Gruselig

Anlässlich Halloween: Wir haben die schaurige Schattenwelt der Schweiz besucht

Nächsten Donnerstag ziehen wieder Skelette, Hexen und Zombie-Fratzen durch die Strassen. Gruseln lässt sich aber nicht nur an einem Tag im Jahr. Die Schweiz kennt eine reichhaltige Überlieferung von schauerlichen Geschichten. Ein Augenschein im gespenstischen Bern.

Schlurfende Schritte sollen nachts in der Berner Altstadt zu hören sein. Entlang der Brunngasse wird an Haustüren gerüttelt. Plötzlich dröhnen Schritte in einem der Treppenhäuser, schleppen sich unter das Dach. Dort, im Estrich, klingt es, als ob jemand niederknien würde. Ein Seil und ein Stein schlagen auf dem Fussboden auf.

Der nächtliche Unruhestifter soll der Geist eines verzweifelten Vaters sein, der sich einst in der Aare ertränkte. Dies, nachdem die Liebesbeziehung seiner Tochter mit dem Sohn reicher Patrizier endete, weil dessen Familie ihn vor die Wahl stellte: das Erbe oder das Mädchen aus ärmerem Haus. In seiner Ehre und Würde verletzt, nimmt sich ihr Vater schliesslich das Leben.

Als Geist soll er jedoch weiterhin regelmässig in die Brunngasse zurückkehren. Einmal habe ihm ein junger Mann zugerufen, er solle ruhen, seine Angehörigen seien längst gestorben. Eine Kältewelle habe den Jüngling daraufhin erfasst. Seine eine Gesichtshälfte spürte er fortan nicht mehr.

Einige Geister kennt man in Bern mit Namen

An diesem Abend im Oktober schleppen sich keine Schritte durch die Brunngasse. Dafür kriecht die Nässe durch Schuhe und Mantel. Es nieselt, und der Himmel dämmert bedrohlich dunkelblau-grau. Für Ursula Arregger webt dieses Wetter die optimale Kulisse für ihre Stadtführung «Gespenstisches Bern». Denn ihre Protagonisten mischen sich nicht unter braungebrannte Bernerinnen und Berner, die mit ihrem wasserdichten Aarebag Richtung Flussbad ziehen.

Sie mögen auch keine Menschen, die sich an lauen Sommerabenden mit einem Glas Bier vor einer Bar drängen. Arreggers Figuren kommen am besten zur Geltung, wenn Nebelschwaden durch die Altstadtgassen wabern, die Dunkelheit sich über die Stadt legt und Regen oder Kälte die Passanten von der Strasse fegen. In dieser Szenerie weckt Arregger sie in ihren Erzählungen zum Leben: die Untoten, die durch Berns Gassen irren; die Geister, die nicht loslassen können.

Einige von ihnen kennt Arregger mit Namen. Etwa den Ritter und Feldhauptmann Rudolf von Erlach, der immer mal wieder spät abends im Kornhaus-Keller sitze. Voller Sorge, dass Bern erneut angegriffen werden könnte, wie im 14. Jahrhundert, als er im Laupenkrieg das Berner Heer angeführt hatte. «Erschrecken Sie deshalb diesen Mann nicht», sagt Ursula Arregger.

Beginnt die Stadttour relativ harmlos mit dem ruhelosen Ritter, hört man bald Schauerliches aus der Schattenwelt. Arregger dreht sich auf dem Kornhausplatz um und zeigt auf den Kindlifresserbrunnen: Davor sollen wiederholt Nebelschwaden aufziehen, die sich lichten und Neugeborene hervortreten lassen. Es sind zurückgelassene Kinder, die aus Verhältnissen von sündhaften Mönchen und Nonnen stammten.

Gerade als die Stadtführerin eine Kunstpause einlegt, schnappt ein aufgespannter Schirm zu. Die Frau darunter schreckt hörbar zusammen. Ein Geist? Der Kollege, der den Schirm über die Frau hält, schaut betreten. Er hat aus Versehen den Knopf am Griff gedrückt und den Automatismus ausgelöst. Doch sieht man sie überhaupt, die Untoten?

«Nur Gespenster», sagt Ursula Arregger, «sie können uns belästigen, Gläser herumschieben oder in Form einer Katze oder eines Esels auftauchen. Achten Sie sich mal.» Anders sei es bei Geistern: «Die sehen wir nicht, wir spüren sie. Es sind die Seelen von Menschen, die noch nicht loslassen konnten.»

Ein Metzgerlehrling muss für seinen Frevel sühnen

Glaubt man Arregger, gibt es einige solche ruhelosen Geister in Bern. Je tiefer sie in die Altstadt führt, umso häufiger stösst man auf spukende Ecken Berns.

Unter spärlich beleuchteten Lauben oder in dunklen Gässchen berichtet die begnadete Erzählerin von Hexen, die splitternackt um Weinfässer sprangen, oder von einem jungen Mädchen, das nach einem Tanz mit dem Teufel als verschollen gilt. Der Geist ihrer Mutter kehre bis heute in die frühere Wohnung zurück – und warte auf die Rückkehr der Tochter.

Den Märchen ähnlich enthalten viele der schauerlichen Mythen und überlieferten Geistergeschichten eine moralische Botschaft. Wer seine Geldgier oder Neugier nicht bändigen konnte, fiel nicht selten dunklen Mächten zum Opfer. Es konnte also schlimmere Strafen geben als die irdischen.

Etwa jene des Metzgerlehrlings, der grausam ein Kalb misshandelt hatte. Bis heute soll er in dessen Gestalt vor dem ehemaligen Schlachthaus – heute ein Theater – auftauchen. Verzweifelt und laut muhend.

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