Jugendsprache

«Chill Di Läbe» – mit ihren derben Sprüchen wollen die Jungen doch nur schockieren

Der Purple-Park im Basler Gundeldinger-Quartier. «Es isch so Fisch» («Ich verstehe nur Bahnhof») kennen nicht alle Anwesenden. Auch das ist typisch für Jugendsprache: Jede Gruppe hat eigene Codes und Wörter.

Man müsste eigentlich von einer Fremdsprache reden. Wenn Junge kommunizieren, verstehen Erwachsene oft nur Bahnhof. Oder sie wundern sich über die Derbheit. Beides ist gewollt. Wir haben trotzdem versucht, uns dem Phänomen Jugendsprache(-n) zu nähern. Und stellen fest: Mr sin voll hänge bliibe!

Die Glocke läutet. Ein Schüler betritt das Klassenzimmer – und wird sofort lautstark begrüsst. «Hey Bratan, was lauft?», ruft ihm ein Kollege zu. «Hey Digge, hämmer Test?», schallt es zurück. Der Rest der Klasse trudelt ein. Weitere Sprachfetzen sind zu hören. «Strapazier Nerve nid!», «Gang Di go vergrabe!» und «schliffts?».

Die 1AC der Sekundarschule Pratteln ist mit dem Kopf schon in den Ferien. Es ist der drittletzte Schultag vor Beginn der Sommerferien. Noch einmal müssen die 12- bis 14-Jährigen Hirnschmalz investieren. Jemand von der Zeitung ist da. Möchte erfahren, wie sie heute sprechen, die Jugendlichen.

Bei den üblen Beleidigungen kennt die Lehrerin kein Pardon

Tag für Tag erfährt das Sonja Schaufelberger, die Klassenlehrerin der 1AC. Nicht nur wegen ihres Berufs. Sie hat Söhne im schulpflichtigen Alter. «Für Ohren, die das nicht gewohnt sind, muss es entsetzlich klingen», sagt Schaufelberger. Doch man müsse relativieren. Die heutigen Kinder seien nicht aggressiver oder bösartiger als die Generationen vor ihnen, sie würden einfach gerne derbe Wörter benutzen, sich auch häufig beleidigen. Das sei aber mehr ein Spiel, fast schon ein Ritual.

Nur etwas störe sie: Die ganz heftigen Schimpfwörter, die gerade die Jungs gerne verwenden würden. «Bei ‹Schwuchtel›, ‹tue nid so schwul!› oder frauenverachtenden Begriffen greife ich ein», sagt Schaufelberger. «Diese Wörter akzeptiere ich nicht.»

Schon immer war es eine zentrale Aufgabe der Sprachen von Jugendlichen, die Erwachsenen zu schockieren. Die Schimpfwörter oder sexualisierten Begriffe sind verbale Grenzsteine zwischen der Welt der Jugend und der Welt der Grossen. Wie Ortschilder zeigen sie an: «Das ist unser Territorium. Ihr gehört nicht dazu!»

Die Abgrenzung kann sich aber auch gegen Gleichaltrige richten. Etwa gegen solche, die man nicht cool findet. Weil sie andere Musik hören, andere Hobbys haben, sich anders kleiden. Die Abgrenzung funktioniert dann weniger über Kraftausdrücke, sondern über interne Kommunikation.

Die Mitglieder einer Gruppe handeln aus, wer sie sind. Das geschieht vor allem über die Definition, was sie nicht sind, also ex negativo. Andere Gruppen werden benannt, beschrieben, häufig auch abgewertet: «Die sind so, wir aber nicht!» Die Linguistik spricht von der Schaffung von Identität und Alterität.

Und trotzdem: Jugendliche können ihren Sprachgebrauch flexibel variieren. Je nachdem, welche Stilebene gefragt ist. Schweizer Forscher fanden heraus: Schüler verwenden privat zwar häufig Emojis, etwa in «Whatsapp»-Chats. In Aufsätzen jedoch kommen die Gesichtlein kaum vor. «Offenbar wissen die Schüler: Da passt das einfach nicht», sagt Martin Luginbühl, Professor an der Universität Basel.

Leonita, eine Schülerin der 1AC der Sek Pratteln sagt, mit ihrer Mutter würde sie niemals sprechen wie mit Freundinnen. «Wenn sie schlecht drauf wäre und ich würde zu ihr gehen und sagen ‹Hey Alte, was lauft›, dann gäbe das einen fetten Ausraster!»

Die Jugendlichen passen ihre Kommunikation auch an (potenzielle) Zuhörer an, die sie nicht kennen. «Was wir aufschnappen», sagt Luginbühl, «etwa im Tram, ist immer der Sprachgebrauch von Jugendlichen im öffentlichen Raum. Die wissen, jemand Erwachsenes hört zu. Häufig unterhalten sie sich vor Publikum absichtlich sehr laut. Damit sie auch ja gehört werden.»

Die Klage, dass die Jugend nicht mehr korrekt reden könne und die Grammatik vor die Hunde gehe, ist bereits fürs Altertum belegt. Die ersten deutschsprachigen Wörterbücher für Jugendsprache stammen aus dem 19. Jahrhundert. Sie beschreiben den Wortschatz der Studenten. «Die Studenten, ausschliesslich Männer, besassen eine ausgeprägte Gruppensprache. Sehr gängig bei ihnen war, einem Wort eine neue Bedeutung zu verleihen», sagt Luginbühl.

Einige Begriffe kennen wir noch immer, zum Beispiel spicken (von spähen) oder Jux für Spass. Eine wichtige Rolle spielten Latein und Französisch. Was auch die frühen Sprachforscher rasch bemerkten: Die Studentensprache variiert stark, je nach Stadt, je nach Universität, je nach Burschenschaft. Und der «Slang» der Studenten veränderte sich ständig. Das Problem kennen Verlage bis heute: Kaum erschienen, sind Wörterbücher veraltet.

Die Migranten beleben die Sprache – und ihr Einfluss steigt

Der Purple-Park hinter dem Bahnhof SBB. Jugendliche auf Skateboards oder BMX-Rädern zeigen ihre Tricks. Einer davon: Anatoliy. Wir zeigen ihm eine Liste mit Jugendwörtern. Er kenne fast alle, sagt er, sein Favorit sei aber das aus dem Russischen abgewandelte Bratan. «Ich spreche zu Hause Russisch und Ukrainisch.»

Die Jugendsprache ist immer auch ein Spiegel der Gesellschaft. Die Sprachen von Immigranten fliessen über die Schule in den Wortschatz der anderen Jugendlichen ein. Die Mehrsprachigkeit wird laut Luginbühl noch an Bedeutung gewinnen. Englisch bleibe zwar dominierend. Aber es kämen viele weitere Sprachen hinzu. Etwa Versatzstücke, Begriffe und Wendungen aus dem Spanischen und Türkischen, in der Schweiz aber vor allem aus Balkansprachen. Ihre wichtige Rolle behalten Dialektwörter und Abkürzungen.

Etwas jedoch wird sich nicht ändern bei der Jugendsprache: Das Erstaunen in den Gesichtern von Erwachsenen, wenn sie Jugendliche sprechen hören.

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