Überwachung

Big Brother aus dem All: Satellitendaten werden auch für wirtschaftliche Zwecke genutzt

Wie Satelliten uns überwachen

Wie Satelliten uns überwachen

Ursprünglich für die militärische Ausspähung und Aufklärung gedacht, sind Satellitendaten nun ein wichtiges Mittel für den Wettbewerb auf dem zivilen Markt. Sie sorgen für Informationsvorsprünge und verhindern Verheimlichungsversuche.

Sam Walton, der Gründer der US-Warenhauskette Walmart, hatte eine Obsession mit Autos. Auf Geschäftsreisen, die den Besuch von sechs Walmart-Filialen pro Tag einschlossen, mietete er sich einen Pick-up und verbrachte die Nacht in günstigen Motels. Walton war ein ebenso ehrgeiziger wie penibler Unternehmer: Er inspizierte in den Filialen jedes Detail. Einmal war er so beschäftigt mit dem Zählen von Fahrzeugen auf dem Kundenparkplatz, dass er mit seinem Pick-up einen Lieferwagen rammte. Verletzt wurde zum Glück niemand.

Doch die Belegung der Kundenparkplätze trieb ihn um. «Was, wenn wir die Autos in jeder Walmart-Filiale zählen könnten?», soll er einmal seinen Bruder gefragt haben. Aus der Zahl der Autos, so die Vermutung, könne man auf den Umsatz schliessen. Jahrzehnte später, im Jahr 2010, wurde die Idee wieder aufgegriffen – allerdings nicht von Walmart selbst, sondern von Analysten, die das Unternehmen bewerten sollten.

Der UBS-Analyst Neil Currie erwarb einen Datensatz der Analytics-Firma Remote Sensing Metrics, die Satellitendaten von 100 Walmart-Filialen ausgewertet hatte. Die Datenwissenschafter konnten mit einer Zählereinheit den Zu- und Abfluss von Fahrzeugen auf Kundenparkplätzen quantifizieren. Im Monat Juni stellten die Statistiker einen Anstieg der Parkplatznutzung fest, der womöglich auf eine PR-Kampagne der Handelskette zurückzuführen war. Der Kundenfluss wurde mit anderen Variablen wie etwa der Arbeitslosigkeit in der Region abgeglichen, um daraus Vorhersagen für die Verkaufszahlen zu treffen.

Parkplätze besser als Banken bei Gewinnvorhersage

Die Luftaufnahmen sprachen eine ganz andere Sprache als die Excel-Tabellen der Grossbank. Während die Quartalsprognose der Analysten von einem leichten Umsatzrückgang ausging, indizierten die Satellitendaten einen leichten Zugewinn. Currie sah sich die Daten nochmals genauer an und stellte eine Korrelation zwischen den belegten Parkplätzen und Quartalsgewinnen fest.

Er kam zu dem Schluss, dass Walmart unterbewertet war. Ein Raunen ging damals durch die Wall Street. Vom «neuen Big Brother» an den Märkten war die Rede. Der Sender NPR schrieb, die Analysten würden «Gewinne ausspionieren».

Satellitendaten erlauben ganz neue Einsichten in die Unternehmenswelt – sie sind zuweilen aussagekräftiger als Bilanzen. So fanden die Analysten heraus, dass die Handelskette Lowe’s am Wochenende mehr Besucher hat als Konkurrent Home Depot.

Seitdem Satellitenaufnahmen 1992 für die zivile Nutzung freigegeben wurden, hat sich ein Markt mit zahlreichen privaten Satellitenbetreibern entwickelt. Das Unternehmen Orbital Insight etwa beobachtet die Verkehrsströme von 260000 Einzelhändlern, 3300 Einkaufscentern sowie 25000 Öltanks.

Die Ergebnisse sind erstaunlich: Nachdem die Schnellrestaurantkette Chipotle im Jahr 2015 wegen des Ausbruchs von Colibakterien 43 Filialen schliessen musste, beobachteten die Analysten einen signifikanten Einbruch des Autoverkehrs.

Malls, Häfen, Kraftwerke, Sägewerke, Sojafarmen, sogar Militäranlagen in Nordkorea – alles wird aus dem All überwacht. Auf den Satellitenaufnahmen lässt sich etwa erkennen, wie viele Containerschiffe an einem Hafen beladen, wie viel Rohstoffe eingelagert und wie viele Waren importiert werden. Daraus können Analysten Rückschlüsse auf die gesamtwirtschaftliche Lage ziehen und makroökonomische Indikatoren bilden.

Längst sitzen keine Analysten mehr am Bildschirme und zählen Autos oder Schiffe von Hand ab: Algorithmen screenen jeden Bildpunkt und errechnen aus den Veränderungen Trends. Die Datensätze werden immer präziser. Der Satellit WorldView-3, den der Satellitenbetreiber Digital Globe 2014 ins All schoss, liefert Bilder mit einer Auflösung von 30 Zentimetern pro Bildpunkt. Man kann theoretisch sogar Einkaufssäcke erspähen.

Transparenz für Investoren

Auch Hedgefonds interessieren für die Technik. Wenn etwa die Silos von Weizenfeldern leer sind, ist das ein Argument, in Getreidefonds zu investieren, weil dies eine hohe Nachfrage indiziert. Der US-Kartendienst Landworth spottet mit Hilfe von Satellitentechnik und Infrarot Landwirtschaftsflächen auf dem ganzen Globus: Mais-, Weizen- oder Sojafelder. Die Analysten sehen jede kleinste Veränderung, die Angebot oder Nachfrage auf den Rohstoffmärkten beeinflussen kann. Wenn eine Anbaufläche überflutet wird oder in einem Erzeugerland eine Dürre ausbricht, haben die Analysten dies auf dem Schirm.

Aus den Satellitendaten resultieren Informationsvorsprünge – Betriebe können Produktionsausfälle nicht mehr so leicht verschweigen. Das sorgt zum einen für Transparenz bei Investoren, zum anderen aber auch für zusätzlichen Druck beim Management. Als im vergangenen November in Australien ein Güterzug des Rohstoffkonzerns BHP Billiton mit 260 Waggons Eisenerz entgleiste, stieg am nächsten Tag der Preis für Eisenerz.

Erst als Trader auf Satellitenaufnahmen sahen, dass der Unfallort in einer flachen Gegend liegt und das Erz schnell wieder auf den Zug beladen werden kann, erholten sich die Preise.

Auch Tesla wurde schon aus der Luft durchleuchtet. Weil der Elektrobauer immer wieder Probleme mit der Produktion bzw. Auslieferung seiner Modelle hatte, beauftragten Anleger Sensing Metrics, das Werk Fremont in Kalifornien zu überfliegen.

Die Luftaufnahmen belegten, dass das Unternehmen die selbst gesteckten Produktionsziele verfehlen wird. Während am 2. August 2018 der Fuhrpark voll war, standen am 23. August nur ein paar Modelle auf dem Firmenparkplatz. Sam Walton hätte diese Analyse wohl gefallen.

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