Ein Stück Geschichte

Auschwitz-Überlebende erinnert sich: «Jeden Morgen wurden die Leichen der Kinder herausgetragen»

«Die Welt ist gerade dabei, zu vergessen, was damals geschah.» Lidia Maksymowicz , Auschwitz-Überlebende

«Die Welt ist gerade dabei, zu vergessen, was damals geschah.» Lidia Maksymowicz , Auschwitz-Überlebende

Kein Kind überlebte das grösste Konzentrationslager länger als Lidia Maksymowicz. Nach ihrer Befreiung ist sie jahrzehntelang in Auschwitz geblieben.

Jetzt kommen wieder die Männer mit ihren schweren Stiefeln in die Kinderbaracke. Lidia hört sie auf und ab gehen. Dabei ist auch dieser Mann im weissen Kittel. Die Männer suchen sich Kinder aus, die sie mitnehmen werden. Lidia versteckt sich unter der vom Dreck hart gewordenen Decke.

Keinen Ton gibt sie von sich. Sie glaubt, der Doktor werde sie nicht finden, wenn sie nur still ist. Doch manchmal wird Lidia mitgenommen in eine andere Baracke, wo Doktor Mengele ihr Spritzen verabreicht und an Lidia experimentiert. Nummer 70072, ihre Häftlingsnummer, tätowiert auf ihren Unterarm.

Es ist ein Wunder, dass Lidia Maksymowicz heute noch darüber reden kann. 15 Monate lang vegetiert sie in der Kinderbaracke des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau dahin, vom 4. Dezember 1943 bis zur Befreiung des Lagers durch die Rote Armee am 27. Januar 1945. Kein Kind hat die Hölle von Auschwitz so lange überlebt wie sie. Als Lidia befreit wird, ist sie vier Jahre alt. Sie ist abgemagert bis auf die Knochen, eiternde Geschwüre auf ihrer Haut. Sie hat eine Lungenkrankheit und Blutarmut. Wenige Tage länger an diesem Ort und Lidia wäre gestorben wie hunderttausende andere Kinder.

Interview mit Lidia Maksymowicz

Interview mit Lidia Maksymowicz

     

Die Mutter kroch auf allen Vieren zur eingesperrten Tochter

Lidia Maksymowicz lädt zum Gespräch in ihre Krakauer Wohnung. Die 79-Jährige will ihre Geschichte so lange erzählen, wie sie noch kann. Sie sagt, sie sei es den Opfern schuldig, Zeugnis abzulegen.

Lidia wird ihrer Kindheit beraubt. Sie hat als Kind nie gelernt, was Liebe ist. Ein Junge sagte ihr mal im Kinderblock, sie solle sich unsichtbar machen, bloss nicht weinen, nicht auffallen. Wegen Doktor Mengele. Es ging nur ums Überleben. Jedes Kind für sich.

Lidia kennt nichts anderes als tägliches Sterben, als Leid und Schmerz. Sie meint, dass so das Leben ist. «Ich habe es hingenommen als Normalität. Es war für mich auch normal, dass jeden Morgen die Leichen der Kinder herausgetragen wurden, die die Nacht nicht überlebt haben.» Sie weiss nicht, dass Unrecht geschieht in diesem Lager, weil sie nicht weiss, was Unrecht ist. Sie glaubt, dass das Leben nichts anderes für sie bereit hält als diese Hölle.

Geboren wird sie 1940 in der heutigen Ukraine. Ihr Vater ist Offizier in der Roten Armee. Als die Wehrmacht vorrückt, werden Lidia und ihre Mutter verhaftet und im Viehwaggon nach Auschwitz deportiert. Es ist mitten in der Nacht, als der Zug ins KZ einfährt.

Dieses Foto von sich selbst hat Lidia Maksymowicz bis heute aufbewahrt. Es ist eines ihrer ältesten Besitztümer.

Dieses Foto von sich selbst hat Lidia Maksymowicz bis heute aufbewahrt. Es ist eines ihrer ältesten Besitztümer.

Lidia hat schemenhafte Erinnerungen an die Ankunft. Sie weiss noch, dass die Rampe hell erleuchtet war, sie erinnert sich an das Geschrei der Soldaten und das Gebell der Hunde. Lidias Grosseltern werden nach der Ankunft direkt vergast, Lidia kommt in die Kinderbaracke, ihre Mutter in den Arbeitseinsatz.

