Alzheimerforschung

Alzheimer soll besser erforscht werden: Wo liegt der Anfang der Demenz?

Plötzlich wichtig für die Alzheimerforschung: Menschen mit der vererbbaren Frühform aus dem kolumbianischen Dorf Yarumal. Arzt Lopera (2. von rechts) mit Patienten.

Plötzlich wichtig für die Alzheimerforschung: Menschen mit der vererbbaren Frühform aus dem kolumbianischen Dorf Yarumal. Arzt Lopera (2. von rechts) mit Patienten.

In Yarumal in Kolumbien starb jeder Sechste der 30000 Einwohner an Alzheimer. Präparate sollen nun endlich Klarheit schaffen, wo der Anfang der Demenz liegt. Plötzlich werden Menschen mit der familiären Frühform für die Wissenschaft wichtig.

Wahnsinnig schön sind die Hirne nicht, die im gelblich verfärbten Formalin hin und her schwappen. Aber Andrés Villegas, Koordinator der Hirnbank an der Universität Antioquia in Kolumbien, hebt die weissen Plastikeimerchen so sorgfältig aus dem Schrank, als wären sie aus Gold:

Die Präparate helfen Forschern vielleicht, endlich herauszufinden, wo der Anfang der Alzheimer-Demenz liegt. Die konservierten Hirne gehörten Menschen aus Yarumal, einer hübschen Berggemeinde in Kolumbien, die bereits mit 40, 50 Jahren an der seltenen Form von genetisch vererbtem Alzheimer starben.

Bisher interessierte sich die Wissenschaft kaum für jenes Städtchen, in dem jeder Sechste der 30 000 Einwohner die Krankheit geerbt hat, die dort «la bobera» heisst, die Tollheit.

Weltweit erkranken nämlich weniger als zwei von hundert Alzheimerpatienten am vererbbaren Früh-Alzheimer. 98 Prozent leiden an der sporadischen Form, die sich erst jenseits des Pensionsalters bemerkbar macht. Für sie wollen die Forscher Heilung finden. Doch sie drehen sich im Kreis: Ohne den Auslöser zu kennen, können sie nur schwer eine wirksame Therapie entwickeln.

Yarumal in Kolumbien

Heute leben weltweit an die 47 Millionen Menschen mit Demenz, 2030 werden es gemäss Welt-Alzheimerbericht 75 Millionen sein. Bis 2050 soll diese Zahl auf mindestens 131 Millionen steigen. Zunehmendes Alter ist der grösste Risikofaktor. Wahrscheinlich begünstigen Stress oder eine ungesunde Lebensweise die Abwehrschwäche.Nach heutigem Wissensstand gilt deshalb eine gesunde, stressfreie Lebensweise als wirksamster Schutz gegen Alzheimer. Empfehlenswert ist hohen Blutdruck, Rauchen und Übergewicht zu vermeiden, sich regelmässig zu bewegen und ausgewogen zu ernähren. Experten sind sich einig: Was gut ist für das Herz, hilft auch dem Hirn. Ausserdem regen soziale Kontakte und Aktivitäten die Hirntätigkeit an. Laut Jahresbericht der Schweizerischen Alzheimervereinigung (alz.ch) zeigt eine gesündere Lebensweise bereits erste Erfolge. Das würde erklären, was die Experten erstaunt feststellten: Die Zahl der Erkrankungen hat längst nicht so stark zugenommen wie Hochrechnungen vor 10 Jahren erwarten liessen (CW)

Die Zerstörung aufhalten

Der Neurobiologe Mathias Jucker hat allerdings eine Theorie, die vieles erklären könnte. «Wir müssen die Anfänge der Alzheimerkrankheit erwischen, die ersten Dominosteine», sagt er.

Der Aargauer mit markantem Gesicht und frischer Stimme ist Professor am Hertie Institut für klinische Hirnforschung und am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Tübingen.

2010 fand er an Mäusen heraus, was englische Forscher jetzt am Menschen zeigen: Beta-Amyloide sind unter bestimmten Umständen übertragbar (siehe Kasten). Eine funktionierende Körperabwehr bekämpft jedoch solche falsch gefalteten Eiweissmoleküle und transportiert sie als Abfall aus dem Körper.

