch die Schreckensjahre der Franco-Diktatur (1937 bis 1975) gerettet. Zur Verteidigung gegen Francos nationalistische Schergen formierte sich 1959 die Euskadi Ta Askatasuna, kurz ETA, die das Land bis kurz vor ihrer Auflösung 2018 mit Terroranschlägen überzog und mehr als 800 Menschen tötete.

Erleuchtete Pilger und geologische Gerippe

Heute kämpfen die Basken mit weniger harten Bandagen. In der Hafenstadt Zumaia, wo die ETA einst mit Autobomben für mehr Autonomie warb, hängt heute bloss noch ein Plakat. «Wir wollen selber entscheiden, ob wir ein unabhängiger Staat sein dürfen», steht darauf. Durch die Gassen weht der Duft der Pintxos. Die baskischen Tapas werden aus jeder zweiten Haustür gereicht und an Stehtischchen mit Wein hinuntergespült.

Pintxos: Wie Tapas, nur besser, sagen die Basken. Bild: Alamy

Pintxos: Wie Tapas, nur besser, sagen die Basken. Bild: Alamy

Und zwischen den Stehtischen schlängeln sich immer wieder schwer beladene Menschen hindurch, an deren Wanderrucksäcken grosse weisse Muscheln hängen. Es sind Pilger auf dem Weg ins ferne Santiago de Compostela. Statt der klassischen Jakobweg-Route durch das spanische Herzland wählen knapp sechs Prozent aller Santiago-Pilger den Camino del Norte, den Küstenweg, der entlang des Golfs von Biskaya 850 Kilometer von der französischen Grenze ins katholische Pilgermekka führt.

Eine der schönsten Etappen fängt in Zumaia an und führt vorbei an steilen Klippen in die Ortschaft Deba. «Buen camino!», rufen sich die Wanderer gegenseitig zu, «Guten Weg!» Viele suchen Erleuchtung, wir aber sind wegen etwas ganz anderem hier: den Flysch. Die schroffen Felsbänder ragen wie dunkle Riesengerippe aus dem Meer. Bei Flut verschwinden sie, bei Ebbe offenbaren sie ihre morbide Schönheit. Unablässig klatscht das Meer gegen die jahrmillionenalten Kunstwerke und erzeugt den zischenden Sound über der wilden Landschaft.

Die Flysch: geologische Wunderwerke. Bild: Getty

Die Flysch: geologische Wunderwerke. Bild: Getty

Auch noch oben auf den grünen Weiden, die erst kurz vor dem Meer plötzlich steil abfallen, hört man das Zischen. Gefleckte Kühe grasen vor dem Blau der kantabrischen See. Wie das Emmental am Meer sähe es im Baskenland aus, hat uns ein Bekannter vor unserer Abreise gesagt. Daran gibt es nichts zu rütteln.

Hitlers Strategietest und Picassos Meisterwerk

Doch in die vermeintlich heile Welt mischen sich Erinnerungen an dunkle Zeiten. Die langen Jahre unter Diktator Franco zum Beispiel, der den Basken ihre Sprache verbot und ihnen am 26. April 1937 mit dem Luftangriff auf die Kleinstadt Gernika förmlich das patriotische Genick brach. Unterstützung erhielt Franco dabei von der nationalsozialistschen Luftwaffe, die beim Angriff auf Gernica ihre Strategie des totalen Krieges testen wollte.

Erst 1997 bat Deutschland bei den Basken offiziell um Entschuldigung. Schon 60 Jahre vorher malte der spanische Maler Pablo Picasso das Gemälde «Guernica», das den Schrecken des Krieges in abstrakten schwarz-weissen Mustern festhält.

Kopie von Picassos «Guernica» am Strassenrand. Bild: Getty

Kopie von Picassos «Guernica» am Strassenrand. Bild: Getty

Fast so berühmt wie Picassos Gemälde ist das Guggenheim-Museum in Bilbao. Die krummen Titan-Fassaden des Baus ranken sich wie erstarrte Flammen in den Grossstadthimmel. Böse Zungen sagen, der Bau des kanadisch-amerikanischen Architekten Frank O. Gehry sei von aussen wesentlich eindrücklicher als die Kunst im Inneren. Doch um in Bilbao Kunst zu erleben, braucht man gar keinen Museumseintritt. Entlang des Flusses Nervión stehen zahlreiche Kunstwerke in öffentlichen Parks.

«Maman» von Louise Bourgeois zum Beispiel. Die Riesenspinne ist der Schrecken aller Arachnophoben und die Freude aller Selfiejäger. Städtereisende lehnen sich an ihre Bronzebeine, ganze Reisecarbelegschaften stellen sich darunter für Gruppenbilder auf. Neben der Mutterspinne steht Ismail aus dem Senegal und formt aus alten Drähten Miniaturversionen des riesigen Spinnentiers.

«Maman»: die bronzene Riesenspinne in Bilbao. Bild: Getty

«Maman»: die bronzene Riesenspinne in Bilbao. Bild: Getty

«Ist eigentlich ganz einfach», sagt Ismail. Zehn Minuten braucht er für eine Mini-Maman. Eine Spinnenflut hat er in seinen fünf Jahren in Bilbao kreiert und den Basken damit Tausende kleine Monumente geschaffen. Denn irgendwie haben sie vieles gemeinsam, die Basken und die Spinnen: Sie sind weniger gefährlich als ihr Ruf, und sie hocken selbstbewusst in ihren Revieren – voller Stolz und immer auf der Ausschau nach saftigen Genüsslichkeiten.

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