Sterbehilfe

Auch wenn es ans Sterben geht, möchten wir uns selbstbestimmen

«Wir sind der Stoff, aus dem die Träume sind, und rings um unser kleines Leben ist der Schlaf.» (Shakespeare) thinkstock

«Wir sind der Stoff, aus dem die Träume sind, und rings um unser kleines Leben ist der Schlaf.» (Shakespeare) thinkstock

Modern sein heisst, möglichst alles «in eigener Hand» zu haben – in Umwelt und Natur sind wir da ziemlich weit gekommen. Und in unserem Leben?

«Fast 13 500» Personen wollten 2014 Exit beitreten. 70 Prozent mehr als 2013, meldet die Organisation, die Menschen beim «selbstbestimmten Sterben» beistehen will.

Die Zahlen sind eindrücklich. Exit erklärt den Rekordzuwachs «technisch»: Der Zugang zu einem Medikament für den sogenannten «Altersfreitod» sei leichter geworden. Das mag sein. Aber dahinter steht sicher auch mehr. Man mag es einen «Trend» nennen. Aber es ist ein Phänomen, das darauf hinweist, dass unser Leben – oder unsere Sicht darauf – im Begriff ist, sich radikal zu ändern.

Eine Grenze verschiebt sich, die wir lange für so unverrückbar gehalten haben, dass wir sie lieber verdrängt haben. Die Grenze heisst «Unverfügbarkeit» – und das Unverfügbare war früher die eigentliche Domäne des Religiösen. Es geht um das, was «nicht in unserer Hand liegt».

Geworfen werden und gehen

Nun sind wir im Leben allem Möglichen unterworfen. Damit müssen wir zurechtkommen. Anfang und Ende zählten mit Sicherheit dazu. Wir werden nicht gefragt, ob wir geboren werden wollen. Wir werden «in die Welt geworfen», wie ein Philosoph etwas hart formulierte. Und dann müssen wir wieder gehen. So oder so – oder anders. Schnell und plötzlich oder mit mehr oder weniger langer «Vorwarnzeit», je nachdem mit mehr oder weniger Leiden verbunden.

An alten Kirchen im Berggebiet ist oft der heilige Christophorus an die Wände gemalt. Aussen, nicht innen. Das sei deshalb, hörte man, damit der Wildheuer, der den Tritt verliert und abstürzt, noch schnell den Heiligen mit dem Stab anblicken kann. Vielleicht fällt ihm dann das Gebet leichter ein oder Sankt Christophorus, der der Legende nach das Jesusknäblein durch einen Fluss trug (und schwer daran trug), soll ein zuverlässiger Begleiter ans andere Ufer sein.

Man fürchtet das plötzliche Ende. Und in alten Geschichten wird oft berichtet, wie würdevoll – und geplant und inszeniert – Menschen gestorben sind. Sokrates mit munterem, aber tiefsinnigem Geplauder, Seneca, der sich in der Badewanne beim Ausbluten zusah, der König David, der dem Salomo in aller Gelassenheit noch ein paar Todesurteile aufgibt, «legt sich zu seinen Vorfahren» – wie später Salomo auch.

Ein würdiger Tod – ein gewollter?

Natürlich ist alles das eine Illusion. Eine Einbildung, man hätte da etwas «in eigener Hand» gehabt. Was natürlich nicht wirklich wahr ist. «In Würde sterben» heisst nicht per se: «sterben wollen». «Sich selbst ein Ende machen», wie der Euphemismus den Selbstmord umschreibt, war gerade nicht das «würdevolle Sterben». Sondern in der Regel die bessere von zwei ganz schlechten Alternativen.

«Mit sich selbst und der Welt im Reinen friedlich sterben zu können», ja vielleicht gar noch «friedlich einschlafen zu können», das ist etwas, was einem vergönnt sein muss. Eben prinzipiell unverfügbar. Wer so weit gläubig ist, dass er «den Tod nicht fürchten muss», – «ob wir leben oder sterben, wir sind des Herrn», sagt die Bibel, für den ist dann der Tod der Übergang zu einem anderen, einem womöglich besseren Zustand. Man kann offenbar an das Konzept der Seelenwanderung wirklich glauben, in welcher Spielart auch immer.

Die moderne Welt hat den Tod auch «hinweggenommen». Indem sie ihn verdrängt. Der Tod ist etwas, was vor allem den anderen zustösst. Vielleicht liegt es wirklich nicht «in unserer Hand», aber das hat dazu geführt, dass wir es möglichst wirkungsvoll zu vergessen trachten. Wir haben das Unverfügbare ins Vergessen verschoben. Manchmal sind wir dann etwas konsterniert, wenn es sich wieder meldet: Bei den moralischen Problemen der Gentechnologie oder eben bei den Problemen, die sich uns stellen, seit die Medizin so mächtig geworden ist, dass «man fast nicht mehr sterben kann». Dabei muss man allerdings wissen, dass es den «Tod aus Altersschwäche» nicht gibt. Der Mensch stirbt nicht «am Alter» oder «an der Schwäche», sondern in aller Regel an Organversagen. Meistens multiplem. Und das geht nicht immer klang- und schmerzlos ab. Aber dafür haben wir die «Palliativmedizin». Die dafür nicht immer weiss, wann sie aufhören soll.

Ist das Wann eigentlich das Wie?

Was möchten wir lieber «in unserer Hand»haben: Wann wir sterben oder wie wir sterben? Oder hängt gar beides miteinander zusammen? Darauf könnte die Hinwendung zu Exit schliessen lassen. Dass der «selbstbestimmte Tod» den Zeitpunkt meint, und das «Wie» insofern damit zusammenhängt, dass zuvor eben alles geregelt und ins Reine gebracht werden kann?

Dann, ja dann, wäre der Tod zu etwas geworden, was wir in der Tat dem «Unverfügbaren» haben entreissen können. Wir haben zwar auch begonnen, «am Anfang» herumzumachen, aber das Ende, das liege jetzt «in unserer Hand».

Man kann eine Multiple-choice-Liste machen. Sterben plötzlich (Unfall, Herzkasper oder so), Verdämmern vor dem Sterben (Demenz oder ähnliche Degeneration), langsames Sterben durch (allmähliches) Organversagen (Krankheit oder Alter) – was darfs denn sein? Oder, das schrieb der Chefredaktor des «British Medical Journal», Richard Smith, wäre gar der beste Tod der an Krebs? Nüchtern betrachtet hat das etwas für sich: Man weiss, es wird jetzt kommen. Man weiss aber trotzdem nicht genau, wann. Man hat Zeit, alles zu regeln. Und man muss trotzdem die Entscheidung nicht treffen, die für viele immer noch eher «theoretisch» ist. Und das Prozedere muss – das verspricht uns die Medizin – nicht unbedingt so qualvoll sein wie früher.

All das weist auf etwas hin, was oft übersehen wird. Wir haben die Religion aus dem Leben verabschiedet, weil wir offenbar glauben, wir brauchten sie nicht. Wir «können» jetzt viele Dinge, wo wir früher verzweifelten. Wir haben (fast) alles in der Hand. Die Technik hat das Unverfügbare in den Restraum des Katastrophisch-Unwahrscheinlichen gerückt.

Welch eine Illusion! Wir haben gar nichts in der Hand. Wir stellen uns lieber nicht vor, was passiert, wenn uns «unsere Systeme» im Stich lassen – oder sabotiert werden. Dann erwachen wir. Aus der Traum. Wohin blicken wir dann? An welche Kirchenwände?

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