Kommen zu viele falschgefaltete Eiweissmoleküle zusammen, können sie gesunde, in jedem Hirn vorhandene Moleküle anstecken und sie dazu bringen, sich ebenfalls falsch zu falten.

Damit setzt sich ein Zerstörungsparcours in Gang, der mit der Zeit immer schneller abläuft, bis ein grosser Müllhaufen von Ablagerungen («Amyloid-Plaques») und ein absterbendes Hirn zurückbleiben.

Könnte man die ersten Dominosteine lokalisieren und rechtzeitig unschädlich machen, so die Theorie des Neurobiologen, wäre Alzheimer besiegt: «Therapieversuche an Menschen mit ersten Krankheitsanzeichen setzen deshalb viel zu spät ein.»

Die Vorläufer der Krankheit, das wissen Experten heute, werden zwanzig, vielleicht sogar dreissig oder mehr Jahre vorher aktiv – lange vor den ersten sichtbaren Symptomen. «Bei mir wäre das jetzt bereits der Fall», sagt der 54-Jährige mit einem unbekümmerten Lachen. «Bloss merken zu diesem Zeitpunkt weder Sie noch ich etwas davon.» Bis das System zusammenbricht und das grosse Vergessen einsetzt, dauert es Jahre. Wenn es aber passiert ist, kommt jedes Medikament zu spät.

Liegt die Lösung in Yarumal?

Deshalb untersucht Jucker jetzt im Rahmen der Studie DIAN (Dominantly Inherited Alzheimer Network) Betroffene, bei denen ein Gendefekt für die Frühform der Krankheit verantwortlich ist. «Wir müssen Schutzfaktoren finden, die diesen Effekt rechtzeitig aufhalten», erklärt er. Zeigt ein Gentest, dass jemand Träger ist, wissen die Forscher, dass diese Person erkranken wird und können sogar abschätzen, wann ungefähr.

Jucker und seine Kollegen machen Gedächtnistests, untersuchen Blut und Nervenwasser, stecken ihre Patienten in die Röhre, um Gehirnvolumen und -struktur zu untersuchen, forschen nach ersten Amyloid-Ablagerungen und nach der Menge Zucker, die ihr Hirn konsumiert. Anschliessend testen sie Medikamente, die bei Studien an Patienten mit ersten Alzheimersymptomen versagt hatten: Vielleicht wirken sie bei diesen Patienten, wenn sie lange vor den ersten Krankheitsanzeichen angewendet werden? «Natürlich kann keine Pharmafirma zwanzig Jahre warten, um zu sehen, ob ein Medikament wirkt», räumt Jucker ein. «Aber es gibt messbare Anzeichen, die Hinweise auf die Wirksamkeit geben.»

Aus diesem Grund wird auch Yarumal in Kolumbiens Hochland auf einmal für die Alzheimerforscher so wichtig, dass 100 Millionen Dollar Forschungsgelder dorthin fliessen: Schätzungsweise 5000 Menschen tragen dort die Genveränderung namens «Paisà-Mutation» in sich. Ihre Vorfahren, aus dem Baskenland eingewandert, hatten das Gen mitgebracht. Weil die Menschen in den abgelegenen Regionen meist untereinander heirateten, konnte sich «die Pest des Vergessens» ungehindert unter ihnen ausbreiten. Wie Jucker in Deutschland untersuchen heute internationale Forschergruppen in Kolumbien diese Familien.

Das, nachdem der Neurologe Francisco Lopera von der Universität Antioquia 30 Jahre lang fast der Einzige war, der sich für diese erbliche Form von Alzheimer interessiert hatte. Tagelang reiste der Arzt mit seiner silberweissen Mähne durch abgelegene Dörfer, machte Demenz-Tests, nahm Blutproben oder bat Angehörige um die Hirne ihrer Verstorbenen. Rund 250 Alzheimerhirne brachte Lopera mittlerweile für die Hirnbank von Andrés Villegas zusammen. Dieser legt jedes Exemplar sorgfältig in Formalin oder kühlt es auf minus 80 Grad herunter.

Diese Präparate, zusammen mit den weltweit über 400 Genträgern, die im Rahmen der DIAN-Studie untersucht werden, helfen, dem grossen Traum von Forschern wie Mathias Jucker näher zu kommen: «Vielleicht finden wir eines Tages etwas, das die Alzheimerkrankheit stoppt, bevor sie beginnt.»

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