Dänemark

Corona-Distancing: Braucht es zwei Meter oder reicht einer?

Abstand halten - ob nur einen oder zwei Meter macht keinen grossen Unterschied.

Abstand halten - ob nur einen oder zwei Meter macht keinen grossen Unterschied.

Die Frage nach dem richtigen Corona-Abstand ist unklar und umstritten. Vielleicht aber auch gar nicht so wichtig. Dänemark reduziert das Social Distancing nun plötzlich und erleichtert damit die Öffnung nach dem Lockdown enorm.

Es wird wieder hyggeliger, die Dänen dürfen enger zusammenrücken. Die dänische Gesundheitsbehörde hat überraschend und mitten im Öffnungsprozess nach dem Corona-Lockdown die Abstandsregeln geändert: Jetzt gilt beim Social Distancing nur noch ein Meter statt zwei – grundsätzlich. Befindet man sich allerdings in einem Altersheim, im Spital, singt man oder treibt Sport, dann soll man weiterhin zwei Meter von der nächsten Person entfernt sein.

Kompliziert – oder eine grosse Erleichterung? Warum reicht denn nun plötzlich ein Meter aus, nachdem sich die Bevölkerung wochenlang bemüht hat, doppelt so weit auseinander zu stehen? Die Frage nach dem richtigen Abstand treibt viele Länder und die internationale Wissenschaft um, was zu einem Flickenteppich von Lösungen geführt hat: 2 Meter in der Schweiz, den USA, Grossbritannien, und China, 1,5 Meter in Deutschland, Holland und Australien, mindestens 1 Meter in Österreich, Italien, Frankreich und Norwegen – und je nach Situation also ein bis zwei Meter in Dänemark. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt einen Meter, die europäische Präventionsagentur ECDC zwei.

Die Wissenschaft weiss es auch nicht so genau

Das Problem ist, dass es keine glasklaren wissenschaftlichen Aussagen zum Abstand gibt, auch weil sich dies, wenn überhaupt, fast nur im Labor messen lässt. Denn ab welcher Nähe Viren und im Besonderen das Coronavirus gefährlich werden, hängt von vielen Faktoren ab, etwa Beschleunigung aus dem Mund, Winkel, Luftverhältnisse und wo die Viren auftreffen. Grössere Tröpfchen fallen schneller zu Boden, hier besteht seit langem ein Konsens, dass das nach einem oder 1,5 Meter passiert. Dabei wird von normalen zwischenmenschlichen Situationen ausgegangen, also nicht davon, dass einem jemand ins Gesicht hustet.

Einige Tröpfchen fliegen zweifelsohne weiter, eine amerikanische Studie spricht gar von acht Metern. Aber es ist unsicher, wie hoch die Konzentration und die Gefährlichkeit der Viren dann noch ist. Die meisten Experten sagen: nicht hoch. Dies gilt auch beim Joggen und Velofahren, wo eine holländische Studie ein erhöhtes Risiko sieht; Virologen melden aber Zweifel an. Diskutiert wird zudem über die kleinsten, in der Luft schwebenden Tröpfchen, die Aerosolteilchen – über deren Ansteckungsgefahr ebenfalls Uneinigkeit herrscht. Das deutsche Robert-Koch-Institut etwa sieht darin ein gewisses Risiko.

Hände waschen ist wichtiger als der Abstand

Der Konsens bezüglich einem oder eineinhalb Meter besteht seit Jahrzehnten. Die Werte seien immer wieder durch neue Messungen bestätigt worden, erklärt Pietro Vernazza, Chefarzt der Klinik für Infektiologie am St. Galler Kantonsspital. «Letztendlich geht es um Risikoreduktion. Den grössten Teil des Risikos kann man mit einem Meter Distanz ausschalten, mit 1,5 Metern lässt sich das Risiko noch etwas reduzieren.» Einige Länder wie die Schweiz hätten eine zusätzliche Sicherheitsmarge einberechnet. Social Distancing sei keine exakte Wissenschaft, sagt auch der australische Infektiologe Philip Russo, man könne deshalb auch von zwei Armlängen reden. Es gebe keine absolute Sicherheit, sondern es geh darum den Leuten zu erklären, dass sie sich nicht nahe kommen dürften. Wie Vernazza betont auch Russo, Hygiene-Massnahmen seien im Kampf gegen Corona wichtiger als Abstand, um die Ansteckung über Kontaktflächen zu verhindern.

In Dänemark sagt Robert Skov, Oberarzt beim staatlichen Epidemie-Institut: «Es gibt keine Studien, die eine Unterschied zwischen einem oder zwei Meter zeigen.» Man arbeite deshalb, auch in Spitälern, mit der dem heutigen Wissensstand entsprechenden «Faustregel» von einem Meter. Dass Dänemark am Anfang zwei Meter gewählt habe, sei eine reine Vorsichtsmassnahme angesichts der Verunsicherung über die rasche Ausbreitung von Covid-19 gewesen.

Das Schweizer Bundesamt für Gesundheit hat auf Anfrage dieser Zeitung keine Stellung dazu genommen, warum die Schweiz zwei Meter Abstand gewählt hat.

Zwei Meter bringen nicht viel mehr als einer

Infektiologe Vernazza kritisiert den Zwei-Meter-Abstand. Die reine Maximierung von «Sicherheit» bringe kaum einen messbaren Präventionseffekt, habe aber grosse Auswirkungen auf die Lebensqualität und ergäbe praktische Probleme. Denn nicht überall sei ja auf den Trottoirs und in den Läden genug Platz: «Man verunsichert die Leute unnötig, denn der Abstand hat ja eigentlich nur eine Bedeutung, wo Menschen miteinander sprechen, aber nicht, wenn ich lautlos an einer Person vorbeigehe», sagt der Chefarzt, der die Reduktion des Sicherheitsabstandes in Dänemark begrüsst: «Das ist sehr vernünftig.»

Das Thema hat in dem skandinavischen Land viel ausgelöst. Insbesondere ist die Öffnung der Gesellschaft von einem Tag auf den anderen deutlich einfacher geworden. Mit einem Meter Abstand, beziehungsweise der Umrechnung auf verfügbare Quadratmeter pro Person, gibt es nun in Geschäften, Restaurants, Kirchen und im öffentlichen Verkehr mehr Platz, während viele Kindergärten und Schulen wieder sämtliche Kinder aufnehmen. Negative Reaktionen blieben allerdings nicht aus. Der Virologe Allan Randrup befürchtet, dass die Leute nun nachlässig werden und die Ansteckungen rasch ansteigen. Mehrere Organisationen für Senioren und chronisch Kranke beklagten, nun werde die Verantwortung abgewälzt auf Personen in der Risikogruppe, für die nach wie vor zwei Meter empfohlen werden; sie müssten nun für das Social Distancing kämpfen.

Die Gesundheitsbehörde wies die Vorwürfe zurück. Auch mit den neuen Vorschriften, die neue Hygiene-Ratschläge enthalten, sei man genügend vorsichtig, erklärte Direktor Sören Broström. Es gehe jetzt um das Gleichgewicht, die Gesellschaft verantwortungsvoll wieder zu aktivieren. Und darum, Lösungen zu finden, die über längere Zeit funktionierten.

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