Lidia wird Auschwitz überleben, weil ihre Mutter nachts manchmal auf allen Vieren zur Kinderbaracke schleicht, unter Todesgefahr. Sie bringt ein Stück Brot oder einen Apfel, die sie tagsüber beim Arbeitseinsatz ausserhalb des Lagers einsammeln kann. Die Bewohner der umliegenden Dörfer legen manchmal Esswaren für die Auschwitz-Häftlinge an den Strassenrand. «Ich habe das verschlungen, damit mir die anderen Kinder nichts davon wegnehmen», erzählt Lidia.

Ab Mitte Januar 1945 wird Auschwitz aufgelöst, die SS flüchtet vor der heranrückenden Roten Armee. Die Nazis sprengen die Gaskammern und die Krematorien, die Spuren dieses unfassbaren Verbrechens sollen verwischt werden. Die Explosionen hört auch Lidia. Es wird von Tag zu Tag stiller im Lager, gespenstisch. 7500 Menschen, Gebrechliche und Kinder, lassen die Nazis zurück. «Es war Totenstille im Lager», erzählt Lidia Maksymowicz. Am 27. Januar treten Soldaten in die Kinderbaracke, sie tragen einen roten Stern. Lidia isst zum ersten Mal Brot mit Aufstrich. «Wir erhielten ein Stück Brot mit Margarine.»

Lidia Maksymowicz wird Auschwitz noch lange nicht verlassen. Die Ortschaft Auschwitz, polnisch Oświęcim, bleibt bis vor wenigen Jahren ihre Heimat. Ein Ehepaar aus Oświęcim hat sich 1945 Lidia angenommen. Beim Verlassen des Lagers wird sie getragen, sie kann nicht mehr selbst gehen, ihre Beine sind eingefroren. Sie gehen vorbei an einem Berg mit toten Menschen, jemand zeigt auf eine Frau. Das sei ihre tote Mutter.

Die Kinder in Auschwitz spielten «Selektion»

Lidia wird in Oświęcim eine neue Identität bekommen. Zum ersten Mal ein Zuhause, eine Familie. Sie ist nicht mehr die Nummer 70072, sie wird katholisch getauft auf ihren heutigen Namen. Auf dem Dorfplatz von Oświęcim spielt sie Selektion: Sie versammelt die Kinder zum Appell und sagt, wer zu Doktor Mengele muss. «Jude», rufen sie die Kinder im Ort, obwohl sie immer katholisch war.

«Jude», wiederholt Lidia, und zieht dabei das «u» in die Länge. So haben die Deutschen es immer gesagt: «Juuude!» Später arbeitet sie als Ingenieurin in den Chemiewerken von Auschwitz. Auf dem Grundstück ihrer Adoptiveltern, das die Nazis enteignet haben, steht das Eingangstor zu Auschwitz. Wie kann man an diesem Ort eine Heimat finden?

Lidia Maksymowicz kramt eine Kopie eines Dokuments aus einem Ordner. Es ist eine Liste von Josef Mengele. Darauf aufgeführt sind Namen und Nummern, auch die 70072. Dahinter steht «Ludmilla Boczarowa». Aufgrund dieses Dokuments weiss Lidia, wer sie ist. 1960 findet das Rote Kreuz heraus, dass ihre leiblichen Eltern noch leben. 1961 sehen sie sich wieder, nach 6240 Tagen der Trennung.

Lidia Maksymowicz sammelt einige besonders berührende Berichte über die Ereignisse im Konzentrationslager in einem Ordner.

Lidia Maksymowicz sammelt einige besonders berührende Berichte über die Ereignisse im Konzentrationslager in einem Ordner.

«Bis dahin hatte ich kein Bild meiner Mutter in meinen Erinnerungen. Ich verband mit meiner Mutter nur ihre Hände, mit denen sie mir Brot oder Äpfel in die Baracke reichte.» Lidia und ihre leibliche Mutter bleiben in Kontakt, finden aber nie wieder richtig zueinander. Mutterliebe empfindet sie für ihre polnische Adoptivmutter. «Ich habe meiner leiblichen Mutter zu verdanken, dass ich überlebt habe. Meinen polnischen Eltern habe ich zu verdanken, dass mich Auschwitz nicht gebrochen hat.» Heute ist Lidia zweifache Grossmutter und Urgrossmutter.

Lidia Maksymowicz strahlt Kraft und Lebensfreude aus.

Bei Vorträgen in Schulen, bei Begegnungen in der Gedenkstätte Auschwitz gibt sie den jungen Menschen eine Botschaft mit auf den Weg.

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